Harley Quinn Anthologie (Panini) | Comicleser

Harley Quinn Anthologie (Panini)

March 14, 2017

Wenn eine Figur noch nicht einmal von einer haarsträubend missratenden Verfilmung ruiniert werden kann, dann muss in der Tat irgendetwas dran sein an ihr. Umso mehr, wenn sie noch der einzige Lichtblick in dem finsteren Gewirr ist, das unter dem Titel „Suicide Squad“ auf die immer noch ungläubige Fanboy-Gemeinde losgelassen wurde. So geschehen im Falle von Dr. Harleen Frances Quinzel, ihres Zeichens Psychologin, die im Rahmen einer Studie in Arkham Asylum den dort einsitzenden Joker behandelt, sich rettungslos in ihn verliebt und alsbald als durchgeknallte Harley Quinn die geschmähte Möchtegern-Geliebte des Clownprinzen gibt. Zweifelsohne anlässlich dieses Film-Machwerks legten die guten Menschen von Panini mit dieser wahrlich fetten Anthologie eine Sammlung einschlägiger Stories aus dem Harley-Universum vor, die die Entwicklung der Figur über die Jahre nachzeichnet, die kurioserweise gar nicht auf den Seiten der Comics begann. Vielmehr wurde Ms Quinzel von Bruce Timm und Paul Dini 1992 für die zu Recht hochgelobte Zeichentrickserie „Batman: The Animated Series“ als Gehilfin des Jokers erfunden und tummelte sich alsbald neben ihren Auftritten auf der Mattscheibe auch auf den Seiten der Comic-Adaption der Fernsehserie.

Nach diversen Graphic Novels außerhalb der regulären Chronologie („Harley Quinn: Mad Love“ und „Batman: Thrillkiller“) durfte die gute Harley dann 1999 endgültig ins offizielle DC-Universum eintreten, wo Gotham seinerzeit in Folge des gewaltigen Erdbebens im „No Man’s Land“ versank. In diesem One-Shot unter dem schlichten Titel „Batman: Harley Quinn“, der auch die vorliegende Anthologie eröffnet, präsentierten Timm und Dini ihre Neuinterpretation der Origin Story des weiblichen Harlekins, der in den Ruinen Gothams von Poison Ivy aufgelesen wird und der gewalttätigen Öko-Aktivistin ihre Geschichte erzählt. Auch wenn sie das nicht erkennt, hat sie der Joker natürlich nur benutzt, um aus Arkham auszubrechen. Girl Power-Verfechterin Ivy findet das weniger gut und injiziert Harley eine Pflanzenlösung, die ihr zu ihren beachtlichen akrobatischen Fähigkeiten verhilft. Aber anstelle den Joker ordentlich rund zu machen, ergeht sich Harley blind in ihrer durchaus verzerrten Sicht der Wahrheit, in der der grinsende Irre ihr „Pupsie“ ist und sie ihn anhimmeln kann. Dass sie damit auf dem Holzweg ist, dämmert ihr erst später, unter anderen in der Graphic Novel „Harley And Ivy: Love On The Lam“, die 2001 von Joe Chiodo aufwändig als so genannte Prestige-Ausgabe realisiert wurde: also als ein hochwertiges, geleimtes Heft mit doppeltem Umfang, für das Chiodo seine Erfahrung als Pin Up-Zeichner einsetzte und einen künstlerisch angehauchten, sehr malerischen Stil an den Tag legte.

