Interview mit Enrico Marini | Comicleser

Interview mit Enrico Marini

June 9, 2015

Enrico Marini

Enrico Marini gehört zu Europas Zeichner-Elite. Seine beiden historischen Serien ‚Die Adler Roms‘ und ‚Der Skorpion‘ erscheinen aktuell auf deutsch im Carlsen Verlag, die abgeschlossene SF-Serie ‚Gipsy‘ ist mit sechs Alben bei Splitter erhältlich. Der Schweizer Marini besuchte das Comicfestival in München – aber nicht als signierender Gast, sondern als Otto Normalbesucher. Wir trafen ihn zu einem ebenso lustigen wie interessanten Interview, bei dem spontan auch Thomas von Kummant (‚Gung Ho‘) mitmischte. Wo? Natürlich standesgemäß im Biergarten bei einem kühlen Hellen (oder für Herrn Marini eine Apfelschorle):

Comicleser (CL): Du bist privat hier. Ist es wegen des Festivals oder bist Du einfach gerne mal in München?

Enrico Marini (EM): Die wollten mich nicht bei Carlsen (lacht). Ich bin ihnen zu teuer, das ist das Problem (lacht erneut). Nein, ich wollte eigentlich meine Freunde besuchen. Den Thomas von Kummant (der neben uns sitzt) und den Benjamin von Eckartsberg. Ich wollte schon signieren bei Carlsen, aber irgendwie war das zu kurzfristig und zu kompliziert, die hätten da umstellen müssen. Wir machen da nächstes Mal etwas Ausführlicheres daraus. Jetzt bin ich eigentlich Tourist und wollte mal reinschauen… in den Biergarten (lacht) und mich unter die Normalos mischen, so wie euch halt.

CL: Jetzt mal zurück zu Deinen Anfängen. Wie bist Du zum Comiczeichner geworden?

EM: Wie alle, die als Kind in Kontakt mit Comics gekommen sind, habe ich probiert, die Geschichten nachzuzeichnen. Vielleicht wollte ich das einfach ein bißchen mehr als andere. Also nicht nur konsumieren, sondern auch gestalten. Ich hatte da so meine eigenen Ideen im Kopf. Und irgendwie konnte ich besser Zeichnen als Fußball spielen. So einfach war das. Kann halt nicht jeder beides so gut wie der Thomas.

Thomas von Kummant (TvK): Frisch gebackener bayerischer Meister!

EM: Genau. In Italien habe ich viele Fumettis gelesen, die mir meine Großmutter gekauft hat. Sachen wie Tex, Dylan Dog, Diabolik. Und natürlich Topolino (Anm. CL: Micky Maus) und Donald Duck. Die entstehen ja eigentlich in Italien. Deswegen war der Kontakt zu Comics sehr früh da. Das habe ich abgezeichnet. Wir hatten nicht so viele Spielsachen, deswegen war ein Bleistift und ein Blatt Papier das einfachste Mittel, sich zu beschäftigen.

CL: Beim ‚Skorpion‘ arbeitest Du mit Desberg als Autor zusammen. Wie genau sind die Vorlagen, die er Dir liefert?

EM: Eigentlich besprechen wir die Geschichte seit jeher zusammen. Der Skorpion ist ein wenig meinem Kopf entsprungen. Die Figur, diese ganze Welt, diese Abenteuer-Geschichten, da hatte ich Bock drauf. Das kommt aus einer Nostalgie für Filme, die ich als Kind liebte, diese Mantel-und-Degen-Filme aus den 50er und 60er Jahren. Die Hollywood Schinken haben es mir irgendwie angetan. Wie die Zorro-Serien und Drei Musketiere-Verfilmungen. Ich wollte irgendwas in dieser Art machen, quasi eine Hommage an diese Zeit, an das Goldene Zeitalter des Kinos, und habe mir dann etwas mit einem Piraten ausgedacht. Der hieß dann der Skorpion. Und damals war ich einfach noch nicht bereit, die Geschichten selbst zu schreiben. Also habe ich Stéphen Desberg gefragt, denn mit ihm hatte ich den Western ‚Der Stern der Wüste‘ schon gemacht. Wir hatten ziemlich gut zusammengearbeitet. und so habe ich ihm meine Ideen und meine Gelüste (lacht) erzählt. Dann wurde eben kein Pirat daraus, sondern ein Abenteurer, ein Grabschänder sozusagen. Dann hat Desberg noch etwas dazu gedichtet. Das wechselt sich ab. Ich kriege eine Vorlage, also schon ein Szenario von ihm, aber das ist schon eine Art Wechselspiel. Ich ändere dann auch vieles im Nachhinein, passe Szenen an. Das hat schon immer funktioniert. Deshalb war der Schritt zum selbst Schreiben gar nicht so groß.

