Van Helsing vs. Jack the Ripper (Splitter) | Comicleser

Van Helsing vs. Jack the Ripper (Splitter)

Dezember 16, 2015

Van Helsing vs. Jack the Ripper (Splitter)

Vampirjäger haben‘s auch nicht leicht. Das bekommt der vielleicht bekannteste dieser Sorte, Abraham van Helsing, schmerzhaft zu spüren. Seit jener Nacht in den Karpaten, als er dem Fürsten der Dunkelheit höchstselbst den Garaus machte, ist er nicht mehr derselbe. Verfolgt von unheilsdräuenden Worten, die ihm Dracula kurz vor seinem gewaltsamen Ableben ins Ohr flüsterte, findet er seinen Weg nicht mehr ins Leben zurück. Er dämmert in seiner Wohnung in London vor sich hin, betreut von seinem Butler, der auch die Dienste der plötzlich verschwundenen Köchin übernimmt. Seine Schlaflosigkeit bekämpft er mit Morphium, das ihn immer fester umklammert, als plötzlich ein alter Bekannter anklopft: Inspektor Abberline von der H-Division bei Scotland Yard ist nicht verborgen geblieben, dass der doch so brillante Kopf van Helsing in die Depression abzurutschen droht. Abberline schlägt van Helsing nicht ganz uneigennützig vor, ihn bei den Ermittlungen zu einer Mordserie zu unterstützen, die den Yard vor ein Rätsel stellt. In Whitechapel werden immer wieder Prostituierte gefunden, die zunehmend grausam zugerichtet werden, während der Täter sich mit provozierenden Briefen bei der Polizei meldet, unterzeichnet mit Jack und dem Absender From Hell. Abberlines Plan geht zumindest anfangs auf: van Helsing stürzt sich mit wachsendem Enthusiasmus in den Fall, begleitet Abberline auf Spurensuche an den Tatorten und beginnt auch eigene Ermittlungen im Prostituierten-Milieu.

Das leichte Mädchen Millwood, das ihm erzählt, sie habe den Mord an Elizabeth Stride beobachtet, landet kurz darauf schwer verletzt selbst im Krankenhaus. Abberline und van Helsing können nicht verhindern, dass die vielversprechende Zeugin trotz Polizeischutz im Krankenbett ermordet wird und der Täter vor den Augen aller Beteiligten entkommt. Die Hinweise verdichten sich zunehmend, dass man es mit einem Fall von schwerer Persönlichkeitsstörung zu tun haben muss: die einerseits kühl überlegte, andererseits animalisch-brutale Vorgehensweise des Rippers legt den beiden Fahndern, nicht zuletzt inspiriert durch den Besuch einer Theateraufführung des neuen Schauer-Spektakels Dr. Jekyll und Mr. Hyde, nahe, dass der Täter durchaus ein schizophrener Charakter sein könnte, der von seinen Taten bewusst gar nichts mitbekommt. Aber welche Rolle spielen dann die mysteriösen Rosen, die der Täter auf den Leichen drapiert? Und wieso entgeht er seinen Verfolgern immer wieder? Da beschleicht van Helsing, bestärkt durch seltsame Verhaltensweisen seines Butlers, ein furchtbarer Verdacht: hatte Dracula etwa Recht mit seinen letzten Worten, van Helsing sei vom gleichen Schlag wie er und werde seine wahre, finstere Natur bald erkennen? Hat er mit den Whitechapel-Morden vielleicht viel mehr zu tun, als er selbst in seinen fürchterlichsten Alpträumen ahnt…?

Jacques Lamontagne (Die Druiden, Pik As, beide ebenfalls bei Splitter) fügt der mittlerweile sehr ausgedehnten, fiktiven Weiterentwicklung des spätviktorianischen Erzählkosmos, den vor allem Sylvain Cordurié mit seinen ureigenen Sherlock-Holmes-Stories (Sherlock Holmes Society, Crime Alleys etc.) bereichert, eine weitere Facette hinzu. Dabei gelingt es ihm, dem mittlerweile in der Tat mehrfach verarbeiteten urbanen Mythos des ersten medial begleiteten modernen Massenmörders Jack the Ripper (u.a. zu studieren in Francois Debois‘ Fassung) nochmals neue Aspekte abzugewinnen. Hierzu verwendet er den Kunstgriff, den schon Stan Lee in seinem von Superhelden bevölkerten, realistischen New York entwickelte und den auch Cordurié konsequent nutzt: Bewohner eigentlich unterschiedlicher fiktiver Welten treffen vor dem realen Hintergrund ihrer Heimatstadt aufeinander. So kooperiert im viktorianischen London ganz folgerichtigerweise der (reale, fiktiv oft verarbeitete) Abberline mit dem (fiktiven, aber zeitgleich angesiedelten) van Helsing, der mit ihm zusammen eine Aufführung der Theaterfassung des damaligen Straßenfegers von Robert Louis Stevenson besucht, sich der Häme der Presse ausgesetzt sieht (die seine Vampirjagd natürlich als Spinnerei abtut) und auch absurde Theorien verwerfen muss, wie etwa die, dass John Merrick der Mörder sei (dieses als Elefantenmensch bekannte, bedauerliche Geschöpf sei sicherlich furchteinflößend, aber kaum zu bestialischen Morden fähig, referiert er).

Neben dieser Verknüpfung von realen und literarischen Figuren vor einem realistisch skizzierten Hintergrund (wieder einmal sehen wir die Tower Bridge als Baustelle, die sogar einen wichtigen Schauplatz abgibt) überzeugt Lamontagne vor allem durch eine unglaublich fesselnde Handlungsführung, in der getreu dem Detektiv-Muster eines Sherlock Holmes mehr und mehr Indizien gesammelt werden, bis diese sich zur einer zwar unwahrscheinlichen, aber einzig möglichen Hypothese zusammenfügen. Und gerade als wir als Leser denken, das Geschehen endlich durchschaut zu haben, kommt uns Lamontagne mit gleich mehreren massiven Plot Twists, die die Ereignisse in ein gänzlich neues Licht rücken und für atemlose Spannung allenthalben sorgen. Ein weiterer Reiz besteht in der Kombination zweier zeichnerischer Stile: Sinisa Radovic inszeniert den ersten Band noch in eher franko-belgischer Art, mit atmosphärischen, leicht stilisierten, immer detailreichen Zeichnungen, während Bill Reinhold seine ausgedehnte Erfahrung im Superhelden-Metier (u.a. bei Green Lantern, Jack of Fables, Punisher, Spider-Man und Superman) sichtlich einfließen lässt, wodurch Teil 2 eher an moderne Superhero-Abenteuer erinnern als an die europäische Schule. So entsteht ein inhaltlich und gestalterisch faszinierender Reigen, der in der vorliegenden Splitter Double-Edition komplett mit den Original-Bänden 1 („Tu As Vu Le Diable“ von 2012) und 2 („La Belle de Crécy“ von 2015) zusammengefasst erscheint. Gottlob mussten wir nicht drei Jahre auf die Auflösung warten! (hb)

Van Helsing vs. Jack the Ripper
Text: Jacques Lamontagne
Bilder: Sinisa Radovic, Bill Reinhold
96 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
29,80 Euro

ISBN: 978-3-95839-260-1

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