Low, Band 1 (Splitter) | Comicleser

Low, Band 1 (Splitter)

Oktober 22, 2015

Low, Band 1 (Splitter)

Endzeitszenario, die nächste: tief unten auf dem Meeresgrund fristen wenige verbliebene Häuflein ihr Dasein unter gigantischen Kuppeln. Denn die Sonne, lange Zeit Lebensspenderin, dehnt sich aus und hat jegliche Existenz auf der Oberfläche unmöglich gemacht. Die Sonden, die man ins All schickte, um nach neuen Zufluchtsorten für die Menschheit zu suchen, sind längst verschollen, ohne einen Hoffnungsschimmer geliefert zu haben. Nach Jahrhunderten geht die endlos wiederaufbereitete Luft zur Neige, die Nahrungssuche gestaltet sich zunehmend schwierig, und marodierenden Piratenbanden sind eine permanente Gefahr. Aber Stel Caine lässt sich von alle dem nicht beirren: die Frau von Johls Caine, Herrscher über die Kuppel Salus, glaubt mit unerschütterlichem Optimismus an die goldene Zukunft und überwacht die immer schwächeren Signale der Sonden. Ihr Mann schätzt die Lage realistischer ein, lässt ihr aber ihren Willen und ihre Träume. Johls selbst will seine beiden Töchter Tajo und Della zu Piloten der mächtigen Anzüge ausbilden, die per DNA-Erkennung nur von seinem Geschlecht gesteuert werden können und entscheidend für die Jagd nach Essbarem sind.

Auf dem ersten Ausflug allerdings geschieht die Katastrophe: die Familie wird von der Horde des Piraten Roln überfallen, der Johls tödlich verletzt, den Anzug stiehlt und die beiden Töchter entführt, um immer Zugriff auf ihr Blut zu haben. Stel bleibt zurück und entrinnt dem sicheren Tod nur um Haaresbreite. Zehn Jahre später: Stel hat nie die Hoffnung aufgegeben, ihre Töchter wiederzufinden, aber ihr Sohn Marik sieht das Leben eher so wie der Großteil der Bevölkerung: umnebelt von der Droge Cream, hat er sich in das scheinbar unabwendbare Schicksal des baldigen Erstickens gefügt und taumelt durch sein Dasein. Immer aberwitziger scheint Stels Zuversicht, als plötzlich ein Signal bei ihr eintrifft: eine Sonde ist zurückgekehrt und auf der Oberfläche gelandet – mit der Information, eine für Menschen bewohnbare Welt gefunden zu haben. Stel schwatzt dem Senator Greeme, der sich außer für Orgien und Drogen für nicht mehr viel interessiert, eine Ballonkapsel ab, mit der sie an die Oberfläche steigen möchte, holt ihren Sohnemann, der sich eigentlich lieber umbringen will, aus dem Knast und macht sich auf die gefährliche Mission nach oben.

Die endet jäh, als sich der Ballon auf halbem Weg in einem riesigen Tierkadaver verfängt. In buchstäblich letzter Sekunde erreichen die beiden die legendäre Poluma-Kuppel, Heimstatt der Denker und Wissenschaftler, wo allerdings alles andere als ein Paradies wartet. In Paluma haben längst schaurig-degenerierte Wesen das Ruder übernommen – und Stel staunt nicht schlecht, als sie im Diktator der Kuppel niemand anders erkennt als den Piraten Roln, der seine Untertanten mit blutigen Gladiatorenspielen ergötzt und absichtlich von der Bibliothek der ehemaligen Herrscher fernhält. Und tatsächlich haben auch Tajo und Della überlebt, die Roln als Piloten der gestohlenen Anzüge für seine geplante Attacke auf die Kuppel Salus braucht. Flugs macht sich Stel an eine gewagte Rettungsaktion, die aber gänzlich anders verläuft als geplant, als sich die beiden längst entfremdeten Töchter gegen ihre entsetzte Mutter stellen…

Mit ‚Low‘ gelingt Rick Remender und Greg Tocchini nach ‚Last Days Of American Crime‘ erneut ein optisch furioses Großwerk, das inhaltlich und gestalterisch gleichermaßen atemberaubend ist. Nachdem er festgestellt habe, dass in seinem gesamten Opus kein einziger positiver Charakter vorkomme, so Remender im Vorwort, fasste er sich – nachdem er auch selbst eine Therapie durchlaufen hatte – ein Herz und kreierte mit Stel das genaue Gegenteil: die gegen alle Rationalität zuversichtliche Heldin, die der erkenntnisphilosophischen Schule der Quantumologie nacheifert, nach der die Realität durch unsere Einstellung erst entsteht und durch positives Denken geformt werden kann. Auch wenn diese radikale Zuversicht teilweise etwas überzogen wirkt – in manchen Situationen würde wohl der größte Gesundbeter die Flinte ins Korn werfen – liefert Stel doch einen erfrischenden Gegenpol zu allen deprimierten, zerrissenen Anti-Helden, die die modernen Graphic Novels auf der Suche nach dem Unsinn des Lebens durchstreifen. Die Handlung bedient sich dabei großzügig aus dem breiten Fundus der Science Fiction-Literatur: Städte auf dem Meeresgrund, Rückzug ins Innere der Erde und Suche nach bewohnbaren Welten kennen wir durchaus, und auch das Konzept der gigantischen, nur von individuellen Piloten zu steuernden Kampfanzügen durften wir beim Action-Spektakel ‚Pacific Rim‘ bestaunen.

Dennoch gelingt Remender eine flotte Handlungsführung, die wahlweise an die Öko-Sozial-Antiutopien der 70er (Soylent Green, Silent Running) und auch wieder an die seligen Serials der 30er angelehnt ist, mit bedrohlichen Cliffhangern und last minute escapes zu Hauf. Vollends zum Juwel gerät Low allerdings durch die faszinierende Gestaltung durch Greg Tocchini: in leicht stilisierter, lockerer, teilweise an den franko-belgischen Strich erinnernder Aufmachung inszeniert er das Geschehen großflächig, dynamisch, in permanent variierender Panel-Größe, aus denen die Figuren geradezu hervorzubrechen scheinen. Kraftvolle, atmosphärische Farbgestaltung – von Rot über leuchtendes Gelb bis hin zu pechschwarzen Seiten ist alles vorhanden – vereint sich dabei mit einem mitreißend-schwungvollen Erzählfluss, durch den ‚Low‘ zu einem nicht zuletzt optischen Hochgenuss wird. Ausufernd, explizit, spannend, herausfordernd. Und umfangreich: auf 160 Seiten legt Splitter die ersten sechs Teile der US-Serie vor, ergänzt durch ein Skizzenbuch. Wir hoffen inständig, dass Band 2 alsbald folgt. (hb)

Low, Band 1
Text: Rick Remender
Bilder: Greg Tocchini
176 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
24,80 Euro

ISBN: 978-3-95839-098-0

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