Neuerscheinung: Der Skorpion, Bd. 11

Neuerscheinung: Der Skorpion, Bd. 11

CL: Wie viel aufwändiger ist die Arbeit als Zeichner UND Autor?

EM: Ich finde das zum Teil fast angenehmer. Weil (lacht) die Szenaristen machen eh nicht viel. Die schreiben zwei Wochen dran rum, dann kriegst Du eine Karte aus Thailand, eine aus Mexiko und sie sagen: „Hey, das solltest Du auch mal machen. Mit der ganzen Familie einen Monat Ferien“. Ja danke…!

CL: Bist Du dann jetzt mit den beiden Serien ausgelastet oder kommt irgendwann mal eine dritte?

EM: Nein, ich bin schon ausgelastet. Ich werde wahrscheinlich etwas beenden müssen. Ich denke, der Skorpion geht so langsam dem Ende zu, das steht noch nicht definitiv fest, aber irgendwann kommt es. Da gibt es dann natürlich noch viel Material und viele Möglichkeiten, aber ob ich das dann weiter zeichnen werde, das weiß ich noch nicht. Ich werde mich dann sicher einbringen, wenn es ein anderer zeichnet, vielleicht beim Szenario oder beim Storyboard. Wenn es überhaupt weitergeführt wird. Ich denke, da gibt es jetzt noch einige Bände, dann ist für mich für eine längere Zeit, oder auch komplett Schluss. Ich hab schon Lust auf andere Geschichten, andere Genres: Krimis, Thriller, vielleicht wieder ein Western, vielleicht auch wieder etwas Historisches, weiter zurück. Aber Krimi wäre gut, Noir, fünfziger Jahre.

CL: Wirst Du dann nur noch Dein eigener Autor sein und alles selbst schreiben?

EM: Vielleicht nicht alles. Wenn ein gutes Szenario kommt, dann bin ich offen dafür. Aber ich denke, jetzt abgesehen vom Skorpion, hat sich das erledigt. Den habe ich jetzt mit Desberg angefangen. Ich kann ihn zwar nicht rauswerfen. Ich würde zwar gerne (lacht)… Das könnt ihr ruhig bringen, der liest kein Deutsch, der macht sich die Mühe nicht (lacht. Wir auch). Zudem sage ich es ihm ja auch persönlich. Nein, ich denke, es müsste schon etwas Gutes sein, etwas, das ich nicht so alleine machen könnte, das mich packt. Aber sonst möchte ich schon meine eigenen Sachen machen. Es gibt so viele Möglichkeiten. Man kann auch einen Roman adaptieren, oder eine Kurzgeschichte weiter spinnen. Aber eigene Geschichten machen mehr Spaß.

CL: Wie lange arbeitest Du an einem Album? Benutzt Du auch den Computer?

EM: Wenn ich selbst auch schreibe, brauche ich schon etwa ein Jahr. Den Computer nutze ich nur, um einige Retuschen zu machen. Ein paar Flecke wegmachen, einen Himmel oder eine Farbe verändern. Oder mal einen Slip hinzufügen, um Genitalien zu überdecken für gewisse englische Ausgaben. Nein, das mache ich auch nicht mehr. Also eher Retuschen. Ich könnte mir schon vorstellen, den Computer mal öfter einzusetzen. Ich kann’s halt nicht so gut wie der da (zeigt auf Thomas von Kummant). Wenn der mir dieses Werkzeug beibringt, dann bringe ich ihm bei, den Pinsel zu schwingen. Was er jetzt auch mehr macht, seitdem er mich kennt.

TvK: Wie meinst Du das jetzt? (allgemeine Heiterkeit)

CL: Wie gut kennst Du den deutschen Comic-Markt, die deutsche Szene – Veröffentlichungen, Zeichner? Interessiert Dich das?

