Green Arrow: Auferstehung (Panini) | Comicleser

Green Arrow: Auferstehung (Panini)

November 16, 2015

Green Arrow: Auferstehung (Panini)

Totgesagte leben länger. Das gilt insbesondere im Comic-Universum, wo sich abgetretene Helden fast schon notorisch weigern, die Bildfläche wirklich zu verlassen, was Kevin Smith in diesem Epos auch wiederholt süffisant einfließen lässt („Bleibt hier überhaupt irgendeiner tot?“, darf hier explizit verschiedentlich als Frage erlaubt sein). Aber gilt das tatsächlich auch, wenn man sich schon 1995 für die Stadt Metropolis geopfert hat, auf die ein Flugzeug des terroristischen Eden Corps mit einer Bombe zusteuert, und bei der Explosion buchstäblich pulverisiert wurde, was ein gewisser Kryptonier aus nächster Nähe miterlebt und somit glaubwürdig zusichern kann? Die trauernde Nachwelt geht auf jeden Fall davon aus, dass der ewige Nörgler Oliver Queen endgültig das Zeitliche gesegnet hat – so wie schon sein ehemals bester Freund Hal Jordan, den Ollie im Rahmen des Mega-Events Zero Hour eigenhändig ins Jenseits beförderte, als dieser dem Größenwahn verfiel, sich für Parallax hielt und die Welt bedrohte (und dann wiederkam – natürlich).

Den Job des smaragdfarbenen Bogenschützen teilen sich seitdem sein Sohn Connor Hawke und sein ehemaliger Sidekick Roy Harper alias Speedy, Ollies ex-Geliebte mit der mächtigen Stimme und den scharfen Strumpfhosen Black Canary muss sich eingestehen, dass sie ihn zwar hasst, aber auch immer noch vermisst, und Star City verkommt langsam aber sicher zu einem düsteren Hort des Verbrechens. Bis plötzlich in einer finsteren Gasse eine vergammelte Figur mit aus Abfall improvisiertem Bogen und Pfeilen auftaucht, dem alten Millionär Stanley Dover den Hals rettet und von diesem als Dank aufgenommen wird. Ja, es scheint wirklich der gute alte Ollie zu sein, der da aus dem Nichts wiederkehrt: mit seinen üblichen Tiraden gegen Kapitalismus, Polizei und das moralisch verderbte Amerika macht er sich über einen abgründigen Stadtrat her, nimmt eine minderjährige Prostituierte unter seine Fittiche und setzt sich auf die Fährte eines mysteriösen Serienkillers, der in Star City Kinder entführt und offenbar grausam tötet.

Als ihm dabei auch Aquaman über den Weg läuft, bleibt von der anfänglichen Wiedersehensfreude wenig übrig: auf dem Satelliten der Gerechtigkeitsliga stellt sich heraus, dass Ollie unter maßgeblichen Erinnerungslücken leidet – er hat nicht den blassesten Schimmer von seinem Tod, sondern steckt in der Zeit fest, als Hal Jordan und er als ‚hard travelling heroes‘ die Gegenseite des amerikanischen Traums erlebten. Der miesepetrige Mitternachtsdetektiv Batman schnappt sich Ollie kurzerhand und macht eine überraschende Entdeckung: die provokanten Sprüche sind die gleichen, die Kampftechnik passt zu Ollie – aber der Körper weist keinerlei Spuren von den Verletzungen auf, die der Original-Pfeil im Laufe der Jahre davontrug. Als dann auch noch der Dämon Etrigan auf den Plan tritt und davon faselt, dieser Grüne Pfeil sei nur eine leere Hülle, muss sich Ollie langsam aber sicher mit der Frage befassen, wer zum Teufel er denn nun wirklich ist und ob an der Sache mit seinem Tod, von dem ihm alle erzählen, vielleicht doch etwas dran ist…

