M.O.R.I.A.R.T.Y (Splitter) | Comicleser

M.O.R.I.A.R.T.Y (Splitter)

Dezember 10, 2019

Seltsames geht vor in den Glücksspielzirkeln von London: seit einigen Tagen tritt dort ein stummer Kartenspieler auf, der jede Partie gewinnt und einen Gentleman nach dem anderen in den Ruin treibt. Doktor Watson und Winston Churchill wollen der Sache auf den Grund gehen und holen Sherlock Holmes zu Hilfe, der gegen den geheimnisvollen Fremden antritt und tatsächlich ein besseres Blatt hat. Da beginnt dem Kollegen buchstäblich der Kopf zu rauchen, er kippt vornüber und entpuppt sich als Roboter, und auch seine Begleitung stellt sich nicht als Krankenschwester heraus, sondern als verkleideter Mann. Holmes vermutet sofort, wer hinter der Sache stecken muss – nur einer hat das Wissen und die finanziellen Mittel, eine solche Maschine zu konstruieren und zusammenzusetzen. Bevor er der Sache weiter nachgehen kann, ruft ihn sein Bruder Mycroft ebenfalls zu Hilfe: die Witwe von Alfred Nobel, eine gewisse Li Mei aus China, weilt in London und sucht Investoren für mysteriöse Projekte. Mycroft ist überzeugt, dass Nobel – der aus unerfindlichen Gründen sein Testament nebst wissenschaftlicher Stiftung in letzter Sekunde revidiert hat – ermordet wurde.

Holmes folgert treffsicher, dass der geheimnisvolle Investor und der Konstrukteur des Spieleroboters ein und dieselbe Person sein müssen. Noch weiter fügt sich das Puzzlespiel zusammen, als ihn der Notar Utterson aufsucht, der in tiefer Sorge um seinen Freund Doktor Jekyll ist. Der verschwindet in letzter Zeit auffällig oft und hat sich mit einem Unhold namens Mister Hyde angefreundet. Als Holmes und seine Freunde Jekylls Labor untersuchen, werden sie von einer Horde Maskierter überfallen, die ein Holzkistchen stehlen und per Luftschiff entkommen. Holmes kombiniert, dass in der Kiste eine wichtige Formel verborgen gewesen sein muss, bei der es sich um Morphin drehen dürfte, das in Jekylls Labor in Massen vorzufinden ist. Holmes erschleicht sich eine Einladung zu einem Empfang von Li Mei, an dem Watson teilnimmt, während Holmes in den Katakomben auf den monströsen Hyde trifft, der sich vor seinen Augen in Jekyll verwandelt und berichtet, dass niemand anders als der totgeglaubte Moriarty hinter seiner Formel her war.

Gerade kann Holmes noch schlussfolgern, dass Jekyll wohl eine morphinbasierte Formel zur Verwandlung in einen Unhold geschaffen hat, und den Wüterich an Watson übergeben, da bricht Li Meis Luftschiff schon Richtung Baskerville auf. Holmes macht sich per Fluggerät an die Verfolgung, fällt aber bald seinen Widersachern zum Opfer, die einen perfiden Plan verfolgen: mit Hilfe von Jekylls Formel wollen sie eine Armee der Supersoldaten schaffen, um damit London zu erobern…

Sherlock Holmes meets Dr. Jekyll – das hatten wir schon, das kennen wir aus Sylvain Corduriés Sherlockversum schon durchaus gut. Auch Holmes vs. Moriarty, das haben wir verschiedentlich erlebt, nachdem weder Held noch Nemesis an den Reichenbachfällen wirklich zu Tode kamen. Aber Holmes and Dr. Jekyll vs. Moriarty and Hydra, diese nette Kombination hatten wir dann doch noch nicht. Denn Fred Duval („Tag X“, „Travis“) und Jean-Pierre Pécau („Tag X“, „Wonderball“) bewegen sich ganz bewusst direkt in die Schnittmenge zwischen der viktorianischen Pastiche, die Cordurié perfektioniert (da treffen in bewährter Manier fiktive Charaktere wie Holmes und Watson auf andere Kunstfiguren wie Dr. Jekyll und Mister Hyde, bevor man sich historischen Personen wie Winston Churchill und Königin Victoria gegenübersieht), und der reichhaltigen Historie des Superhelden-Genres. Dieses wird ganz unverblümt auch in der Wortwahl aufgerufen: Moriartys Vorhaben, eine Rasse von Supersoldaten zu züchten, steht natürlich in der Tradition der Experimente, die als Weapon X zuerst Captain America und dann quasi in zweiter Generation Wolverine und Deadpool hervorbrachte.

Das Ganze wird zudem garniert mit jeder Menge Steampunk-Elementen, in denen à la „Lady Mechanika“ das viktorianische Zeitalter mit anachronistischer Technik vermengt ist: da schweben Luftschiffe durch den Himmel, Holmes verfolgt die Missetäter mit einem mechanisch betriebenen Fluggerät, das ein gewisser Mister Wright konstruiert hat, und im Kartenspiel-Automat schaut sogar E.T.A. Hofmanns Sandmann kurz vorbei. Dabei darf auch der Humor nicht fehlen, wenn Holmes und Mycroft sich gerne auch einmal über ihre weniger scharfsinnigen Kollegen amüsieren. Optisch wird die Sache leicht cartoonhaft, oft auch in Zitaten aus dem Superhelden-Duktus gehalten von Stevan Subic inszeniert, der zwischen Stilisierung und klarer Linie changiert. Insgesamt ein ungewöhnlicher Beitrag zum Holmes-Universum, der einiges an Anspielungen, Handlungssträngen und Vorlagen verpackt, letztendlich aber dennoch einen geschlossenen Eindruck zu erzeugen vermag. Bei Splitter erscheinen die beiden Teile von „Empire Mécanique“ wieder lobenswerterweise als Double Edition in einem Band. (hb)

M.O.R.I.A.R.T.Y: Das mechanische Imperium
Text: Fred Duval, Jean-Pierre Pécau
Bilder: Stevan Subic
128 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
24 Euro

ISBN: 978-3-96219-298-3

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