Comicfestival München 2019 | Comicleser

Comicfestival München 2019

Juni 28, 2019
Comicfestival München (Plakat)

Jetzt stehen sie also vor einem explosiven Backdrop, posieren mit Perücke, Plastikbrille inkl. falschem Schnauzer und Staubsauger im Anschlag. Was aussieht wie eine typische Fotobox – populär bei Hochzeitsfeiern aller Art, aus eigener Erfahrung sehr zu empfehlen, vor allem am späteren Abend! – ist eine Szenerie, die der Verlag Schreiber & Leser für seine neue Reihe „Shooting Ramirez“ aufgebaut hat. Man macht ein lustiges Bild, schnell mal gepostet mit Hashtag, und ab geht die Social Media Luzie. Wäre somit auch prima für die allfällige Laufkundschaft, die die hartgesottenen Anhänger bei einem Comicfest idealerweise ja ergänzen sollte.

Nur fiel die bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals in München seltsamerweise irgendwie aus – zumindest Donnerstag und Freitag. Man drängte sich an den altbekannten Gesichtern vorbei, hatte teilweise das Gefühl des Goldfischs im Glas (wobei der ja dankenswerterweise immer schnell vergisst, dass er schon mal da war) und wunderte sich, warum dieses interstellare Aufgebot an internationalen Stars nicht mehr diverses Publikum in die Alte Kongresshalle zieht. Dort spielte sich wie schon in den beiden Voransetzungen 2017 und 2015 nämlich das bunte Treiben ab, das der rührige Veranstalter Heiner Lünstedt als alternierende Austragungsvariante zum anderen Fixpunkt, dem Comic-Salon in Erlangen, auf die Beine stellt.

Neben dem eigentlichen Kern der Veranstaltung, den Besuchs-, Signier- und Glückseligkeitsstunden mit diversen Künstlern, gab es wieder jede Menge Ausstellungen – so etwa wurde direkt on location das Lebenswerk von Matthias Schultheiss gewürdigt, ehemals Szene-enfant-terrible, jetzt entspannt parlierender Gast. Freunde der Superheldenfraktion labten sich an den Exponaten der „80 Jahre Batman“-Ausstellung im Amerikahaus, die immerhin noch bis zum 30.09. läuft und unter anderem Originales von Dave McKean bietet. Eben diese ikonische Größe, die dem Geschehen im Vorfeld einiges an Glanz verlieh, erwies sich allerdings als fast so flüchtig wie seinerzeit der legendär nicht auffindbare Robert Crumb: lediglich bei zwei Terminen in der Stadt, einer davon im Rahmen einer musikalisch begleiteten Filmvorführung im Jüdischen Museum, gab sich der Schöpfer von „Signal to Noise“ und „Arkham Asylum“ die Ehre.

Ort des (Haupt-) Geschehens

Für Nachkäufer und Komplettierer gab es in der Tonhalle (am Ostbahnhof, schon für sich genommen ein berühmter Austragungsort) die allseits beliebte Comicbörse, das Feuilleton konnte sich an allerlei Podiumsgesprächen erbauen, und Workshops luden zum Mitmachen ein. Das alles nehmen wir sehr wohlwollend zur Kenntnis, kehren aber wie immer lieber zurück zum Ort des Geschehens und der eigentlichen heißen Schlacht am kalten Buffet: die Jäger und Sammler stellten in diesem Jahr nämlich besonders fetter Beute nach. Es dürfte kaum ein europäisches Festival geben, so stellten wir durchaus beeindruckt fest, bei dem auf solch kleinem Raum – konkret die Bretterbühne der Alten Kongresshalle, die wir drei Tage lang mit wenigen Schritten Variationsbreite bewohnten – ein solches Aufgebot an Szenestars am Start ist.

Signier-Bühne und Stände in der Alten Kongresshalle

Zweifelsohne mit tatkräftiger Schützenhilfe des Originals Eckart Schott konnte sich das Comicfestival München rühmen, nebeneinander auch selten anzutreffende Vertreter wie Frank Le Gall, Francois Boucq, Ana Miralles, Eduardo Risso, Cyril Pedrosa, José Munuera, Olivier Schwartz oder Achdé aufzufahren, um die sich das übliche Taktieren, Geheimniskrämen und Sprinten rankte – letzteres nimmt sich teilweise kurios aus, da die körperliche Verfassung der Schlachtenbummler nebst abenteuerlichen Beinkleidern der durchaus beträchtlichen Hitze in der Halle nicht selten Tribut zollen musste. Belohnt wurde man allerdings durch wunderbare Dédicaces (so etwa verzierte Frau Miralles ihre im besten Sinne weibliche Serie „Djinn“, Boucq zeichnete formidabel in den „Bouncer“, der jetzt bei Schreiber & Leser erscheint), und auch Achdé ließ sich zu deutlich ausführlicheren – und bunten – Lucky Lukes hinreißen als vor einigen Jahren in Erlangen, als wir uns mit einem kleinen Sketch bescheiden mussten.