Das auf 222 St. limitierte Hardcover

Das auf 222 St. limitierte Hardcover

Filmemacher und Fanboy Nr. 1 Kevin Smith lieferte 2001 mit seiner Storyline Quiver einen auch heute noch vielbeachteten Beitrag zur Green Arrow-Mythologie, die gerne in einem Atemzug mit den hier ja auch inhaltlich als Ausgangspunkt dienenden sozialkritischen Stories eines Denny O’Neil und Neal Adams oder der Interpretation der Figur durch Mike Grell in der Longbow Hunters-Saga genannt wird. Smith nahm seinerzeit den Faden der US-Green Arrow-Ausgaben 100 und 101 wieder auf, in denen sich Oliver Queen für Metropolis geopfert hatte, und schafft es durch den Kunstgriff der Amnesie, den aus zunächst unerfindlichen Gründen wiederkehrenden Grünen Pfeil in gleich mehrere Konflikte zu stürzen. Warum hat man ihn ersetzt, der ja doch nur einige Wochen mit seinem Kumpel Hal unterwegs war? Was soll das Gerede von seinem Tod? Wo ist Coast City abgeblieben? Smith changiert dabei von einem anfänglich eher sozialkritischen Tonfall (die gesamte Administration von Star City ist korrupt, die Polizei gekauft, die Politiker trachten nur nach ihrem Vorteil) hin zu einer kosmisch-apokalyptischen Ebene, in der der Macguffin des Kindermörders zurücktritt hinter religiös-existentielle Fragen wie Schuld und Sühne. Auch wenn Smith den, ähem, Bogen der Realitätsnähe, die nicht zuletzt bei unserem Lieblings-Aktivisten Oliver Queen so erfrischend ist, bisweilen arg anspannt, steht am Ende dennoch ein hinreichend motivierter Neustart für den Bogenschützen, der die einmalige Chance hat, Fehler zu eliminieren oder gar nicht erst zu machen – und der nebenbei zu seinem von ihm entfremdeten Sohn zurückfindet.

Vor allem überzeugen kann Smith in den Dialogen und kleinen Hakeleien, in denen Ollies sarkastische Weltsicht genauso durchschimmert wie eine tiefgreifende Kenntnis des gesamten DC-Universums, das an manchen Stellen fein-ironisch auf die Schippe genommen wird – so etwa muss sich Aquaman staunend anhören, dass er ja auch nur ein faschistischer Diktator sei, der gefälligst mal freie Wahlen in Atlantis abhalten solle. Batman erscheint als spaßbefreiter, neurotischer Stinkstiefel, Ollie landet bei seinem „Täubchen“ Blitzschwalbe gar nicht so leicht wie das anfangs scheint – und wer der Kindermörder in Wirklichkeit ist und was ihn umtreibt, zeigt eine gehörige Portion Naivität auf Seiten des selbsternannten modernen Robin Hoods. Schön auch die Anachronismen, die der 1995 steckengebliebene Held enthüllt, als er moderne Computer als Hinweis auf Superschurken deutet und Handys für technische Wunderdinge hält.

Zeichnerisch wurde das Spektakel von Phil Hester (der derzeit zum Beispiel auch die von der TV-Serie inspirierte Staffel Null von Flash in Szene setzt) in klassischem Heldenduktus umgesetzt, der die Panels an entscheidenden Wendepunkten inhaltlich motiviert aufbricht und somit sehr kontrolliert artistische Akzente setzt, ohne den etablierten Kanon jemals allzu stark zu verlassen. Durch die Vielzahl der Charaktere und die Rückbezüge auf gleich verschiedene Großereignisse des DC-Universums dürfte dieser Sammelband, der die ersten zehn Ausgaben der US-Green Arrow-Reihe von 2001 enthält, für Neueinsteiger nur bedingt geeignet sein. Aber wer den schwarzen Manta, Deadman und Spectre schon immer gerne in Action erlebte und vor allem die ‚hard travelling heroes‘ schätzt (und das sollte ja nun unbedingt jeder tun), der kann hier eine furiose Achterbahnfahrt durch buchstäblich Himmel und Hölle erleben. Und Hal Jordan darf auch nicht fehlen. Natürlich. Für Sammelwütige legt Panini eine Hardcover-Ausgabe auf, die nur 222 Stück umfasst und für 39 € zu haben ist. (hb)

Green Arrow: Auferstehung
Text: Kevin Smith
Bilder: Phil Hester
244 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
24,99 Euro

ISBN: 978-3-95798-477-7

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