Fables, Band 22+23 (Panini) | Comicleser

Fables, Band 22+23 (Panini)

April 7, 2015

Fables, Band 23 (Panini)

Gemeinsam mit ‚The Walking Dead‘ ist ‚Fables‘ eine der langlebigsten Ensemble-Serien aus den USA mit einem Stammautor und einem Stammzeichner. Beide Reihen werden auf Deutsch in Sammelbänden veröffentlicht und bei beiden ist man inzwischen bei relativ hohen Nummern angelangt (Band 23, bzw. 22 bei TWD). Beide verfolgen konsequent ein ureigenes Konzept, das trotzdem ein breites Zielpublikum anspricht, was beide auch so erfolgreich macht. Ist es bei ‚The Walking Dead‘ Horror, setzt man bei ‚Fables‘ auf Fantasy. Wunderbare Fantasy.

Mit den aktuellen Bänden spannt Autor Bill Willingham einmal mehr einen großartigen weiten Bogen, der bereits mit der Nummer 21 (Welpen im Spielzeugland) seinen Anfang nimmt. Darin verschlägt es Therese, Tochter von Snow White und Bigby Wolf, in das verkommene und gruselige Spielzeugland. Sie wird zwar von ihrem Bruder Dare gerettet, doch der lässt dabei sein Leben. In Band 22 nun beginnt Vater Wolf mit der Suche nach der verschollenen Tochter, wobei er etliche Welten abgrasen muss (in einem verzauberten Sportwagen!). Derweil entpuppt sich im neuen Fabletown (das mitten in New York liegt, per Magie vor den Normalos verborgen ist und das zuvor das Schloss des Schwarzen Mannes war) der Fechtlehrer Holt als Prinz Brandish, ein längst Verflossener von Snow White. Der behauptet steif und fest, mit ihr gar verheiratet zu sein und beruft sich dabei auf ein uraltes Recht. Kurz gesagt, er ist schlichtweg irre. Natürlich lässt Snow White nicht mit sich spaßen und versucht sich – anfangs leider erfolglos – zu wehren. Bis schließlich Bigby seiner Frau zu Hilfe eilt und während des Kampfes mit Brandish erst zu Glas erstarrt – und dann in 1000 Stücke zerbirst! Im ersten Teil von Band 22 erleben wir noch, wie es dem Affen Bufkin erging, der in seiner Heimat Oz gegen einen wahnsinnigen Tyrannen kämpfte und was aus ihm schließlich wurde.

Band 23: Bigby Wolf ist tot. Und Prinz Brandish, sein Herz von Snow White durchbohrt. Doch bei der Obduktion durch Dr. Swinehart (übrigens aus dem unbekannten Grimm-Märchen ‚Die drei Feldscherer‘) lebt er plötzlich wieder. Denn er besitzt kein Herz und kann so nicht auf ‚normale‘ Weise getötet werden. Über das weitere Schicksal Brandishs kriegen sich Snow White und ihre Schwester Rose Red (Rosenrot) massiv in die Haare und entzweien sich. Denn Rose möchte eine neue Gemeinschaft bilden, eine neue Tafelrunde wie weiland in Camelot und sucht dazu Mitstreiter als Ritter, die sich eine zweite Chance verdienen wollen (darunter Lancelot als Penner). Und ausgerechnet Brandish soll Teil des Projekts werden. Dann wird uns noch eindrucksvoll präsentiert, wie mächtig Winter, die Tochter von Snow und Bigby als Nordwind inzwischen ist. Wir sehen, dass Geppetto, der ehemalige Erzfeind der Fables, noch immer Übles im Schilde führt und begleiten einige Fables-Musikanten bei einem Abenteuer, in dem unheilschwanger über das Ende von Fabletown orakelt wird. Und schließlich ist auch der inzwischen wieder zusammengesetzte tote Glas-Bigby verschwunden! Mein Highlight des Bandes ist die rührende Episode im Fables-Jenseits, wo Bigby dem lange verblichenen Blue Boy und schließlich seinem Sohn Dare begegnet. Einfühlsam, meisterlich geschrieben und zeichnerisch vor weißem Hintergrund sich voll auf die Figuren konzentrierend.

