Avengers: Ultrons Zorn (Panini) | Comicleser

Avengers: Ultrons Zorn (Panini)

Januar 11, 2016

Avengers: Ultrons Zorn (Panini)

Vater werden ist nicht schwer – es zu sein dagegen bisweilen durchaus. Dass der Sohnemann nicht so will wie Papa, das ist ja nichts gänzlich Neues. Aber so richtig problematisch wird es dann, wenn der Sprössling nicht einfach ein rebellischer Bengel, sondern eine futuristische künstliche Intelligenz mit Namen Ultron ist, die anstelle ihrer eigentlichen Bestimmung – der Menschheit frohgemut zu dienen – eben diese Menschen als minderwertig klassifiziert und seitdem nur noch auf ihre Vernichtung aus ist. Als der finstere, offenbar unkaputtbare Überroboter wieder einmal einen Anlauf unternimmt und Manhattan in Schutt und Asche legt, wird es seinem Schöpfer Hank Pym dann doch zu bunt – er lenkt Ultron mit einer rührenden Rede darüber ab, wie er ihn als Vater doch im Stich gelassen habe, während sich Hawkeye heranpirscht, um den Blechkopf mit einem passenden Pfeil in einem Raumer festzunageln, der dann Richtung All abhebt und einen mit sich hadernden Hank zurücklässt.

Szenenwechsel, Aim Island, einige Jahre später. Die Descendants haben einen Sentinel gekapert und wollen ihn für ihre Zwecke instrumentalisieren, aber die Avengers – mittlerweile in der neuen Ausgabe, unter anderem mit Sam Wilson als Captain America, einem bekehrten Sabretooth, Spider-Man, einem weiblichen Thor und dem Zwillingspaar Quecksilber und Scarlet Witch – schlagen auch kräftig drein. Hank Pym in seiner Inkarnation als Giant Man setzt gnadenlos seinen Neural-Inhibitor ein und schaltet die künstlichen Intelligenzen damit kurzerhand aus – ein Schicksal, das er auch Ultron angedeihen lassen möchte, was dessen Geschöpf Vision nur begrenzt amüsant findet, denn, so seine bange Frage, was geschieht dann im nächsten Schritt mit ihm? Zum Diskutieren bleibt allerdings wenig Zeit, denn in die traute Runde platzt Starfox (auch genannt Eros), seines Zeichens Bruder des grimmen Thanos. Auf dessen Heimatmond Titan ist Ultron seinerzeit offenbar gelandet, hat dort alles und jeden infiziert und ist mit einer Armee von Abkömmlingen auf dem Weg zur Erde, um seinem Vater endgültig die Liebe abzuringen, die er verdient hat. Und das natürlich in Form eines grandiosen Vernichtungsfeldzuges, im Laufe dessen Hank Pym sich nicht nur seiner Verantwortung stellen muss, sondern auch seine gesamte Existenz auf dem Spiel steht…

Spätestens seit dem Avengers-Sequel ‚Age of Ultron‘, das 2015 ein weiteres Juwel in die Krone des Marvel Cinematic Universe zimmerte, erfreut sich der alte Erzfeind der Rächer Bekanntheit allenthalben, was sich folgerichtigerweise auch in einem stetigen Strom von Storylines im Comic-Reich äußert (zu bestaunen etwa in ‚Age Of Ultron‘ und ‚Ultrons Rache‘). In dieser abgeschlossenen Geschichte, die im Original 2015 als ‚Rage Of Ultron‘ erschien (Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Filmtiteln sind rein zufällig), breitet Rick Remender eine rasante Reise durch (mindestens) zwei Generationen der Rächer aus, angefangen von der Besetzung der aktuellen Kontinuität der Kino-Avengers bis hin zur Uncanny-Variante, in der Spiderman und sogar Sabretooth antreten. Inhaltlich legt Remender dabei den Fokus sehr explizit auf den fast schon klassischen Themenkomplex des Vaters, der in unüberlegtem Schaffensdrang ein Wesen erzeugt und sich dann, enttäuscht vom Ergebnis seines Tuns, abwendet und sich so den Zorn seiner Kreatur zuzieht.

Das kennen wir alles aus dem bewährtesten aller Papa-Sohnemann-Schocker Frankenstein (wobei sich Hank zumindest noch bemüßigt fühlt, seinem Geschöpft einen Namen zu geben), und wie in der literarischen Vorlage läuft alles auf die Katastrophe hinaus, da der Doppelgänger niemals alleine existieren kann. Pym ist entsetzt darüber, was er da in die Welt gesetzt hat, während Ultron überzeugend darstellt, dass er nichts anderes sei als das Wesen seines Vaters, ebenso verlassen, isoliert und einsam, wie es der heranwachsende Superwissenschaftler Pym war, der jahrelang nur nach Anerkennung und Liebe strebte. Als der andere Sohn Vision seinem „Vater“ Ultron vehement entgegentritt (was den Vater-Sohn-Konflikt geschickt spiegelt), zeigt Hank einen entscheidenden Moment der Schwäche – er kann seine Kreatur nicht verurteilen, weil er innerlich spürt, dass er seine Schuld sühnen muss. Die simple Lösung, die Starfox anbietet – „liebe Dich“ – ist nur durch die finale Aufgabe des eigenen Selbst möglich.

Für eine Avengers-Graphic Novel liefert Remender somit fast schon literarisch ambitionierte Fragestellungen, die aus der eigentlichen Marvel-Kontinuität herausgelöst für sich stehen und somit auch für Nicht-Großevent-Kenner spannend sein dürften. Jerome Opena gestaltet das Geschehen ganz im Stile seiner großen Vorbilder Bill Sienkiewicz und Walter Simonson leicht stilisiert, in teilweise ölbildhafter Atmosphäre, und bietet so opulenten, actiongeladenen Augenschmaus, der die inhaltliche Tiefe treffend begleitet. Für Sammler legt Panini zusätzlich eine auf 333 Exemplare limitierte Hardcover-Ausgabe auf, die für 25 € zu haben ist. (hb)

Avengers: Ultrons Zorn
Text: Rick Remender
Bilder: Jerome Opeña, Pepe Larraz
116 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
12,99 Euro

ISBN: 978-3-95798-593-4

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