Punisher killt das Marvel-Universum (Panini) | Comicleser

Punisher killt das Marvel-Universum (Panini)

September 5, 2016

Punisher killt das Marvel Universum (Panini)

Frank Castle ist ein grimmer Rächer und schießt lieber gleich, bevor er fragt. Natürlich ausschließlich auf Ganoven aller Couleur. Aber was, wenn seine Familie nicht bei einer Ballerei unter Gangstern, sondern bei einem Einsatz von New Yorks heroischen Beschützern ums Leben gekommen wäre? Dann musste er doch folgerichtigerweise einen ordentlich Groll auf eben diese Herren haben, oder? Und jetzt alle zusammen: richtig! Als in dieser spekulativen Storyline nämlich genau das passiert, jagt der gute Frank einem arroganten Cyclops eine Kugel in den Kopf. Nur die Künste eines Matt Murdock bewahren ihn vor Gericht vor noch Schlimmerem, er kassiert Lebenslänglich und damit aus. Oder auch nicht, denn der Gefangenentransport führt keineswegs in den Knast, sondern zu einer entlegenen Berghütte. Dort nimmt ihn eine mysteriöse Figur namens Calhoun in Empfang, der einen Trupp Verletzter, Verstümmelter und Verstörter anführt, den eines eint: allesamt sind sie Opfer von Superhelden-Einsätzen geworden, Kollateralschaden der Helden sozusagen, die sich vor lauter Prügeleien mit den Fieslingen nicht darum scheren, ob dabei Zivilisten verbrannt, von herumfliegenden Autos zermalmt oder anderweitig in Mitleidenschaft gezogen werden. Calhoun macht dem schnaubenden Castle ein Angebot, das er nicht ablehnen kann: er soll das Ganze Super Kroppzeug aus der Welt schaffen – egal ob vermeintlicher Held oder Schurke. Im Gegenzug hauen ihn die rachsüchtigen Menschen immer aus dem Knast, wenn das nötig wird. Gesagt, getan, und so springt in der Folge nach und nach die Prominenz des Marvel-Universums über die Klinge: den Anfang macht der freundliche Nachbar Spinne und gemeinsam mit seinem Kumpan Microchip befördert der Punisher ex-Freund (Hulk, Rächer), Feind (Dr. Doom, Kingpin) und natürlich auch den hassgeliebten Wolverine ins Jenseits, bis nur noch der alte Weggefährte Matt Murdock übrig ist…

Vorhang, neue Welt, neues Ungemach: in einer dystopischen Zukunft hat ein geheimnisvolles Virus die Welt überrannt, das die primitivsten Züge im Menschen hervorkehrt und aus friedvollen Zeitgenossen blutdurstige Kannibalen macht. Erstes Opfer war der sonst so fröhliche Spider-Man, der vor den Augen der entsetzen New Yorker seinen alten Widersacher Rhino besiegte – und dann damit begann, ihn zu verspeisen. Seitdem breitet sich die Seuche rasend aus, die wenigen nicht Infizierten leben im Terror und verwandeln sich nach und nach. Zu den wenigen nicht Befallenen gehört auch Frank Castle, der einen Mafia-Deal vereitelte und dabei mit einer chemischen Substanz in Berührung kam, die ihn offenbar immun machte. Seitdem durchstreift er die Ruinen und macht gnadenlose Jagd auf die monströsen Varianten der früheren Helden – auf einem Friedhof sammelt er wie im Mittlelalter die Köpfe der zombifizierten Helden- und Schurken-Armada aus dem Marvel-Universum. Seine liebe Not hat er dabei nur mit dem unkaputtbaren Deadpool, der sich auch zerkleinert und durchsiebt weigert, endgültig abzutreten. Gerade hat der Punisher einen ebenfalls nicht infizierten Priester und ein kleines Mädchen gerettet, als Deadpool ihm flüstert, es gäbe noch jede Menge Überlebender – und zwar bei jenem Patient Zero, der die Seuche als erster anschleppte. Eine wahrhaft bizarre Variante von Spiderman, vermischt mit Venom, tritt ihm schließlich entgegen und berichtet, dass er alle Stämme ausgerottet habe und alleiniger Herrscher der neuen Welt sei – wenn da nicht der Todbringer wäre, der seine Frau mit samt anderen Überlebenden entführt hat. Castle lässt sich auf einen Deal ein: er hilft dem Monströsen Netzschwinger, und der bietet ihm Frieden an…

