Kaiserin Charlotte, Band 1 (Carlsen) | Comicleser

Kaiserin Charlotte, Band 1 (Carlsen)

Mai 27, 2019
Kaiserin Charlotte, Band 1 (Carlsen)

Sechzehn Jahre alt ist Prinzessin Charlotte von Belgien. Höchste Zeit also für eine Verheiratung. Die soll standesgemäß erfolgen, weshalb man mit dem Auserkorenen ein Treffen arrangiert. Erzherzog Maximilian von Habsburg, Bruder des österreichischen Kaisers Franz Joseph, soll es werden und tatsächlich: nach kleinen Anfangsschwierigkeiten kommen sich die beiden wider Erwarten näher. Dies führt zu einer echten Liebesheirat und als Max, der sich vom Kaiser immer wieder zu wenig beachtet fühlt, dennoch zum Gouverneur Lombardo-Venetiens ernannt wird, scheint das Glück des Paares komplett. Die Schlacht von Solferino 1859 ändert dann wieder alles: Österreich verliert gegen Frankreich unter Napoleon III. und muss die Lombardei abgeben. Kaiser Franz Joseph wälzt die Schuld auf seinen Bruder ab, der dann mit Charlotte in das neugebaute Schloss Miramare nahe Triest zieht. Diese Art „Hausarrest“ und frei von sämtlichen Aufgaben und Ämtern bekommt dem Paar, das sich immer mehr entfremdet, nicht gut. Maximilian sucht Trost und Zerstreuung bei Prostituierten, während sich Charlotte in einem (Ehe-) Gefängnis wähnt. Bis den beiden ein verlockendes wie riskantes Angebot unterbreitet wird…

Für ihre neue Serie wählten Star-Autor Fabien Nury (u.a. The Death of Stalin, Katanga, Tyler Cross, Silas Corey) und Matthieu Bonhomme (u.a. Der Marquis von Anaon, Esteban) eine historische Persönlichkeit aus, die ein erstaunliches und von Tragik gekennzeichnetes Leben führen sollte. Als reiche Prinzessin und Tochter des ersten belgischen Königs ist Charlotte eine gute Partie, auch angesichts der Tatsache, dass Maximilian mit Geld nicht wirtschaften kann. Bald nach der Heirat gerät Charlotte unter Druck: ein Thronfolger lässt auf sich warten, sie wird nicht schwanger. Als sich Max aufgrund einer Geschlechtskrankheit (ein „Mitbringsel“ aus dem Bordell) als unfruchtbar erweist, wird die Situation nicht besser. Dazwischen liegen drastische Geschehnisse, als Charlottes Bruder Philipp in einer rabiaten Aktion ihr rettend unter die Arme greift. Bald ist das Paar hoffnungslos zerstritten und desillusioniert. Doch da Adel schließlich verpflichtet, nimmt man das kuriose Angebot an: auf Bitten Napoleons soll Max Kaiser von Mexiko werden. Endlich Macht, endlich ein Land zum Herrschen!

Doch der Schuss geht gehörig nach hinten los, was in Band 2 geschildert werden wird. Der künstlich geschaffene Kaiserthron steht nämlich von Beginn an auf tönernen Füßen. Einstweilen dämmert es Maximilian und Charlotte, dass sie politische Spielbälle von Napoleon und Franz Joseph sind: der eine hat keine Lust mehr, endlos Geld in das von Unruhen geprägte Mexiko zu stecken (die Thronbesteigung ist für Maximilian natürlich nicht kostenlos) und der andere ist sichtlich froh, seinen Bruder los zu haben, der im Zuge der mexikanischen Kaiserkrone auf alle Ansprüche auf den österreichischen Thron verzichten muss. Politische Schacherei, und finanzielle Interessen. Und ein angeblicher Volksentscheid pro Maximilian wird schlichtweg manipuliert. So wird Maximilian geschickt im Abseits „geparkt“. Dazu kommt: Max und Charlotte haben keine Ahnung von den Verhältnissen im Land, geschweige denn von dessen Kultur. Der gestürzte (und im Untergrund agierende) Präsident Juarez wird als Halbindio nicht ernst genommen und aufgrund seiner Herkunft diskreditiert. Die typische Arroganz und Ignoranz des Adels, die dem Paar in diesem Fall teuer zu stehen kommen wird.

Glücklicherweise bereiten Nury und Bonhomme ihre Geschichte nicht als dokumentarische Serie auf. Natürlich bleiben die historischen Eckpunkte, Daten und Ereignisse. Dazwischen legt man viel Wert auf (fiktive) Gespräche, Adelsintrigen und pointierte Dialoge, was den Band äußerst lesenswert macht. Max ist durchaus ein Schöngeist und dazu dem weiblichen Geschlecht, wie auch ausgiebigem Feiern gerne zugetan, was die nicht standesgemäßen Episoden im Bordell zeigen. Sein Charakter wird deutlich, als er sich von Charlottes Bruder widerstandslos „einnorden“ lässt, wobei man erkennt, dass er als schwache Persönlichkeit nicht unbedingt zum Herrschen geboren ist. Und Charlotte wandelt sich von der unschuldigen und unerfahrenen Prinzessin zu einer erst verzweifelten, dann resoluten Frau, die zwar von den Ausschweifungen ihres Gatten weiß, der aber auch klar ist, dass sie nur durch ihn an die Macht gelangen kann, die sie so sehr ersehnt. So wird sie hinter den Kulissen zur treibenden Kraft des „Mexiko-Deals“, aller Warnungen ihrer Familie und Berater zum Trotz. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf… (bw)

Kaiserin Charlotte, Band 1: Die Prinzessin und der Erzherzog
Text: Fabien Nury
Bilder: Matthieu Bonhomme
72 Seiten, Hardcover
Carlsen Verlag
16 Euro

ISBN: 978-3-551-72472-4

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