Green Arrow: Das erste Jahr (Panini) | Comicleser

Green Arrow: Das erste Jahr (Panini)

September 5, 2015

Green Arrow: Das erste Jahr (Panini)

Ungezogener, reicher Bengel, Milliardär. Wird auf einsame Insel verschlagen, übt sich dort notgedrungen in Survival in Form von Bogenschuss. Kehrt geläutert zurück und durchstreift seitdem heldenhaft in grünen Strumpfhosen seine Heimatstadt. Diese Entwicklung eines gewissen Oliver Queen vom verwöhnten Playboy zum modernen Robin Hood mit Namen Green Arrow ist sattsam bekannt, seit er 1941 erstmals das Licht der Comicwelt erblickte. Wie fast alle Silver Age-Helden wurde er seitdem düsterer, mit der Grünen Laterne übte er als Hard Travelling Hero ernsthafte Sozialkritik, verfiel erst der hinreißenden Blitzschwalbe, dann dem Alkohol und verlor schließlich sein Vermögen. Umso spannender also, wenn ein Gespann der Güte von Autor Andy Diggle (u.a. Daredevil, The Loosers) und Zeichner Jock (u.a. Batman, The Loosers)sich daran macht, die eigentlich weithin bekannte Origin von Green Arrow neu zu beleuchten.

Rein inhaltlich hält man sich dabei an die bekannten Rahmenbedingungen: der junge Oliver Queen ist ein trunksüchtiger Schwerenöter, der den ultimativen Kick in Frauen, Alkohol und Spekulation sucht. Als sein Angestellter Hackett ihn widerwillig auf einen Bootstrip zu einer angeblichen Steueroase auf den Fidschi-Inseln mitnimmt, bekommt sein Leben die entscheidende Wendung: Hackett entpuppt sich als Verbrecher, der Queens Milliarden auf die Seite schaffen möchte und sich den Waschlappen kurzerhand vom Hals schafft, indem er ihn ins Meer wirft. Anstelle zu ertrinken, strandet Queen auf einer Insel, auf der er alsbald Überreste eines Dorfes und Zeichen eines Massakers vorfindet. Mühselig richtet sich der moderne Robinson ein, bastelt sich aus einer Autofederung einen behelfsmäßigen Bogen und fristet sein Dasein, das ihm plötzlich mit deutlich mehr Sinn erfüllt scheint als bislang.

Als plötzlich schwerbewaffnete Halunken auf ihn Jagd machen, stellt er fest, dass die Insel alles andere als verlassen ist: ganz im Gegenteil hat die asiatische Rauschgiftkönigin Chien Na-Wie (die Queen in Folge hartnäckig China White nennt) dort im Schutze alter U-Boot-Bunker eine veritable Heroin-Fabrik aufgebaut, dazu die Bewohner versklavt und gemeinsame Sache mit diversen Söldnern, darunter auch Queens alter „Freund“ Hackett, gemacht. Der von Rachedurst getriebene Oliver konfrontiert Hackett, wird dabei schwer verletzt und von der versklavten, schwangeren Taiana gesund gepflegt. Noch berauscht vom schmerzbetäubenden Opium, trifft er eine folgenschwere Entscheidung: anstelle sich aus dem Staub zu machen, zieht er in den Krieg, um die Bewohner der Insel zu befreien – und vor allem Hackett und China White ordentlich einzuheizen…

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Schon im Titel treten Diggle und Jock (im bürgerlichen Leben Mark Simpson) ein schweres Erbe an, immerhin lieferte 1987 ein damals noch brillanter (aus heutiger Sicht unglaublich, oder?) Frank Miller mit Batman: Year One einen Meilenstein der Comicgeschichte ab, in dem er eine höchst individuelle Neuerzählung der ersten Gehversuche von Bruce Wayne als Mitternachtsdetektiv in psychologisch faszinierenden Facetten ausbreitete. Im Gegensatz zur weitgehenden Neuinterpretation von Oliver Queens Insel-Exil in den Händen von Jeff Lemire im ‚Green Arrow Megaband‘ 2 (dort war die ganze Chose ja von Olivers längst tot geglaubtem Vater absichtlich inszeniert) belässt Diggle die zentralen Koordinaten des Arrow-Universums unverändert, haucht ihnen aber ein realistisches, moderneres Leben ein: da erscheint der junge Queen als absolut unverantwortlicher Draufgänger, der bei einer Spendengala schon auch mal im Vollsuff auf die Bühne reihert, seine Sinnleere durch halsbrecherische Abenteuer zu übertünchen sucht und erst im Überlebenskampf im Urwald der Insel einen Funken Existenzberechtigung erfährt.

Der Drogenentzug vom Opium, das ihm Taiana zur Linderung verabreicht und danach vorenthält, gerät dabei zur Katharsis, in der der „alte“ Oliver Queen endgültig stirbt und dem neuen Green Arrow Platz macht, der den Unterdrückten zu Hilfe eilt, auch wenn in Form seiner ebenfalls gestrandeten Yacht Rettung doch so einfach wäre. Dabei schließt Diggle einige Logik-Lücken der ursprünglichen Story: auf seinen vielen Survival-Trips hat der verwöhnte Playboy gelernt, ums Überleben zu kämpfen, sein Talent als Bogenschütze pflegte er schon als Kind, bevor er vom Weg abkam, und die Insel ist auf keiner Karte verzeichnet, weil die USA dort in den 50ern geheime Atombombentests durchführten. Die ersten Pfeile bastelt Ollie sich krude selbst und fabriziert dabei aus der Not heraus originelle Projektile wie einen knock out- oder einen Dynamit-Pfeil – diese Vielfalt an Pfeil-Gadgets wurde ja später zum Markenzeichen der Figur. Dass der Charakter ein kaum kaschierter Robin Hood ist, wird mehrfach direkt angesprochen (so auch im finalen Kniff Queens, mit dem er die ganze Bande auf einen Schlag kassiert) und kommt auch darin zum Ausdruck, dass Queen eingangs den Bogen von Howard Hill ersteigert, jenem Kunstschützen, der Errol Flynn 1938 im Hollywood-Klassiker ‚The Adventures of Robin Hood‘ von Michael Curtiz doubelte.

Jocks leicht stilisierter, oft großflächiger Zeichenstil transportiert den Inhalt kongenial, ob auf den Eingangsseiten bei einer Expedition ins ewige Eis oder in den in durchgängig grün gehaltenen Dschungel-Szenen. Mit Realismus wird auch bei den Zeichnungen nicht gespart, da zieht sich Queen einen offenen Armbruch zu und nagelt seine Widersacher buchstäblich fest. Besonders detailverliebt ist die langsame Zusammenstellung des endgültigen Kostüms aus Fundsachen oder gerne auch mal Stiefeln, die Queen den Feinden kurzerhand entwendet. Der moderne Look der Figur mit Kapuze anstelle des klassischen Jägerhütchens (erstmals eingeführt von Mike Grell in seinen legendären Runs der 80er Jahre) und auch die realistisch-düstere Atmosphäre dieser Neuinterpretation beeinflusste die Macher der nach wie vor sehr erfolgreichen Arrow-Fernsehserie mehr als offenkundig (nicht umsonst heißt der beste Kumpel des Fernseh-Arrows Diggle!). Die vorliegende Band enthält die US-Miniserie ‚Green Arrow: Year One‘, die in den USA bereits 2007 erschien, in deutscher Erstveröffentlichung. (hb)

Green Arrow: Das erste Jahr
Text: Andy Diggle
Bilder: Jock
148 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
14,99 Euro

ISBN: 978-3-95798-478-4

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