Daredevil Megaband 1 (Panini) | Comicleser

Daredevil Megaband 1 (Panini)

September 8, 2015

Daredevil Megaband 1 (Panini)

Daredevil ist Matt Murdock. Matt Murdock ist Daredevil. Diese uns Lesern seit Jahrzehnten bekannte Wahrheit platzt wie eine Bombe, als Daredevil der Erpressung durch den Kult der Schlangen – man würde ihn enttarnen, so die Drohung – einfach den Wind aus den Segeln nimmt, indem er seine Geheimidentität aufgibt. Das zeitigt natürlich erhebliche Konsequenzen: nicht nur muss er dafür sorgen, dass sein Partner Foggy Nelson seine Krebserkrankung therapieren kann, ohne permanent von irgendwelchen Lumpensöhnen ins Visier genommen zu werden, sondern er verliert auch seine Anwaltszulassung in New York und steht von heute auf morgen auf der buchstäblichen Straße. Doch es naht Rettung in Form der durchaus liberaleren Gesetze im Sonnenstaat Kalifornien: dort darf Daredevil in seiner bürgerlichen Inkarnation weiter die Juristerei praktizieren, was er auch in Form einer Gemeinschaftskanzlei mit seiner Kollegin/Freundin (Beziehungsstatus: „es ist kompliziert“) Kirsten McDuffie emsig tut. Und so sorgt also am Tage Matt Murdock, bei Nacht Daredevil dort für Recht und Ordnung, wo einst Karl Malden und Michael Douglas die Straßen sicherten.

Bald stellt der gewandteste Blindenstockschwinger der Stadt allerdings fest, dass das Leben auch in San Francisco nicht nur aus California Dreaming besteht: zuerst muss er sich mit dem Thinker herumschlagen, der einen Adaptoiden – also einen gestaltanpassenden Roboter – loslässt, der wie Pinocchio allzu gerne ein richtiger Junge wäre, sich aber letztlich doch gegen seinen Schöpfer wendet. Dann rettet er um Haaresbreite ein entführtes Kind, in dem (richtig gelesen) diverse Lumpensöhne eine Bombe deponiert haben, bevor dann der grimme Shroud auf den Plan tritt. Dieser Batman-artige brutale Vigilant, der vom Kali-Kult geblendet wurde und im Gegenzug eine dunkle Macht heraufbeschwören kann, entführt diverse Mafia-Bosse, lockt Daredevil damit auf seine Spur und führt ihn geradewegs ins Versteck von Leland Owlsley – den uralten, besser als Owl bekannten Gegenspieler, der sich genetisch verändert und ziemlich aufgerüstet hat.

Der Fall dreier Nonnen, die von einer ausländischen Macht verhaftet und deportiert werden, führt den Mann ohne Furcht anschließend nicht nur nach Wakanda, der afrikanischen Heimat seines Kumpels T’Challa (besser bekannt als Black Panther), sondern auch in seine eigene Vergangenheit: eine der Nonnen ist seine Mutter, von der (natürlich nachdem er sie gerettet hat) Aufklärung über die Gründe verlangt, warum sie ihn und seinen Vater vor all den Jahren verließ. Kaum wieder zurückgekehrt, fallen auffällig purpurne Kinder über die Stadt her, indem sie scheinbar mühelos anderen ihren Willen aufzwingen. Mit niemand anderem als den Nachkommen des Purple Man hat Daredevil es hier zu tun, die der manipulative Papi entführt hat, um endlich geliebt zu werden. Diese Konfrontation führt Matt schließlich an seine emotionalen Grenzen, da die Kinder über ihre Geisteskräfte die lange bekämpfte Depression in ihm wieder erwecken, aus der er sich nur durch eine übermenschliche Anstrengung befreien kann. In einigen Storylines außerhalb der Kontinuität dürfen sich die Autoren dann noch in Parallel-Welten austoben: einmal ist Matt Bürgermeister von New York, einmal schreibt seine Ehefrau ihrem Kind einen letzten Brief, bevor sie sich einem mordlustigen Bullseye gegenüber sieht…

