Daredevil: In den Armen des Teufels (Panini) | Comicleser

Daredevil: In den Armen des Teufels (Panini)

April 5, 2016

Daredevil: In den Armen des Teufels (Panini)

Vater werden ist nicht schwer, Vater sein… ihr wisst schon. Die ganze Wahrheit dieser Binsenweisheit erfährt auch Matt Murdock, als er wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde kommt. Und zwar im wörtlichen Sinne. Von seiner Freundin Karen Page verlassen und von Sinnkrisen geplagt, sitzt er gerade beim Beichten, als er mitbekommt, dass eine junge Frau und ein Kleinkind offenbar von diversen Lumpensöhnen per Auto gejagt werden. Daredevil greift natürlich ein und rettet das bedrängte Pärchen – und staunt nicht schlecht, als ein paar Tage später die minderjährige Gwyneth mit ihrem Säugling in seiner Kanzlei auftaucht und ihm wahrlich Unglaubliches eröffnet: sie sei jungfräulich zur Mutter geworden, aber ein Engel sei ihr erschienen und habe ihr mitgeteilt, dass ihr Kind der Erlöser sei. Dieser Erlöser muss natürlich standesgemäß beschützt werden, und dafür sei doch niemand besser geeignet als Matt, der ja im echten Leben doch Daredevil ist. Bevor Matt sich‘s versieht, drückt ihm Gwyneth ihren Sprößling in die Hand und sucht das Weite.

Etwas überfordert mit der Situation, reaktiviert Matt seine alte Flamme Black Widow, die ihm über Teilzeit-Babysitterdienste hinaus allerdings auch nicht weiterhelfen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass eine ominöse Gestalt namens Nicholas Macabes in Matts Kanzlei auftaucht (welch ein Parteienverkehr!) und ihm eine noch abenteuerlichere Geschichte auftischt: der Sprössling sei alles andere als der Erlöser, sondern vielmehr der Antichrist himself, der getarnt als süßer Fratz nichts anderes als die Apokalypse ankündigt. Macabes Organisation, die Scheol, warten seit Jahrhunderten auf diesen Moment, halten ihre schützende Hand über die Menschheit und schaffen dabei immer wieder gezielt Superwesen (Wandkrabbler, grüne Kraftprotze und andere) als Bewacher. Bei der Entfernung der ultimativen Bedrohung ist man gerne behilflich – Matt solle doch einfach das Kind übergeben, die Scheol kümmern sich um alles Weitere. Matt hat 48 Stunden, sich zu entscheiden, in denen die Ereignisse sich überstürzen und in der Tat ein verhängnisvoller Einfluss über ihm zu stehen scheint: sein Partner Foggy lässt sich mit einer Klientin ein, die sich angabegemäß in ein Monstrum verwandelt und sich aus dem Fenster stürzt.

Das nimmt Foggy natürlich niemand ab, womit Matt seinen Kompagnon plötzlich aus einer Mordanklage pauken darf; Karen Page kehrt vollkommen verzweifelt zu ihm zurück, da bei ihr eine HIV-Infektion festgestellt wurde, obwohl sie sich dank ihrer „bewegten“ Vergangenheit als Junkie doch mehrfach negativ testen ließ. Und Daredevil selbst scheint in den religiösen Wahn abzugleiten: er entwickelt eine massive Aggression gegen Verbrecher und Frauen (nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge), und Black Widow kann den rasenden Teufel nur mit Mühe davon abhalten, das Kind – ein kleines Mädchen übrigens – ins Jenseits zu befördern. Als Daredevil dann auch noch entführt und von einem – richtig geraten – mysteriösen, dämonischen Charakter namens Baal ausgefragt wird, der es als seine Aufgabe bezeichnet, das Kind zu schützen und großzuziehen, knallen bei Matt endgültig die Sicherungen durch: er entkommt, wird von Black Widow gerade noch vor einem heranrasenden Truck gerettet und stürzt sich mit dem Kind vom Dach. Er überlebt schwer verletzt und kriecht zur einzigen Person, der er in diesem Chaos noch vertrauen kann: seiner Mutter, die als Ordensschwester hier wohl in der Tat die letzte Hoffnung ist…