„Mistah J“ hat dabei wieder einmal die Flatter gemacht und Harley schnöde sitzen lassen, die sich wieder ranschmeißen will, indem sie einen Diamantenraub durchzieht. Dabei engagiert sie als Hilfe ihre alte Freundin Poison Ivy, schlägt sich mit Batman und seinem neuen Robin Tim Drake herum und schafft es tatsächlich, dem Joker einen neuen Unterschlupf zu schaffen – nur um wieder hochkant rauszufliegen. Durchaus cartoonhafter kommt da die Umsetzung von Ronnie del Carmen daher, der 2001 für „Gotham Knights“ die launige Paul Dini-Story „The Bet“ inszenierte, in der sich Harley und Poison in Arkham einen Wettstreit darum liefern, wer die Wachen am besten bezirzt. In ihrer ersten eigenen Serie ab 2000 verschlug es unsere Lieblings-Närrin zwischenzeitlich dann sogar bis nach Metropolis, wo sie unter dem Decknamen Holly Chance für den Daily Planet arbeitete. Jimmy Olsen wirft auf diese Dame ein Auge und staunt nicht schlecht, als niemand anders als Harley Quinn ihn da umgarnen will. Aber da tritt plötzlich Bizarro auf den Plan und will Harley ganz dringend (nicht, um in seinen Worten zu bleiben) zu seiner Braut zu machen.

Diese teilweise recht alberne Storyline aus „Harley Quinn“ 18 und 19 erschien 2002 und trägt alle Kennzeichen des Silver Age-Superman, komplett mit Kryptonit-Pistole und Bizarro-Duplikator, und war somit trotz seiner Bride Of Frankenstein-Anklängen meilenweit entfernt von den Düsterkeiten, die gleichzeitig im DC-Universum unter der Feder von Grant Morrison abliefen. Einen genauso eher heiteren Touch legte Paul Dini in seinem Run für „Batman: Detective Comics“ aufs Parkett: in „Kind Of Like Family“ muss Harley 2007 vor den Bewährungsausschuss treten, wird dort unter anderem von Bruce Wayne abgelehnt und tut sich mit der bösen Bauchrednerpuppe Scarface zusammen. So schwingen wir uns fröhlich weiter bis in die Neuzeit, über Abenteuer aus „Batman: Black And White“ und der Verdrehungs-Orgie „Forever Evil – Herrschaft des Bösen“ bis hin zu den ersten Zusammentreffen Harleys mit Deadshot, ihrem künftigen Squad-Kollegen. Mit einer selbstironischen Abfeierung des Comic Cons in San Diego, den Harley 2014 auf den Comic-Seiten crashte, entlässt uns diese umfangreiche Sammlung rund um die schellenbewehrte Spaßmacherin.

Zugegeben: die Entwicklung dieses Charakters hin von einer eindimensionalen Schurkin aus den Comics im Stile der Fernseh-Serie über eine haltlos verliebte, gnadenlos ausgenutzte naive böse Fee bis hin zur düsteren Anti-Heldin, die mit Catwoman und Poison Ivy als „Gotham Sirens“ auftrumpft (lecker gestaltet von Guillem March), sich freiwillig nach Arkham einliefern lässt und schließlich spätestens im Rahmen der New 52 zum elementaren Mitglied der bunten Söldner-Truppe der New Suicide Squad avanciert – diese lineare Entwicklung wird hier bestenfalls in den erklärenden redaktionellen Texten geliefert. Bahnbrechende Graphic Novels wie eben „Mad Love“ fehlen naturgemäß aufgrund ihrer Länge, und die Suicide Squad-Auftritte bleiben absichtlich außen vor – vielleicht, um dieses Material für eigene Editionen aufzusparen. Dennoch bietet dieses voluminöse, hochwertige Hardcover einen furiosen Ritt durch die durchgedrehte Historie einer Figur, die sich von einer spaßigen Randnotiz hin zu einer mittlerweile durchaus ikonischen Gestalt im neuen DC-Universum gemausert hat. Und die in der Fortsetzung von Suicide Squad sicherlich auch wieder über die Leinwand geistert. Wir harren mit Furcht. (hb)

Harley Quinn Anthologie
Text: Paul Dini, Judd Winick, Amanda Conner, Matt Kindt, Karl Kesel
Bilder: Terry Dodson, Don Kramer, Ronnie Del Carmen, Joe Quinones
356 Seiten in Farbe, Hardcover
Panini Comics
29,99 Euro

ISBN: 978-3-7416-0000-5

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