Deadpool: Greatest Hits (Panini) | Comicleser

Deadpool: Greatest Hits (Panini)

August 14, 2016

Deadpool: Greatest Hits (Panini)

Grossmaul. Weiberheld. Auftragskiller mit enormen Selbstheilungskräften. Maximale Hackfresse. Und vor allem: Klugscheisser, der alle Konventionen des Genres im Handstreich nimmt, einmal durch den Wolf dreht und uns als bunten Eintopf geradewegs durch die vierte Wand serviert. Kaum ein Charakter in der weiten Comic-Welt dürfte so subversiv, postmodern (mit und ohne Postamt), selbstkommentierend und dabei immer noch so verdammt saukomisch sein wie Wade Wilson, der es gegen jede Wahrscheinlichkeit tatsächlich auf die Kinoleinwand geschafft hat – und auch dort trefflich funktioniert. Allerhöchste Zeit also, diesen Geschäftsführer des Wahnsinns und des Antiheldentums in einem fetten Kompendium zu präsentieren, das einige Highlights seiner illustren Karriere wieder ans Licht zerrt – auch wenn wir da so manches lichtscheues Gesindel treffen…

Los ging die ganze Sause 1991 im Rahmen der New Mutants, in der Ära der Variantcover und Splash Pages, in denen Jim Lees wagemutiger Strich Furore machte und ein gewisser Cable eine bunte Mutantentruppe anführte. In Ausgabe 98 hetzte Mr. Tolliver dem Mutanten aus der Zukunft einen Typen auf den Leib, der irgendwie aussah wie Spider-Man und ihn in erster Linie umbringen wollte. Dabei ging er allerdings sang- und klanglos unter – hinterrücks wurde er von Domino mit Messern gespickt. All das würde ihm später nicht nochmal passieren – die Niederlage und vor allem auch nicht die Ernsthaftigkeit des ersten Auftritts. Als Joe Kelly Ende der 90er bei der ersten eigenen Deadpool-Serie komplette Narrenfreiheit genoss, schlug nämlich die Stunde von Wade Wilson, wie wir ihn heute kennen und verehren. In Heft 11 etwa katapultierte ein schiefgegangenes Rettungsmanöver das Grossmaul und seine Haushälterin/Geisel/Mutterfigur Blind Al in die Vergangenheit. Und zwar nicht in irgendeine, sondern direkt in den Klassiker The Amazing Spiderman 47 aus dem Jahr 1967. Dort nimmt Deadpool so ziemlich alles und jedes Motiv auseinander, das Stan Lee und John Romita jemals ersannen: da schlüpft ausgerechnet der Mega-Psychopath in die Rolle des goody Two Shoes Peter Parker, macht sich weidlich über die Frisur von Harry und Norman Osborn lustig (und mal ehrlich, die kam uns selbst doch immer schon komisch vor), stellt fest, dass Gwen doch ziemlich leicht zu haben ist und Mary Jane offenbar so dumm wie Brot.

Kraven dem Jäger versohlt er ordentlich den fellbekleideten Hintern, während er sich über die drollige Jugendsprache wegschmeißt und einen Zeitreisegag nach dem anderen reißt. Und ganz nebenbei liefert Zeichner Pete Woods eine liebevolle Hommage an den charakteristischen Zeichenstil von Romita, der von den modernen Rahmenhandlungsszenen fein kontrastiert wird. Ein frühes Glanzlicht der Pool-Historie und eindeutig der beste Beitrag in diesem Kompendium. Straighter auf die Mütze ging es dann bei den Aufeinandertreffen mit einem der Busenfeinde von Herrn Wilson: als ein Kartell ihn auf den Punisher ansetzt, fliegen erwartungsgemäß die Fetzen ebenso wie die Kalauer, während Herr Castle eher wortkarg und humorlos agiert, wie man ihn eben kennt. In der durchaus populären Reihe Cable & Deadpool rauften sich in den 2000ern dann die ehemaligen Kontrahenten zu ungleichen Kampfgenossen zusammen, Deadpool bekam so etwas wie eine Vergangenheit (er stammt aus dem gleichen super Soldaten Programm wie Cap und Wolverine, nur dass es bei Wade etwas in die Hose ging, und das mit dem Krebs half jetzt auch nicht unbedingt), und Cable schickte ihn immer wieder mal gerne auf Missionen, bei denen er mit der Wahrheit nicht ganz herausrückte.