Fables, Band 22 (Panini)Bill Willingham und Mark Buckingham hatten mit der Idee, Märchen- und Sagenfiguren (wie auch fiktive Charaktere aus der Literatur) in der Realität anzusiedeln, einen wirklich zündenden Gedanken, durch den sich inhaltlich beinahe unbegrenzte Möglichkeiten eröffnen. Können sie damit doch sämtliche Figuren aus diesen Gattungen problemlos verwenden und sich aus dem reichhaltigen Fundus verschiedener Kulturen und Zeitalter bedienen. Dabei ist es folgerichtig für den Leser auch kaum verwunderlich, wenn Tiere und Dinge reden können, wenn sich Menschen in Tiere verwandeln oder umgekehrt. Magie kann vieles erklären und tut dies auch, unmögliche Dinge, wie Sprünge zwischen verschiedenen Welten oder die extreme Wandlung von Charakteren sind an der Tagesordnung. Dabei beuten die Autoren ihr fantastisches Universum beileibe nicht rigoros aus. Vielmehr widerstehen sie der Versuchung, gehen statt dessen behutsam mit den Figuren um, nehmen sich Zeit für deren Entwicklung, wie auch für die Handlung, erzählen stets schlüssig wie spannend und eröffnen dabei immer wieder neue Abzweigungen in der (bisher zumindest) unendlichen Geschichte der Fables. Somit bleibt die Hauptstory immer im Auge, wird aber nie komplett abgeschlossen, sondern mündet in die nächste, wobei es stets Verknüpfungen gibt. Die perfekte Märchen-Soap. Für Fortgeschrittene, versteht sich.

So steht Prinz Brandish in Band 22 im Mittelpunkt und stirbt. Im Folgeband lebt er wieder (er hat ja kein Herz), spielt aber keine Hauptrolle mehr, sondern ordnet sich storytechnisch in die Camelot-Handlung ein. In dieser glänzt nun Rose Red, die augenscheinlich mehr Macht besitzt als sie es sich bewußt ist. Weiteres Augenmerk wirft die Story auf Winter, eine weitere Tochter Snows und Bigbys, die nun der neue, ultra-mächtige Nordwind ist. Und: ist Bigby nun endgültig tot? Die gefühlvolle Story im Fables-Paradies könnte das nahelegen. Aber was ist in der Welt (den Welten!) der Fables schon endgültig? Wie es weiter geht, bleibt also wie immer spannend und wahrscheinlich auch unerwartet, zumal die Macher gerne mal eine Figur komplett aus dem Spiel nehmen (aber Bigby Wolf – ernsthaft?). Zeichner Mark Buckingham gönnt sich zwischen den Erzählungen immer wieder eine Pause. Dann kommen in Zweiteilern Gastzeichner zum Zug, die jedoch die inzwischen gewohnte Qualität Buckinghams nur selten erreichen. Inhaltlich präsentieren diese Einschübe Geschichten meist abseits der Haupthandlung, die andere Facetten der Fables-Welt zeigen und die – wer weiß das schon – einmal wichtig werden können.

Einen Nachteil hat das inzwischen mächtige Fables-Universum (das bisher auch zwei Ableger hervorgebracht hat: ‚Fairest‘ und ‚Jack of Fables‘, beide ebenfalls bei Panini): Neueinsteiger werden sich schwertun. Zuviel Geschichte und Vergangenheit tragen die Figuren mit sich herum, zu kurios und komplex mag die Welt der Fables Neulingen erscheinen. Wer aber das Glück hatte von Anfang an dabei zu sein, für den ist jeder Ausflug in diese fremd-vertrauten, großartigen Fantasie-Welten ein Genuss. Und wie es scheint haben die modernen Gebrüder Grimm in Gestalt von Bill Willingham und Mark Buckingham (der heuer beim Comicfestival in München zu Gast sein wird) noch lange nicht fertig. Zu viel gibt es noch zu erzählen. Und wir bleiben gerne dabei. (bw)

Fables, Band 22: Snow White
Fables, Band 23: Camelot
Text: Bill Willingham
Bilder: Mark Buckingham, Steve Leialoha, Russ Braun, Barry Kitson, Shawn McManus
172 Seiten in Farbe, Softcover (Band 22)
252 Seiten in Farbe, Softcover (Band 23)
Panini Comics
19,99 Euro (Band 22)
24,99 Euro (Band 23)

ISBN: 978-3-95798-167-7 (Band 22)
ISBN: 978-3-95798-250-6 (Band 23)

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