Venom: Tödlicher Beschützer (Panini) | Comicleser

Venom: Tödlicher Beschützer (Panini)

November 8, 2018

Gehirne fressen, das ist ja auch keine wirkliche Dauerbeschäftigung. Das erkennt man irgendwann sogar als fieser außerirdischer Symbiont, weshalb sich die unheilvolle Verbindung aus lebendem schwarzen Kostüm und gescheitertem Erdenmann Edward Brock, auch genannt Venom, mit seinem Lieblingsrivalen Spider-Man Waffenstillstand geschlossen und sich nach San Francisco zurückgezogen hat. Vielleicht hilft auch dabei, dass Spider-Man Eddies ex-Verlobter Annie den Hals in einer äußerst brenzligen Situation gerade noch rettete. Zumindest teilweise einsichtig, verschreiben sich Mensch und Alien nun der Aufgabe, ab und an mal Gutes zu tun – und die Gelegenheit bietet sich alsbald, als im Park eine Gruppe Obdachloser von diversen Anzugträgern brutal attackiert wird. Eddie/Venom greifen beherzt ins Geschehen ein – in das auch Spidey, der seinem alten Rivalen gefolgt ist, verwickelt wird.

Auf der Flucht gerät Eddie mit den heimatlosen Gestalten in eine Art Untergrundwelt, in denen die sozial Gestrandeten eine Bleibe gefunden haben. Doch auch dort gibt es keine Ruhe: in gewaltigen Rüstungen rücken die Ausgräber an, die die Siedlung auf Befehl des finsteren Roland Treece räumen sollen. Dagegen hat Venom ganz gewaltig etwas einzuwenden und schlägt die Angreifer in die Flucht – wobei man allerdings in eine noch tiefer gelegene Ebene durchbricht: hier, so erfährt der staunende Eddie, wurde eine Stadtviertel während des großen Erdbebens von 1906 konserviert und dient den Obdachlosen als Heimstatt. Undank ist aber der Welten Lohn: der Rat der Einwohner sieht in Venom in erster Linie eine Bedrohung und komplimentiert ihn hinaus.

Dort erwarten den verblüfften Kämpen die nächsten Attacken: der Multi-Millionär Orwell Taylor, dessen Sohn Venom bei seinem Ausbruch aus dem Supergefängnis Vault tötete, will Rache nehmen und hat zu diesem Zweck einen High Tech-Kampftrupp namens die Geschworenen zusammengestellt, die mit allem anrücken, was einem Symbionten Kopfzerbrechen macht: Schallwellen, Feuerstöße und ähnlich Nicklichkeiten hat man für Venom im Köcher. Der setzt sich zur Wehr und nimmt im dicksten Gefecht ein Angebot von Roland Treece an, der ihm anbietet, als Sicherheitschef bei ihm tätig zu werden und die armen Obdachlosen zu beschützen. Dass das Ganze natürlich eine Falle ist, müssen Venom und auch Spidey feststellen, der kurzerhand mit auf die Reise in Treeces Stützpunkt in der Mojave Wüste gekommen ist: dort nämlich ist man an nichts anderem interessiert als an Venoms Erbgut, das in Form eines Samens ja bereits schon ein unangenehmes Wesen namens Carnage hervorbrachte. Alsbald sehen sich Venom und Spider-Man einer ganzen Armada von Venoms gegenüber, die allesamt nichts Gutes im Schilde führen…

