Deadpool trifft Luke Cage und Iron Fist (Panini) | Comicleser

Deadpool trifft Luke Cage und Iron Fist (Panini)

Dezember 31, 2016

Mieten kann man ja bekanntlich so einiges, und wenn man ganz modern ist, least man sogar – aber seien wir mal ehrlich: das Abrechnungsmodell ist ihnen letztendlich egal, solange die Heroes For Hire ihre Kohle bekommen. Und so nimmt der bunte Trupp unter Cheffe Jim Hammond (Android, die Original-Human Torch aus den 40er Jahren!) den Auftrag gerne an, den verrückten Professor Wolfgang Hessler dingfest zu machen. Der Kollege arbeitet nämlich an einer Welt und Universen vernichtenden Biowaffe, die der Lumpensohn an den Meistbietenden verkaufen will. Bis die Auktion beendet ist, haust Hessler in Symkaria, dem Reich von Silber Sable, die den Nichtswürdigen mit ihrem Wild Pack beschützt.

Luke Cage (stählerne Haut, enorme Kraft) und sein Kumpan Iron Fist (Meister des Kung Fu und diverser anderer fernöstlicher Künste, Hammerfaust) staunen aber nicht schlecht, als Hammond ihnen noch eine Aushilfe mit auf den Weg gibt – denn auch die Agentur Landau, Luckman & Lake sagt bei ordentlichem Honorar nicht nein und schickt ihren besten… naja ihren schrägsten Mann: niemand anders als Deadpool macht sich mit den Miethelden auf in Richtung Symkaria. Dank Teleportier-Kraft schafft es das notorische Großmaul dort zwar mühelos, die Festung zu erstürmen, in der Hessler verwahrt wird, aber das mit dem Überraschungsmoment klappt nicht so ganz. Das Wild Pack, allen voran Silver Sable und der gute alte Sandman, werfen sich massiv in die Bresche, so dass eine wüste Klopperei entbrennt, an der sich auch der durchgeknallte und äusserst heilungsfähige Madcap eifrig beteiligt. Als es anfängt ziemlich mies für unsere Leihhelden auszusehen, stellt sich allerdings heraus, dass hinter dem Auftrag doch etwas deutlich anderes steckt, als man uns glauben machen wollte…

Netflix macht’s möglich: selbst bestenfalls kuriose Figuren aus der reichhaltigen Marvel-Historie kommen mittlerweile zu Serien-Ehren und flimmern dank Abonnement-Format in die heimischen Wohnzimmer (die kulturphilosphische Abhandlung, wie neue Technologien – streaming – Sehgewohnheiten und damit Inhalte beeinflussen und bestimmen – permanente sofortige Verfügbarkeit belebt die obsolet geglaubte, eigentlich literarische Form der Endlosfortsetzung mit ausufernden Storybögen wieder – spare ich mir für ein anderes Mal). Dazu gehört seit einiger Zeit auch Luke Cage, der erste und ursprüngliche „Held für Geld“, wie ihn der selige Williams-Verlag anlässlich seines Deutschland-Debüts in der Spinne Nr. 124 von 1978 nannte. Im Original durfte Cage schon seit 1972 seine Dienste feilbieten, ein überdeutlicher Versuch des Hauses der Wunder, dem Blaxpoitation-Boom im Gefolge von Shaft und Konsorten nachzueifern. Carl Lucas, unschuldig in Haft, unterzieht sich dabei einem staatlichen Experiment, das seine Haut wie Stahl härtet und ihm massive Kräfte verleiht, die er fortan gegen Entlohnung zur Verfügung stellt.

So mögen wir ihn…

Seinen Kumpel Iron Fist ersann Marvel, um damit einem anderen Trend der 70er Rechnung zu tragen: der Kung-Fu-Welle, die neben Bruce Lee auch die TV-Serie mit David Carradine losgetreten hatte. Als in den Worten des Disco-Hits von Carl Douglas jeder nur noch „Kung Fu Fighting“ praktizierte, schickte Marvel 1974 Danny Rand ins Rennen, der im Himalaya seine Eltern verliert und von Bewohnern der mystischen Stadt K’un-Lun aufgenommen und im Kampfsport unterwiesen wird. Zum Markenzeichen wurden neben der Fähigkeit, seine Faust mit Energie aufzuladen, seine farbenfrohe, markante Klamotte, mit der sich wahrscheinlich nicht einmal John Travolta ins Tanzlokal getraut hätte. Ab 1978 machten die beiden dann unter dem Titel „Power Man And Iron Fist“ gemeinsame Sache und hoben die Heroes For Hire Inc. aus der Taufe, die sich einige Jahre im Marvel-Universum halten konnten und in permanent wechselnder Besetzung immer wieder einmal aus der Versenkung kamen. Anlässlich der Wiedergeburt der Herren Cage und Rand auf der Mattscheibe und des unverhofften Volltreffers der Deadpool-Verfilmung buddelt man nun offenbar alles aus, was durch möglichst umfassendes Name Dropping auf dem Cover den geneigten TV- und Kino-Schauer locken könnte – so auch diese beiden Ausgaben, die im Original schon 1997 als US-Heroes For Hire 10 und 11 erschienen und die Storyline „Misalliances“ präsentierten.

Erzähltechnisch ist das Ganze naturgemäß eingebettet in die damals für kurze Zeit (genauer gesagt bis zur Nummer 19, die 1999 erschien) laufende Heroes For Hire-Serie, mit Kurzauftritten von zeitweise-Mietheld Scott Lang (Ant Man) und chronologisch angesiedelt kurz nach der Rückkehr der tot geglaubten Helden der Erde nebst den entsprechenden Schurken. Neben dem Reigen von Heroen und Lumpensöhnen besteht der Spaß allerdings in erster Linie aus den süffisant-satirischen Dekonstruktionen, für die wir Wade Wilson kennen und schätzen – er macht sich über Iron Fists Kostüm lustig, veralbert seine Kollegen und Angreifer gleichermaßen permanent und spricht (natürlich) direkt mit uns: „Während die Leser sich fragen, wer du bist, knall ich dich schon mal ab!“, kanzelt er Madcap ab. Auch der Erzählkommentar selbst lässt sich nicht lumpen und durchbricht fröhlich die vierte Wand („Wow! Schwer was los, was? Lasst uns das mal aufdröseln…“).

Die ganze Sause endet aber leider etwas unmotiviert mit einem Cliffhanger, der in den anschließenden Heften der damaligen Serie zwar aufgelöst wurde, uns aber hier und heute bedauerlicherweise bis auf eine Zusammenfassung im Nachwort verborgen bleibt, weil Deadpool mehr oder weniger sang- und klanglos aus der Serie verschwand. Ob man dieses Special braucht, lassen wir somit dahingestellt, zeichnerisch steht die Sause ganz im Zeichen der Jim Lee/Todd McFarlane-Stilistik der 80er und 90er, ausladend, mit großzügigem Strich und Ecken und Kanten. Witzig, nostalgisch, und schmissig allemal. (hb)

Deadpool trifft Luke Cage und Iron Fist
Text: John Ostrander
Bilder: Pasqual Ferry, Scott Kolins
52 Seiten in Farbe, Heft
Panini Comics
4,99 Euro

Tags: , , , , , , , , , ,

Comments are closed.