Frank le Gall posiert mit Theodor Pussel (und Verleger)

Apropos Achdé, auch der deutsche Beitrag zum Lucky Luke-Universum durfte natürlich nicht fehlen: Mawil war an Ort und Stelle (auch wenn sich die Standbesatzung bei Ehapa nicht unbedingt sattelfest zeigte, was die Signiertermine auf der Bühne anbelangte) und malte astreine Canyoning-Szenerien in seine Hommage „Lucky Luke sattelt um“. Ausdauern zeigte sich auch Herr Schultheiss, der den Begleitband zur Ausstellung (sinnigerweise „Bilder einer Ausstellung“) gewohnt expressiv mit Wasserfarben und-spritzern  veredelte und anschließend im Biergarten flanierend mit feschem Hut gesichtet werden konnte, bevor er dann noch absolut verdientermaßen den Peng!-Preis für ein beachtliches Lebenswerk einheimste. Die deutsche Fahne hielt auch Flix hoch, der nicht nur seinen formidablen „Spirou in Berlin“ (der jetzt endlich auch in Frankreich anberaumt ist) im Gepäck hatte, sondern auch ein sehr kühles Tournee-Shirt eines raren Clubauftritts der Ärzte in Belgien.

Josch Dantes

Bei immer gut gelaunten Josch und seinem Dantes Verlag-Stand ergatterten wir eine hübsche Studie von Raúlo Cáceres, der mit seinem „Captain Swing und die elektrischen Piraten von Cindery Island“ am Start war (nebst Druck, danke!), bei Olivier Schwartz lächelte uns das Carlsen-Würfel-Glück an, so dass wir uns über eine „Atom Agency“ (nein, diesmal keinen Spirou) freuen konnten, und immer gut gelaunt und für Überraschungen gut präsentierte sich Lewis Trondheim, der mit seiner Frau und Koloristin Brigitte Findakly zu Gast war, und der sich auch mal mangels Sitzgelegenheit am Signiertisch ungerührt zum Zeichnen mitten in die Menge setzte (und die etwas verbisseneren Fan-Kollegen damit doch leicht irritierte) und bei Schlachtenbummlern, die es „wagten“, sich ohne Nummer anzustellen, gemeinsam mit Frank le Gall den vermeintlichen Ernst der Lage wunderbar parodierte („Punish him! Call the police!“).

Anna Miralles signiert Djinn

Fast schon drollig waren da die Aufforderungen, die Schlangen doch bitte sichtbar und ordentlich zu gestalten – bei den hier versammelten zielorientierten Sammelwütigen dürfte eine Verwechslung kaum vorkommen, liebe Damen. Ein späteres Highlight lieferte dann der erst am Samstag aus Bologna per Zug angereiste Vittorio Giardino, der seine Prager-Frühlings-Saga „Jonas Fink“(Neu- und Komplett-Ausgabe bei Salleck in zwei Bänden) geduldig veredelte. Die Gedrängtheit der Angelegenheit, die sich de facto über weite Stunden nur auf der Bühne abspielte, war Fluch und Segen sogleich: alles auf einem Fleck, sehr effizient, aber wenig Auslauf, wie das das Schwesterevent Erlangen mit seinem durchaus genialen Zeltarrangement im letzten Jahr bot.

Matthias Schultheis bei der Preisverleihung (© Marcus Antritter)

Aber mia san hier in Minga, daher frequentierten wir natürlich den nahe gelegenen Biergarten, in dem sich das bunte Volk ebenso tummelte wie die Künstler und Verlagsvertreter, um die eine oder andere Maß zu heben (wobei wir an der Aussprache noch feilen, liebe Besucher von jenseits der Donau, schließlich geht es hier nicht um ein Metermaß). Ebenso unverzichtbar war natürlich das konkrete private Grillfest, das auch diese Veranstaltung wieder zu einem nachbarschaftlichen Verständigungsprojekt avancieren ließ. Insgesamt also eine mehr als beachtliche Konstellation, der deutlich mehr Laufpublikum zu wünschen wäre, um eine breitere Basis auch fürs weitere Gelingen zu gewährleisten. Wir sind in jedem Fall wieder dabei, in zwei Jahren, auf der Theresienhöhe. Das ist bei diesen Wiesen, wo es die Maßen gibt. (hb)

Hier die diesjährigen Peng!-Preisträger:

Preis für das Lebenswerk: Matthias Schultheiss
Bester deutschsprachiger Comic: Spirou in Berlin,
von Flix (Carlsen Verlag)
Bester europäischer Comic: Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu,
von Mathieu Sapin (Reprodukt)
Bester nordamerikanischer Comic: Batman: Der weiße Ritter,
von Sean Murphy (Panini)
Beste Edition eines Klassiker: Rip Kirby – Die kompletten Comicstrips,
von Alex Raymond (Bocola Verlag)
Beste Sekundärliteratur: Batman: Re-Konstruktion eines Helden,
von Lars Banhold (Christian A. Bachmann Verlag)

Francois Boucq
Lewis Trondheim
Jurek Malottke
Lewis Trondheim in der Menge
Raulo Caceres
Vittorio Giardino
Achdé
Olivier Schwartz
Viel los auf der Bühne!


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