Frankenstein Underground (Cross Cult) | Comicleser

Frankenstein Underground (Cross Cult)

Februar 2, 2016

Frankenstein Underground (Cross Cult)

Frankenstein? Nein, um sein ‚Monster‘ geht es hier. Oder besser: seine von ihm geschaffene Kreatur. Nach der Begegnung mit Hellboy gelangt das Geschöpf im Dschungel Mexikos bei seiner ziellosen Wanderung in einem alten Tempel, womöglich der Maya. Es sucht Frieden, ist müde und verletzt. Eine alte Frau, die er dort trifft, berichtet von noch älteren Legenden und nach einer mythischen Begegnung mit seinen Häschern und Widersachern findet sich die Kreatur nach einem Tempeleinsturz in einem Kontinent inmitten der Erde wieder. Dort kämpft sie mit Urzeitlichen Wesen, ehe sie alte, Tempel ähnliche Gebäude entdeckt. Hier residieren ein Doktor und ein Professor, die vor Jahren den Weg in die Hohle Erde gesucht und gefunden haben. Gefunden haben sie auch die Hinterlassenschaften und Ruinen eines uralten Volkes, das einst hier lebte. Schon bald muss Frankensteins Geschöpf erkennen, dass die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit der beiden nur Fassade ist, und die Herren ganze Leichenberge im Keller haben. Die Kreatur deckt die Machenschaften der beiden auf und wird bald zum Zünglein an der Waage, denn einmal mehr steht das Schicksal der ganzen Welt auf dem Spiel…

Mit Frankensteins namenloser Kreatur, die bereits in der Story ‚Haus der lebenden Toten‘ (auf Deutsch erschienen im zweiten Hellboy-Universum-Ziegel) auftrat, führt Mignola eine weitere Schauer-Figur aus der klassischen wie auch aus der Populärkultur in das Hellboy-Universum ein. Den Zeichenstift in dem Abenteuer, das in Mexiko spielte, schwang damals übrigens der fabulöse Richard Corben. In ‚Frankenstein Underground‘ erhält die Kreatur nun gleich im zweiten Auftritt ein Solo-Abenteuer. Mignola befreit die in der Vergangenheit arg medial strapazierte Figur dabei – nicht nur optisch (gut, die Elektroden sind noch da, aber größer) – von der Last etlicher Verfilmungen und Bearbeitungen (mit dazu erfundenen Personen und Freiheiten) und konzentriert sich auf ein Hauptmotiv, das auch im ursprünglichen Roman Mary Shelleys zu finden ist: allein und ausgestoßen sucht die Kreatur, die Herr Frankenstein einst in Ingolstadt erschuf, ihre Erlösung. Und sei es in einer Läuterung durch den Tod.

Als sie im Tempel unbeabsichtigt einbricht und unversehens in der hohlen Erde landet, macht die Story das bekannte wie beliebte Mignola’sche Fantasy-Fass auf, in dem die mythischen Ogdru Jahad (gegen die Lovecrafts Cthulu & Co. Waisenknaben sind) und deren Brut, die Ogdru Hem nicht fehlen dürfen, deren Ziel bekannterweise die (Schreckens-) Herrschaft über die Welt ist. Über beide erfahren wir etwas mehr, auch neues. Ansonsten wird mit der Hohlen Erde (siehe u.a. auch Jules Vernes ‚Reise zum Mittelpunkt der Erde‘), dem Goldenen Volk, der Vril-Energie und Hyperborea (kennen wir u.a. aus Conan) einmal mehr erfolgreich der Glaubensschatz von Esoterikern und Okkultisten geplündert und für den speziellen Hellboy Kosmos vereinnahmt. Und wieder funktioniert das bestens. Mignolas Mythologie-Mix erschafft damit die typische unheilvolle Stimmung, die seine Werke so oft charakterisiert und die im vermeintlich ungleichen Kampf des schwachen Guten gegen überirdisches Böse endet.

Bemerkenswert: der Band, der die 5-teilige US-Miniserie von 2015 zusammenfasst, erscheint nicht in der üblichen Buchform, in der zuletzt auch ‚Baltmiore‘ veröffentlicht wurde, sondern im Albenformat. Was den Bildern zu Gute kommt. Die sind damit größer und zeigen eindrucksvoll, dass sich der Neuseeländer Ben Stenbeck (Der Ektoplastische Mann) als Zeichen-Epigone Mognolas erweist: viel schwarz, viel Düsternis (gut, wir sind ja unter der Erde) erzeugen so das wohlige Mignola-Grusel-Feeling, das ständig dräuendes Unheil und unheimliche, böse Mächte vermittelt. Dabei bildet Stenbeck einen durchaus eigenen Stil aus, der zwar ähnlich minimalistisch aber runder und damit weniger kantig und abstrakt als der von Mignola ist. Der Band ist übrigens auf 1.444 Exemplare limitiert und stellt eine gelungene Facette im Hellboy-Universum dar, ohne Frankensteins Kreatur und die dazugehörigen Motive ad absurdum zu führen. Eine abschließende, ausführliche Galerie mit kommentierten Skizzen, Vorlagen und Entwürfen der beiden Macher gibt einen Einblick in die Entstehung des Buches. (bw)

Frankenstein Underground
Text: Mike Mignola
Bilder: Ben Stenbeck
144 Seiten in Farbe, Hardcover
Cross Cult
29,95 Euro

ISBN: 978-3-86425-689-9

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