EM: Ich kenne natürlich nicht alle. Ich kenn halt den (zeigt wieder auf Thomas von Kummant). Den Oesterle kenne ich und seinen Hector Umbra. Dann kenne ich den Ralph Meyer (lacht). War ein Witz…

CL: Andreas ist deutschstämmig…

EM: Hermann ist doch Deutscher?! Ich glaube, er hat zumindest deutsche Vorfahren…

TvK: Kennst Du den Mawil zum Beispiel? Oder die Barbara Yelin? Die hat gestern auch ausgestellt…

EM: Nein. Wen kenne ich noch? Den Schultheiss natürlich. Talk Dirty – mein erster Porno!

TvK: Den König kennst Du doch auch…

EM: Den kenne ich auch. Der ist natürlich super. Aber ich kenne natürlich nicht alle. Die Franzosen schon besser. Aber auch da gibt es zu viele. Ich denke, für die deutschen Autoren ist schon noch Luft nach oben. Bei einem Land mit der Größe Deutschlands müsste mehr kommen. Tut es sicher auch noch.

Erste Zusammenarbeit mit Desberg

Erste Zusammenarbeit mit Desberg

CL: Wenn von Deinen Alben internationale Ausgaben erscheinen, wirst Du da informiert? Bekommst Du dann Belegexemplare?

EM: Ja, normalerweise schon. Die deutschen, die italienischen, auch die polnischen. Aber davon brauche ich nicht mehr als eines. Aber die schicken immer 20 polnische Ausgaben, eine deutsche und eine italienische. Dann sage ich immer, dass ich viel Familie in Italien hab. In Polen kenne ich nicht so viele. Sogar koreanische Ausgaben gibt es. Ich weiß natürlich nicht, was da alles drin steht. Ich hoffe, es passt. Aber sehr schön gedruckt sind die.

CL: In wie vielen Ländern erscheinen Deine Arbeiten?

EM: Keine Ahnung, ich hab nie nachgezählt. So um die 15, denke ich. In den USA auch, wobei diese Ausgaben echt nicht gut sind. Leider nicht so schön gedruckt. Das ist ein Kleinverlag, der hat halt ein kleines Budget. Ein paar Ausgaben sind echt Schrott. Das kann man ruhig sagen, das habe ich ihm auch gesagt. Da musste ich eingreifen, so schlimm war das. Zuhause kann ich das besser drucken mit meinem alten Drucker, und das kann nicht sein. Es lag natürlich am Papier. Aber nach fünf Ausgaben solltest Du das selbst sehen. Meinem französischen Verlag sage ich dann, wieso und warum? Das sind ja nur 300 oder 500 Ausgaben. Das lohnt sich ja fast nicht und ist dann auch so schlechte Werbung. Dann lasst es lieber sein. Dann heißt es, „nein nein, das brauchen wir, wer weiß, in Hollywood lesen die nur Englisch“. Die hoffen, dass sie mit diesen Ausgaben vielleicht irgendeinen Produzenten begeistern, aber das kannst Du vergessen. Wenn die Vorlage so schlecht gedruckt ist, lachen die dich aus. Deshalb musste ich da eingreifen. Sonst bin ich relativ glücklich mit den Ausgaben. Auch mit den deutschen. Carlsen macht das super, und Splitter mit ‚Gipsy‘ auch. Auch die Italiener mittlerweile. Die hatten anfangs sehr schlecht gedruckt, aber die geben sich jetzt Mühe. Machen wir ja eigentlich alle. Auch der Preis: 12 € in Deutschland, das muss dann eine gewisse Qualität haben.

CL: Hast Du irgendwelche Vorbilder? Wer hat Dich besonders inspiriert?

EM: Hätte ich den Thomas früher kennengelernt, dann… (lachen beide) Ich habe ihn auch für den Prix Diagonale nominiert (in der Tat: http://www.prix-diagonale.be/fr/nomines.html). Kennt zwar niemand, aber… (lacht)

TvK: Doch, das ist der wichtigste Preis in Belgien!

