Nevada, Band 1 (Splitter) | Comicleser

Nevada, Band 1 (Splitter)

Juli 30, 2020

„Schauspieler sind Vieh“, soll angeblich Regie-Legende Alfred Hitchcock dereinst gesagt haben. Und Vieh büxt gerne aus und muss dann wieder eingefangen werden. Diesen Job erledigt Nevada Marquez für seine Chefin, die Filmproduzentin Louise Hathaway. Immer wenn ein Star das Filmset verlässt und das Weite sucht, um Fantasien auszuleben oder einfach nur für eine ausgiebige Sauftour, muss Nevada mit seinem Motorrad ran. Er macht sich auf die Suche und bringt den Delinquenten – meist gegen dessen Willen – wieder zurück zu seinem Arbeitsplatz. Seit einer Woche schon hat sich Mac Nabb alias Lonestar aus dem Staub gemacht. Mitten zu den Dreharbeiten des bisher teuersten Westerns des Studios, das ohne seinen Star droht, in massive finanzielle Schieflage zu geraten. Die Sache pressiert also, weshalb Nevada sofort ran muss. Angeblich wurde Lonestar gemeinsam mit dem versoffenen Stuntman Bob „Dynamite“ Lacy im mexikanischen Tijuana gesichtet. Dort angekommen erfährt Nevada, dass Lonestar in massiven Schwierigkeiten steckt, hat er doch angeblich die Tochter des örtlichen Drogenbosses geschwängert. Der stellt Lonestar nun vor die Wahl: sofortige Heirat oder Pistolenduell…

Das Jahr, in dem die Geschichte spielt, ist nicht genau verortet. Der Kurzauftritt eines noch unbekannten Schauspielers und späteren Tarzans namens Johnny Weissmüller verweist aber auf die frühen Dreissiger Jahre, als der Hays-Code noch nicht rigoros durchgesetzt wurde und Hollywood, dem noch immer ein verruchtes Image anhing, am Beginn seines goldenen (Tonfilm-) Zeitalters stand. Anders als es das Cover vermuten lässt, handelt es sich nicht ganz um einen Spät- oder Neo-Western, wenngleich die Story ständig auf verschiedenen Ebenen mit dem Genre spielt und dessen Motive aufnimmt. Was Zeichner Colin Wilson in stimmigen Panels mit reichlich Western-Romantik auch konsequent umsetzt. Gleich der erste Auftritt Nevadas zu Beginn erinnert – wäre das Motorrad nicht – an klassische Western: im Stile eines Kopfgeldjägers „befreit“ er in einem typischen Saloon die vermeintliche Jungfrau in Nöten von ihrem Häscher. Nur ist die Dame eine „flüchtige“ Actrice, die sich selbst und gerne in diese „fesselnde“ Situation begab. Der Wilde Westen ist also auch nicht mehr, was er mal war – schon gar nicht wild – und beginnt gerade im Kino seine eigenen Mythen zu pflegen.

„Nevada“ ist die neue Reihe des bewährten Teams, bestehend aus dem Autoren-Duo Fred Duval und Jean-Pierre Pécau, sowie dem Neuseeländischen Zeichner Colin Wilson, der spätestens seit seinen Blueberry Alben einen festen Fuß in der franko-belgischen Comicwelt hat. Zuletzt erschienen von den Herren bei uns Bände aus der „Tag X“ Reihe (bei Panini) und bei Schreiber & Leser der Fünfteiler „Wonderball“. Jetzt widmet man sich also dem frühen Hollywood der Dreissiger Jahre und vermischt dies mit einem allgegenwärtigen klassischen wie trügerischen Western-Ambiente. In Mexiko, als die Story immer rasanter und actionreicher wird, zitiert man mehr als einmal Sergio Leones Klassiker „Todesmelodie“ (immer noch ein blöder deutscher Titel) und auch der Clou am Schluss des Bandes sollte jedem Western-Fan vertraut sein. Dabei konterkarieren Duval und Pécau wieder die typischen Western-Klischees, indem sie Lonestar, den großen Filmhelden, als leicht debilen dauergrinsenden Schönling darstellen, der sich rettungslos überschätzt und sich dabei blind in Gefahr begibt. Als Karikatur seines Leinwandhelden. Mehr Schein als Sein. Wie der Wilde Westen in dem Band auch. Ein kurzweiliger, origineller Serienauftakt. Band 2 erscheint im Februar nächsten Jahres. (bw)

Nevada, Band 1: Lonestar
Text: Fred Duval, Jean-Pierre Pécau
Bilder: Colin Wilson
56 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
16 Euro

ISBN: 978-3-96219-507-6

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