Angesichts des phänomenalen Erfolges des Marvel-Universums auf der Leinwand und auch im Fernsehen, wo ja nicht zuletzt unser Lieblings-Anwalt derzeit für Furore sorgt (die Staffel 2 von Daredevil ist gerade auf Netflix erschienen), scheint es kaum vorstellbar, dass das selbst erklärte Haus der Wunder Mitte der 90er kreativ und auch finanziell weitgehend am Ende war. Weit entfernt von der Kreativität der 80er-Jahre, die ja diverse meisterliche Reboots bekannter Figuren hervorbrachten, produzierte man die immer gleichen, glatt inszenierten Stories mit viel Glitzer, aber ohne Tiefgang, und vor allem Daredevil war bestenfalls ins zweite Glied zurückgefallen. Es fiel dem damaligen Zeichner und späteren Chefredakteur Joe Quesada zu, hier einen Befreiungsschlag zu wagen. Seine Company Event Comics durfte Ende der 90er bei einigen Figuren einen Neustart versuchen, wofür Quesada ein heikles Experiment einging: er verpflichtete genre-fremde Autoren und suchte sich für Daredevil den Filmemacher Kevin Smith (Green Arrow) aus, der in Hollywood mit seinen Nerd-Festen Clerks, Mallrats und Chasing Amy für Aufsehen gesorgt hatte.

Das limitierte Hardcover

Das limitierte Hardcover

Smith versuchte unerschrocken den großen Wurf und landete mit seiner Geschichte „Guardian Devil“, die 1998 unter dem Banner der neuen Serie Marvel Knights erschien, gleich einen Volltreffer. Dabei orientierte sich Smith ganz bewusst am großen Mentor, der Daredevil schon einmal aus der Versenkung geholt hatte: ganz offen knüpfte er mit seiner Geschichte um Glaubenskrise, apokalyptische Verstrickungen und Sinnfragen an Frank Millers Saga „Daredevil: Born Again“ an, mit der der damals noch brillante Miller den guten Matt auf einen wahren Gang durchs Fegefeuer geschickt hatte, um ihn von der Todsünde des Hochmuts zu heilen. Mit der gleichen Gravitas packt Smith das heiße Eisen an, psychologisiert von Anfang an die Vorgänge aus der Innensicht eines Matt Murdock, der an sich, seiner Aufgabe, seinen Freunden und seiner Welt zweifelt. Bezeichnenderweise tippt Matt instinktiv auf den Fiesling, der ihn schon einmal so zusetzte: das alles erinnere ihn fatal an die Zeit, als der Kingpin ganz gezielt sein Leben zerstörte, sinniert er düster. Matts Zerrissenheit kristallisiert sich in der Figur des Kindes, das ein ganz normales menschliches Wesen, der Erlöser oder der Teufel sein könnte – und der eigentliche Drahtzieher des ganzen Vexierspiels stellt ebenso den Kontext zum großen Miller-Ouevre her: nicht fehlende Hoffnung, wie das der Kingpin in „Born Again“ noch versuchte, sondern fehlender Glaube kann den stärksten Helden in die Knie zwingen: „Ich werde ihm zeigen, dass ein Mann ohne Furcht ein Mann ohne Glauben ist. Und ein Mann ohne Glauben ist leicht zu zerstören“.

Auf dieser existentiellen Höllenfahrt, die sich ausnimmt, als ob Rosemaries Baby im New York Stan Lees gelandet sei, geben sich dann alle Wegbegleiter Matts ein Stelldichein, von seiner Ex-Freundin Black Widow über Doctor Strange bis hin zu alten Widersachern wie Bullseye und anderen Kollegen. So entsteht ein furioser, atmosphärischer und vor allem psychologisch faszinierender Reigen, den Joe Quesada leicht stilisiert inszenierte und somit zum durchschlagenden Erfolg der Serie beitrug. Auch heute noch ein Hochgenuss und neben den neu aufgelegten „Born Again“ und „The Man Without Fear“ ein weiterer essentieller Beitrag zum Daredevil-Kanon, den Panini nach der deutschen Erstveröffentlichung 2000 hier sicherlich nicht zuletzt als Futter für alle DD-Serien-Fans nochmals vorlegt und mit reichhaltigem Bonusmaterial ergänzt. Die limitierte Hardcover-Variante für 29 €, von der es nur 222 Stück gibt, ist sogar noch erhältlich.(hb)

Daredevil: In den Armen des Teufels
Text: Kevin Smith
Bilder: Joe Quesada, David Mack, John Romita sr.
228 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
19,99 Euro

ISBN: 978-3-95798-579-8

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