So etwa setzte er den Söldner 2006 bewusst auf Spider-Man an, um auf verquere Weise Steuerveruntreuung eines US-Generals aufzudecken. Dabei wirft Deadpool schneller mit den üblichen Popkultur-Referenzen um sich, als der biedere Netzkopf mithalten könnte, auch wenn das doch eigentlich sein Metier wäre: „zeigen Sie heute Abend im Fernsehen „Formicula“, oder dreht hier Harryhausen?“, kommentiert Wade eine von Netz umsponnene Brücke. Ständige Begleiter in diesen Abenteuern sind dabei neben der zusammengewürfelten Truppe der Agency X, wie Blind Al, seinem Gehilfen Weasel und dem immer fetteren Agent X, auch Damen wie die ex-Journalistin Irene Merryweather, die für Wilson durchaus etwas übrig hat. In dieser Besetzung besuchte man 2008 auch das Wilde Land, wo Ka Zar und seine Urviecher von einem Irren bedroht werden, der eine Maschine Magnetos stehlen will. Dass Magneto, Dr. Doom und Cable längst das Zeitliche gesegnet hatten, lässt Wade kalt: „Wart auf das nächste Crossover!“, wirft er sehr treffend ein, während die Dinos Manhatten stürmen, wo sich die Fantastischen Vier einschalten und Reeds übliche Sermone nur als „bla bla bla“ wahrzunehmen sind. Was sie ja auch stets waren…

2010 spendierte man Herrn Wilson dann sogar mal eine „echte“ Origin-Story, an die sich der Kinofilm dann auch recht genau hält, wobei gerade das Kino mit seinen kommerziellen Verdrehungen in dieser Geschichte ordentlich Fett wegkriegt. Nachdem sich das Marvel-Universum komplett zombifiziert hatte, wanderte irgendwann auch ein Zombie-Kopf von Herrn Wilson durch die Gegend, der auf den Namen Headpool hörte. Klingt absurd? Ist es auch, und nicht unbedingt essentiell, auch wenn diese Story aus dem Deadpool Corps eine spaßige Persiflage auf die Tierexperimente eines Dr. Moreau zu bieten hatte. Unter den Händen von Rick Remender wurde Deadpool als Mitglied der Uncanny X-Force – der dunklen Variante der X-Men – ernsthafter, düsterer und vielschichtiger, was aber immer noch Raum für abgedrehte Ausritte wie in dem hier vorliegenden „Zerstörungslust“ von 2010 ließ, in dem Herr Wilson einen Ring von Vampiren aushebt, der Kinder per fast Food mästet. Schließlich dürfen wir sogar noch die Hochzeit von Deadpool und der Dämonin Shiklah erleben, die die einzige ist, die ihn in seiner wahren Gestalt nicht zum Kotzen findet und die er deshalb lieber selbst ehelicht als auftragsgemäß bei Dracula abzugeben.

In diesem wahrhaft mächtigen Ziegel findet der Deadpool-Freund ebenso wie der Novize und der verdutzte Filmschauer, der wissen will, was zur Hölle das mit Wade Wilson alles soll, eine veritablen Fundgrube an beispielhaften Stories aus allen Lebenslagen. Enzyklopädisch ergänzt wird das Ganze durch kenntnisreiche Hintergrundinformationen, die jedes Abenteuer in den richtigen Kontext stellen, Wades wilde Welt erklären, seine Freunde und Feinde (kommt manchmal aufs gleiche raus) vorstellt und alle Teams, bei denen er gerne Mitglied Wäre, auflistet (und das ist ‘ne Menge!). Mit massig Material, das aktuell anderweitig nicht verfügbar ist, randvoll mit Zoten, Action und Persiflage, bietet diese Anthologie für 25 Euro so viel Spaß, wie man haben kann, wenn die Klamotten dran bleiben müssen. (hb)

Deadpool: Greatest Hits – Die Deadpool Anthologie
Text: Rob Liefeld, Joe Kelly, Jimmy Palmiotti, Buddy Scalera, Fabian Nicieza, Duane Swierczynski, Victor Gischler, Rick Remender, Daniel Way, Brian Posehn, Gerry Duggan
Bilder: Rob Liefeld, Pete Woods, Georges Jeanty, Patrick Zircher, Reilly Brown, Leandro Fernandez, Paco Medina, Jerome Opena, Bong Dazo, Mike Hawthorne
324 Seiten in Farbe, Hardcover
Panini Comics
24,99 Euro

ISBN: 978-3-95798-631-3

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