EM: Welche Vorbilder… nein, ich mag wirklich, was Thomas macht. Aber meine Vorbilder sonst – Hermann hat mich schon beeinflusst, mit Jeremiah, Comanche und Bos Maury. Natürlich auch Otomo mit Akira oder Shirow. Und auch viele spanische, italienische oder auch südamerikanische Zeichner, wie Alfonso Font. Und sicherlich auch Hugo Pratt ein bisschen. Aber mehr südländische Zeichner als franko-belgische. Und viele Amerikaner natürlich: Kevin Nolan, Gene Colan, John Romita sr. Aber auch Alberto Breccia. Querbeet also. Auch Funnies, wie Asterix und die Schlümpfe. Aber das sieht man natürlich nicht. Damit beginnt man halt. Am Anfang habe ich viele Menschen und Tiere funny-mäßig gezeichnet, dann habe ich mich doch mehr Richtung Realismus orientiert. Man sieht ja an meinen Zeichnungen – da ist nicht viel von Tim und Struppi hängen geblieben. Das ist natürlich auch super, aber zeichnerisch nicht so mein Ding. Aber Ligne Claire ist unglaublich schwer zu zeichnen. Und Jordi Bernet natürlich!

Bisher 4 Bände: Die Adler Roms

Bisher 4 Bände: Die Adler Roms

CL: Du sagst, dass ‚Der Skorpion‘ bald beendet wird. Wie viele Alben wird es von den ‚Adlern Roms‘ geben?

EM: Das ist noch offen. Etwa sechs bis sieben, wenn’s läuft, acht (lacht). Ich habe mal mit drei angefangen und jedes Jahr kommt noch eins dazu.

CL: Du wechselst Dich mit den Serien immer ab.

EM: Ja, aber das ist sehr, sehr schwierig. Nach dem fünften Band geht ein Zyklus zu Ende. Dann könnte ich mir vorstellen, eine längere Pause zu machen. Für die Leser ist es eh schon zu lange so… Aber ich denke ich mache keine sehr lange Serie daraus. Sieben, acht Bände, dann ist so langsam Schluss. Ich könnte mir vorstellen, dass ich viel später den Titel nochmal brauche, aber eine ganz andere Epoche erzähle. Vielleicht 200 Jahre später mit anderen Figuren noch einmal die Römer zu behandeln. Das sind alles Möglichkeiten, an die ich noch gar nicht denke. Auch die Verlage kommen immer mehr weg von diesen langen Serien. Wenn man mit neuen Projekten kommt, wollen die keine Serien mit zehn, zwanzig Bänden. Das schreckt sie ab. Vier, fünf, maximal. Außer es läuft natürlich gut, dann sind sie bereit. Früher wollten alle Serien haben, das gab Sicherheit. Aber das ist heute nicht mehr so. Graphic Novels sind auch viel gefragt, auch in Deutschland. Das wäre auch was, das würde mich auch interessieren, ja.

CL: Für welche Deiner beiden historischen Serien musst Du mehr recherchieren?

EM: Für die ‚Adler Roms‘, ganz klar. Für den ‚Skorpion‘ recherchiere ich schon auch. Aber der ist wie ein Theaterstück, da gibt es schon auch viele Freiheiten. Die ‚Adler Roms‘ ist da schon fundierter. Macht aber auch Spaß. Ich fülle so ein wenig die Lücken, aber ich denke, ich übertreibe es nicht. Ich bin ja auch kein Historiker. Es gibt einige Referenzen, die sind eingebettet in eine gewisse Zeit. Wie ein historischer Roman mit einem historischen Ereignis: die Varus-Schlacht. Aber viele Figuren sind auch fiktiv; über Arminius weiß man so wenig. Auch zum Glück. Klar, es ist manchmal frustrierend. Gerade über die Germanen weiß man kaum etwas, die haben nichts Schriftliches hinterlassen. Das macht es für mich schwierig. Ich versuche, mich da realistisch und irgendwie glaubhaft hineinzudenken. Da gibt es schon Möglichkeiten. Die Barbaren, die ich zeichne, sind wahrscheinlich barbarischer, als sie es tatsächlich gewesen sind. Also spektakulärer. Das sieht man auch im Film. Manche Filme übertreiben es natürlich extrem. Ich denke, ich habe da einen Mittelweg gefunden, der einerseits realistisch ist und andererseits auch ein bisschen romanhaft, mir ein bisschen auch die Möglichkeit gibt, grafisch ein paar Exzesse auszuleben, aber dann doch irgendwie nicht zu viel. Es kommt auch keine Fantasy darin vor, es ist einigermaßen realistisch.

CL: Vielen Dank!

(bw/hb)

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