Münchhausen (Carlsen) | Comicleser

Münchhausen (Carlsen)

Juli 13, 2016

Münchhausen (Carlsen)

London im Kriegsjahr 1939: der Geheimdienst seiner Majestät ist in Aufruhr. Nicht wegen des anhaltenden Blitzkriegs der Deutschen, das kennt man ja schon. Nein, es ist etwas viel Seltsameres passiert: ein offenbar geistig verwirrter alter Mann ist mit einem wunderlichen Fluggerät auf dem Dach des Buckingham Palastes gelandet. Und die Geschichte, die er auftischt, ist mehr als nur abenteuerlich: er sei auf dem Mond gewesen, und müsse nun ganz dringend zum Kaiser. Genauer gesagt zu Wilhelm II. Das lässt nur drei Schlüsse zu: der Alte hat einfach nicht mehr alle Lichter auf dem Weihnachtsbaum – dann aber bleibt die Frage, wie kommt er aufs Dach? Oder – und das scheint die wahrscheinlichste Erklärung des Geschehens – er ist ein deutscher Spion, der ein Attentat oder Schlimmeres vorhatte. Und zu guter Letzt: was, wenn er doch die Wahrheit sagt? Dann könnte er den Engländern im wogenden Luftkrieg eventuell den entscheidenden strategischen Vorteil verschaffen. Es gilt also den Geist des alten Wirrkopfs, dessen Papiere auf den Namen Bürger lauten, zu ergründen. Und dafür ist kein anderer besser geeignet als Sigmund Freud, der Pionier und Gottvater der Psychoanalyse, der das eine oder andere zu Psychosen zu sagen hat und der seinen Lebensabend in London verbringt.

Bei Nacht und Nebel schnappt man sich also den anfangs protestierenden Freud, der das Gespräch mit dem Sonderling aufnimmt, um zu erfahren, was ihn dazu bringt, diese doch offenkundigen Ammenmärchen zu erzählen. Er heiße gar nicht Bürger, das sei die erste falsche Annahme, berichtet der und beginnt, seine Lebensgeschichte auszubreiten. Als junger Mann, genannt Ronny, geht er mit seinem großen Bruder auf die Jagd und erlegt dort einen Hirschen mit einer Ladung Kirschkerne. Der allerding ist alles andere als tot, sondern donnert heran und spießt den Bruder auf. Ronny eilt verzweifelt nach Hause – und als er sich aufmacht, den Arzt zu holen, trifft ein Blitz das Elternhaus, in dem Mutter, Bruder und andere Angehörige verbrennen. Die Polizei greift Ronny auf und glaubt ihm seine Geschichte nicht – ganz im Gegenteil wird er beschuldigt, seine Familie umgebracht zu haben. Mit seinem treuen Pferd sperrt man ihn in eine Scheune, um das Verfahren abzuwarten, aber Ronny gelingt es, sich mitsamt Pferd buchstäblich am eigenen Schopf aus der Misere und der Scheune zu ziehen. Auf der Flucht entwickelt er sich zum Frauenheld, erlegt achtbeinige Hasen und trifft einen wunderlichen Alten, dessen Worte in der klirrenden Winterkälte gefroren sind und erst am Feuer wieder auftauen.

Der berichtet ihm davon, was seine Mutter als Astronomin herausgefunden hat – die uns abgewandte Seite des Mondes beherberge einen wunderbaren Garten, auf dem die Zeit anders laufe als bei uns und in dem die klügsten Wesen des Universums wohnen. Das sollte man sich doch einmal anschauen, aber auf dem Weg durch die Winterlandschaft trennen sich die Wege: der junge Ronny muss dringend zum Kaiser, um eine Begnadigung zu erwirken, und die Geschichten des Alten über den Mond glaubt er sowieso nicht. Reichlich verzweifelt wandert er alleine weiter, und spätestens als er bei der sattsam bekannten Erzählung vom Pferd angekommen ist, das er an einem verschneiten Pfahl festbindet, nur um am nächsten Tag festzustellen, dass das der Kirchturm war, an dem das Tier jetzt baumelt, platzt Freud der Kragen: niemals kann Ronny den Gaul heruntergeschossen haben, das Pferd wäre zerschmettert. Freud konfrontiert seinen Patienten mit einer durchaus schlüssigen These: hat er sich seine ganzen Abenteuer vielleicht nur zusammenphantasiert, weil er seine Familie wirklich umgebracht hat…?

Der deutsche Szeneveteran Flix wendet bei seiner Interpretation der klassischen Münchhausen-Geschichte einen Kunstgriff an, den er auch in leicht anderer Form bei seinen Fassungen von Goethes Faust und Cervantes Don Quijote platzierte: die Grundzüge der Handlung bleiben gleich, die Geschehnisse werden aber aktualisiert und damit in einen neuen Kontext gesetzt. Gottfried August Bürgers fast schon sprichwörtliche Erzählung um den Lügenbaron lädt er mit psychologischer und historischer Brisanz auf, indem er die Ereignisse vom 19. ins 20. Jahrhundert versetzt und die Theorie zu ergründen sucht, ob denn eine chronische Hochstapelei nicht nur Ausdruck einer tieferen Psychose sein könnte. In der symbolischen Figur des Sigmund Freud stellt dabei die moderne Psychologie die Frage, ob traumatische Erlebnisse eine Abspaltung des Geistes erzeugen können, der in eine Traumwelt flieht, um sich selbst vor seinen oder fremden Taten zu schützen.

Ähnlich wie in der wunderbaren Ufa-Filmfassung des Stoffes, in der Drehbuchautor Erich Kästner (ohne Namensnennung, nachdem er als Schriftsteller verboten war) den Hauptdarsteller Hans Albers auf dem Mond feststellen ließ „Die Zeit ist kaputt“ und damit unumwunden die politische Realität des Jahres 1943 kommentierte, gerät die Unterhaltung zwischen dem Flunkermeister und dem Wissenschaftler zu einer trefflichen Analyse der chaotischen Realität: sei es nun „nur“ Egozentrik, vielleicht auch die gleichnamigen Krankheitsbilder (das Münchhausen-Syndrom etwa bezeichnet Patienten, die Krankheiten vortäuschen, um Aufmerksamkeit zu heischen) oder gar die Persönlichkeitsspaltung, die Freud vermutet: die moderne Welt überfordert so manchen Geist, der sich dann in zwar unterhaltsame, aber dennoch abgründige Scheinwelten flüchtet. Und dabei ist die ganze Chose gar nicht melancholisch, sondern vor allem durch die Figur des knorrigen, aufmüpfigen und trotzigen alten Freud teilweise auch urkomisch. Gehalten in atmosphärischem Schwarz-Weiß (bis auf die farbigen Szenen auf dem Mond), dicht und schmissig erzählt, liefern Flix und Zeichner Bernd Kissel eine wunderbare, komplexe und zutiefst unterhaltsame Aktualisierung eines unsterblichen Klassikers. (hb)

Münchhausen – Die Wahrheit über das Lügen
Text: Flix
Bilder: Bernd Kissel
192 Seiten in schwarz-weiß und in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
17,99 Euro

ISBN: 978-3-551-76303-7

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