50 Jahre Daredevil! Diesen runden Geburtstag nahm Marvel 2014 zum Anlass, dieser mittlerweile weit aus der zweiten Reihe hervorgetretenen Figur im Rahmen von Marvel Now! einen Reboot nebst neuem Serienstart mit illustren Autoren wie Mark Waid und Brian M. Bendis (Guardians of the Galaxy) zu gönnen. Daredevil zeichnete in der Hand von Frank Miller in den frühen 1980ern nicht zuletzt für die Emanzipation der Comics zum auch für Intellektuellen zulässigen Lesematerial verantwortlich – aus dem ursprünglichen Zweitgeschichten-Seitenfüller machte Miller in seinem genialen Run, in der Elektra das Licht der Welt erblickte und dieselbe durch die Hand von Bullseye wieder verließ, und in der der Kingpin Matt Murdock als Obdachlosen in die Gosse rutschen ließ, einen komplexen, tief zerrissenen Charakter. Und auch wenn die Zeichnungen im Serien-Neustart eher auf der heiteren funny-Seite als auf den finsteren Panels von Kultwerken wie ‚Born Again‘ oder ‚The Man Without Fear‘ liegen, durchzieht die einzelnen Stories doch eine ernsthafte, psychologische Seite: Daredevils Radarsinn ist zunehmend ausgeprägt und erlaubt ihm – zeichnerisch eindrucksvoll als Reliefbilder umgesetzt – das immer differenziertere Wahrnehmen der Umgebung – aber zum einen fühlt er sich in seiner neuen Heimat wie ein Fisch aus dem Wasser, da ihm seine gewohnten Fixpunkte (wie etwa der Daily Bugle oder der charakteristische Wasserturm) fehlen, zum anderen kennen seine Widersacher nun seine entscheidende Schwäche, die sie mit Ultraschallwellen und ähnlichen Attacken auch weidlich ausnutzen.

Foggy verschafft er durch einen Trick den gewünschten heldenhaften scheinbaren Tod, aber selbst fällt er tief, als ihn die Kinder des Purple Man zu den düstersten Momenten seiner Laufbahn führen – er muss sich Kirstie anvertrauen, um diese Krise zu überwinden. Der bewegendste Moment des Bandes ist jedoch sicherlich der in Gänze zu lesende, mit jeweils einem seitenfüllenden Einzelbild ergänzte Brief seiner Ehefrau, die das Schicksal akzeptiert, an der Seite eines Superhelden zu leben: oft alleine, immer in Gefahr, die sie schließlich in Form des verrückten Killers auch ereilt. So ergibt sich ein bunter Reigen an jeweils abgeschlossenen, teilweise auch alternative History-Storylines, in der die private Seite – neues Umfeld, neue Kanzlei, chronischer Geldmangel – mindestens genauso spannend ist wie die Rotte von Kroppzeug, mit dem er sich auf über 300 Seiten herumschlagen muss. Fehlt nur noch ein gewisser Wilson Fisk, aber der kann ja noch kommen. Treffsicher charakterisiert, frisch gezeichnet, spannend geschrieben – somit für alle Freunde des Mannes ohne Furcht, und vor allem auch Anhänger der TV-Serie, die auch in die Comicwelt eintauchen wollten, wärmstens zu empfehlen. Der vorliegende Megaband enthält die US-Ausgaben Daredevil 0.1, 1, 1.5 sowie 2-10 von 2014. (hb)

Daredevil Megaband 1: In den Strassen von San Francisco
Text: Mark Waid, Brian M. Bendis, Karl Kesel
Bilder: Peter Krause, Chris Samnee, Alex Maleev
308 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
24 Euro

ISBN: 978-3-95798-333-6

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