Daddy (Splitter) | Comicleser

Daddy (Splitter)

Dezember 25, 2011

Nach einigen Wanderungen in der Wildnis (z.B. als Drehbuchautor für Krimiserien des Kommerzfernsehens) ist die Ikone Matthias Schultheiss dankenswerterweise seit einiger Zeit wieder in die Szene zurückgekehrt, und bei seinem Auftritt in Erlangen 2010 zeigte der ehedem gerne mal schwierig-arrogante Herr sich als umgänglich und sichtlich bemüht um die Anhänger. Furore machte er in den 80ern mit komplexen, vielschichtigen Werken wie Der lange Job, Die Wahrheit über Shelby und Die Haie von Lagos, bevor er sich mit Ausflügen in die Porno-Ecke (Talk Dirty) nicht unbedingt einen Gefallen tat. Derzeit erscheinen die Werke des ehemaligen Szenestars immer über den Umweg Frankreich, so auch mit dem Nachfolger zum letzten (eigentlich auch schon älteren Werk) Die Reise mit Bill, das 2010 das Licht der Welt erblickte.

In Daddy schafft Schultheiss das, was man landläufig als „high concept“ bezeichnet, also eine Grundidee, die absolut schlagend und genial ist. Und zwar: im 3. Jahrtausend hat sich der Mensch an sich in keinster Weise gebessert, sondern zerfleischt sich immer noch gegenseitig. Gott mag sich dieses Treiben nicht mehr länger anschauen und schickt seinen Sohn erneut auf die Erde, um die Menschheit zu erlösen. So stellt er sich das zumindest vor, denn Jesus weigert sich rundheraus, sich nochmals für diese unbelehrbaren Schwachköpfe massakrieren zu lassen, und lehnt sich auf. Als Strafe schlägt ihn der Vater mit Blindheit und gibt ihm einen verdächtig nach einem gewissen deutschen Staatenlenker der 30er und 40er Jahre aussehenden Führer (jaja) an die Hand. So wandert das ungleiche Pärchen durch die versehrte Großstadtlandschaft, in der der drogenabhängige Jesus zunehmend an seinem Vater zweifelt. Wie um alles in der Welt kann ein liebender Gott diese Grausamkeiten zulassen, fragt er sich? Ist er grausam, verrückt, oder hat er die von ihm geschaffene Menschheit etwa in einem Reagenzglas vergessen? Vor allem das Leid der Kinder macht Gottes Sohn zu schaffen – nur wenn Gott gelobt, die Kinder ab sofort vor Gewalt und Tod zu verschonen, ist er bereit, sich zu offenbaren und sich einmal mehr zu opfern. Aber der Herr Vater antwortet nicht, und Jesus beginnt, auf eigene Faust Kinder zu retten, zu heilen und für ihr Wohl zu sorgen, immer verhöhnt von seinem Begleiter, der feststellt, dass dies doch alles sinnlos sei. Bald ist die organisierte Kirche auf dem Plan, die in diesem Heilsbringer eine Gefahr für die zementierte Macht sieht, fußt diese doch auf der Furcht, die die Menschen vor Gott doch bitteschön haben sollen…

Schultheiss gelingt hier eine fesselnde und provozierende Parallelwelt zur biblischen Leidensgeschichte, in der philosophisch verwurzelte Gotteszweifel (widerspricht das Leid der Welt nicht der Existenz eines Gottes?) mit radikaler Kritik an der Institution Kirche (die auf Absicherung ihrer Jahrhunderte langen Machtposition bedacht ist und dabei vor nichts zurückschreckt) verbunden wird. In sprachlichen und visuellen Anspielungen wiederholt sich die Geschichte von den Wundertaten, dem Judas-Verrat und der Kreuzigung und gipfelt in der verzweifelten Frage, warum Gott seinem Sohn in der schwersten Stunde verlässt. Mit dem kleinen Unterschied freilich, dass Jesus hier gepflegt den Vatikan platt macht und sich nach Afrika absetzt. Kongenial integriert Schultheiss in seinen gewohnt großflächig-meisterhaften Panels auch bewusst kindliche Skizzen, in denen Gewalt und Tod gegen und aus Sicht von Kindern erscheinen und so deutlich machen, wie richtig der moderne Jesus die Welt einschätzt, die ihre Kinder schlägt, mißbraucht und ermordet. Bei aller meiner üblichen Reserviertheit der Kritzelfraktion gegenüber – diese Szenen sind passend, schockierend und aufrüttelnd.  Ganz ganz großes Kino von einem Meister, der zu seiner alten Form zurückgefunden hat.

Anlässlich des fünfjährigen Bestehen spendiert der Splitter-Verlag eine auf 555 Stück limitierte Jubiläumsausgabe mit signiertem Kunstdruck. Die leider bereits vergriffen ist… (hb)

Text & Bilder: Matthias Schultheiss
72 Seiten in Farbe, Hardcover
15,80 Euro

ISBN 978-3-86869-442-0

Tags: , , ,

Comments are closed.