Mit dem widerlichen außerirdischen Symbionten Venom gelang Autor David Michelinie und Zeichner Todd McFarlane 1988 das kleine Kunststück, einen Story-Fehlschlag in einen Triumph zu verwandeln. Im Zuge von Secret Wars, einem der ersten Mega-Events des Marvel-Universums, nach dem – wie mittlerweile üblich, gähn – nichts mehr so sein sollte wie vorher, hat man Spider-Man ein neues Kostüm verpasst: anstelle des ikonischen, rot-blauen Stramplers erstrahlte Peter Parker nun tief schwarz mit weißem Spinnenmuster. Das sah natürlich komplett daneben aus, worauf man sich im Haus der Wunder nach einem klugen Weg umsah, diesen Look wieder verschwinden zu lassen. In einem durchaus genialen Schachzug wurde aus dem Kostüm ein außerirdisches Wesen, das sich mit seinem Wirt verband und auch in seinen Geist eindrang. Peter Parker wurde das Viech mittels Schallwellen (genauer gesagt Kirchenglocken) wieder los und dachte, damit hätte sich die Sache. Weit gefehlt, stellte sich heraus, als sich das Alien mit dem Reporter Eddie Brock verband, der Spider-Man für sein berufliches Scheitern verantwortlich machte und hinfort als geiferndes, ultrabrutales Zerrbild von Spider-Man auf seine Nemesis Jagd machte – wobei er auf Spideys Erinnerungen zurückgriff und somit Geheimidentität und alle Liebsten Peters bestens kannte.

Limitiert auf 222 Stück: die HC-Variante

So avancierte Venom in den 90er Jahren zu einem der beliebtesten Schurken im Marvel-Universum, der 1991 mit Carnage einen noch blutrünstigeren Ableger bekam und 1993 dann sogar Star der eigenen Mini-Serien wurde. In der Feder von David Michelinie (Venom: Lethal Protector) und Carl Potts (Venom: Funeral Pyre, die zweite Mini-Serie, die ebenfalls hier zu finden ist) entwickelte sich ein durchaus faszinierender Antiheld, der zwischen Gerechtigkeitssinn, Reue und neuen Gewaltausbrüchen changiert und sich damit als wandlungsfähiges Chamäleon herausstellt, der im einen Moment für den „kleinen Mann“ kämpft und dann nicht zögert, sich von einem früheren Gegner engagieren zu lassen. Nebenbei erfahren wir jede Menge Backstory über Eddies Kindheit mit einem gefühlskalten Vater sowie weitere Innensichten in eine durchaus gestörte Psyche, die die Figur über ein reines Schreckgespenst hinaus interessant machen. Optisch stehen die beiden Mini-Serien, die bei Panini hier neu aufgelegt werden, sehr deutlich unter dem Einfluss Todd McFarlanes, der mit seinem aufsehenerregenden Spider-Man-Run ab September 1990 auf Jahre hinaus den Stil prägte, in dem man Spidey kannte – mit großen Kulleraugen, die die Maske dominieren, grazilen Formen, verzwirbeltem Netz und vor allem Damengestalten, deren Haarpracht nur noch von den letzten Dallas-Folgen übertroffen wurde.

So entsteht neben einem schmissigen Lese-Vergnügen auch eine kleine Rückschau auf einen prägnanten Stil, den McFarlane dann in seine Spawn-Reihe mitnahm und den bei Marvel unter anderem Mark Bagley weiterführte, der gemeinsam mit Ron Lim (verantwortlich u.a. für die optische Umsetzung der Jim Starlin-“Infinity”-Epen) die erste hier zu bestaunende Story „Lethal Protector“ krachig inszeniert.. In Story 2, „Funeral Pyre“, schwingt dann Tom Lyle den Zeichenstift, der dann schon eher in die klassische Richtung geht, die er in der Klon-Saga schon präsentierte – und hier gibt sich dann sogar der schon damals populäre Punisher die Ehre. Anlässlich zur zweiten Leinwand-Inkarnation des Symbionten – der erste Ausflug erfolgte im Rahmen des eher schwachen dritten Tobey-Maguire-Vehikels, aber das Marvel Cinematic Universe reicht mittlerweile ja bis in die unwahrscheinlichsten Winkel – gibt dieser Band somit Kennern und Anfängern ein schmackhaftes Stück schwarzer Alien-Kost. Der vorliegende Band bringt die US-Ausgaben Venom: Lethal Protector 1-6 und Venom: Funeral Pyre 1-3 von 1993 und legt damit abgeschlossene Storylines vor. (hb)

Venom: Tödlicher Beschützer
Text: David Michelinie, Carl Potts
Bilder: Mark Bagley, Ron Lim, Tom Lyle
220 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
22 Euro

ISBN: 978-3-7416-0834-6

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