Die limitierte Variante mit Steve Dillon-Cover

Die limitierte Variante mit Steve Dillon-Cover

Garth Ennis’ hintergründiger Humor, gemischt mit der ebenso gewohnt deftigen Portion Gewalt, nahm im legendären One Shot „Punisher Kills the Marvel Universe” von 1995 Genre-Konventionen aufs Korn, ganz in der Tradition der What if -Geschichten und der Parallelwelt einer Erde 2, auf der Alternative Storylines erprobt werden konnten. Ennis nutzt seinen Ausflug zu einer dunklen Version der Metawesen, die auch eines der guten Elemente der Kinokeilerei „Batman v Superman” ausmachte: die allzu realen Konsequenzen des Treibens allmächtiger Wesen für die zahllosen unbeteiligten Zuschauer (was Ennis bereits im ersten Band von „The Boys aufgriff” und die Serie „Damage Control” schon von der witzigen Seite her aufrollte). Dabei changiert Ennis zwischen Gewaltattacken (wie im Falle Spider-Man und Captain America), dem Ausnutzen bekannter Schwächen (er wartet einfach, bis aus dem rasenden Hulk wieder Bruce Banner geworden ist), technischen Raffinessen (Dr. Doom sprengt er kurzerhand in die Luft) oder auch listiger Taktik: in einer wunderschönen Parodie der ikonischen Jim Lee-Storyline um die X-Men und Magneto lockt er beide Mutantentruppen auf den Mond und zündet dort eine Atombombe. Bumms, Aus, Nikolaus. Der diebische Spaß ist deutlich zu spüren, als Ennis uns die Erkenntnis aufdrängt: die ganzen endlosen Kämpfe, die schier unsterblichen Helden und Schurken, von denen die Comic-Industrie ja lebt – das ist alles totaler Quatsch: mit ein wenig Grips und den richtigen Wummen lassen sich alle aus dem Weg räumen. Das nimmt die Genre-Persiflagen eines Deadpool vorweg und ist eine ebenso respektlose wie vergnügliche Irreverenz vor dem Haus der Wunder. ‘Nuff Said, möchte man da fast sagen!

Einige Jahre später, genauer gesagt 2010, nahm dann in der vierteiligen Miniserie „Marvel Universe vs The Punisher” der Zombie-erprobte Jonathan Maberry den Faden auf, tauchte ihn aber in eine blutrote Atmosphäre und legte den Fokus weniger auf die Freude an der Dekonstruktion, sondern auf psychologisch-existentielle Fragen: wenn die klar in schwarz und weiß sortierte Welt, in der der Vigilant Punisher bestens funktioniert, sich nach und nach auflöst – lohnt es sich noch zu kämpfen? Und für was? Wie kann der, der immer gegen etwas stand, nun für das Überleben sein? Ist Frieden überhaupt sein Ziel? Düster, im Geiste von Endzeit-Epen wie „I am Legend” oder natürlich „The Walking Dead”, aber auch mit Anklängen an andere Einzelkampfer wie Rambo, wirft Maberry die Figur, die von nicht gerade liberalen Vorkämpfern für Recht und Ordnung wie Dirty Harry abstammt, aus der Bahn, weil die simple moralische Verortung, die jede Selbstjustiz für sich in Anspruch nehmen muss, aufhört zu existieren (und vielleicht ja nie existiert hat). Somit erleben wir zwei auch zeichnerisch höchst unterschiedliche Interpretationen (einmal klassischer Superhelden-Stil von Doug Braithwaite, einmal düster-modern von Goran Parlov, inklusive hübscher Anspielungen auf die Conan-Posen eines Frank Frazetta oder John Buscema) einer „was wäre wenn”-Idee, die stets eines gemeinsam hat: wenn die Guten auf einmal die Bösen sind, woran hält man sich dann noch? Darüber lohnt es sich nachzudenken, gerade in einer Zeit, in der vermeintliche Heilsbringer die Welt wieder einmal in einfache Lager und Lösungen zu unterteilen versuchen. Ach ja, und Deadpool rockt bekanntlich auch als Zombie. (hb)

Punisher killt das Marvel-Universum-Collection
Text: Garth Ennis, Jonathan Maberry
Bilder: Doug Braithwaite, Goran Pavlov
156 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
16,99 Euro

ISBN: 978-3-95798-865-2

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