Woman on the River (Splitter) | Comicleser

Woman on the River (Splitter)

Juni 17, 2013

Woman on the River

Nach „Die Reise mit Bill“ und „Daddy“ liegt nun mit „Woman on the River“ das dritte Werk von Matthias Schultheiss vor, seitdem der alte Comic-Haudegen der 80er und 90er wieder in die Branche zurückgekehrt ist. War Bill noch etwas sperrig, die Daddy-Fantasy selbst für sein Schaffen eher kurios, kehrt Schultheiss hier nun zu alter Stärke zurück. Und ja, ich gebe es gerne zu: ich bin vorbelastet, der erste Band von „Die Wahrheit über Shelby“ ist immer noch meiner absoluten Comic-Favoriten und seit dessen Erstlektüre vor 27 (!) Jahren lassen mich Schultheiss‘ Werke nicht mehr los.

Die Story an sich bietet wenig Neues, die einzelnen Motive und Versatzstücke hat man irgendwo schon einmal gesehen, sei es im Film, im Comic oder in der Literatur. Ein Auftragskiller wird nach 30 Jahren Haft entlassen und will nun ein ruhiges Leben in Freiheit führen. Er lernt seine neuen Nachbarn und deren Sohn kennen und schätzen. Doch die Alpträume seiner Vergangenheit plagen ihn noch immer. Schlaflos ist er nachts oft auf dem Fluß unterwegs und begegnet einer großen weißen Yacht, die von einer mysteriösen Schönen gesteuert wird. Seiner Traumfrau. Er rettet die Holde nach einer Havarie und stößt dabei gleichzeitig ein Fenster zu seiner Vergangenheit auf. Eine Tragödie entwickelt sich und nimmt ihren Lauf.

Was den Band dennoch so besonders macht, sind die typischen Schultheiss’schen Ingredienzen: Die Sprache und die Bilder. Der Anti-Held. Liebe, Gewalt und Tragik. Wie so oft wandeln die Texte des Ich-Erzählers auf dem schmalen Grat zwischen schwüstigem Kitsch und bilderreicher Poesie. Sein Gefühlsleben wird darin weit offen gelegt und Schultheiss bedient sich daneben eines Tricks, den schon Billy Wilder in „Sunset Boulevard“ anwandte (was für ein weiter, gewagter Bogen!). Mit seinen typischen gemalten Bildern und Farben erzeugt er eine schwüle, dichte Atmosphäre, an deren Frieden man keinen Moment glaubt. Und ja, mit dem Auftauchen der Frau verschwindet die Idylle, und dann holt die Vergangenheit unseren Helden ein. Fazit: ein „echter“ Schultheiss und ein Parade-Beispiel, wie man aus einer bekannten Story mit Hilfe von Stil und Können etwas Großes machen kann.

„Woman in the River“ ist ein Einzelband. Jetzt warten wir auf den neuen Teil seiner Haie von Logos, der seit geraumer Zeit schon in der Mache ist, und wohl erst wieder auf dem Umweg über Frankreich zu uns kommen wird. Und, liebe Splitterer, eine Neuausgabe von Shelby ist doch auch längst überfällig, oder? (bw)

Woman on the River
Text und Bilder: Matthias Schultheiss
62 Seiten in Farbe
Splitter Verlag
14,80 Euro

ISBN: 978-3-86869-618-9

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