Tyler Cross, Band 3 (Carlsen) | Comicleser

Tyler Cross, Band 3 (Carlsen)

September 5, 2018

Ganz so einfach lässt sich Tyler Cross nicht überrumpeln. Als Killer ihm in seinem Unterschlupf an den Kragen wollen, riecht er rechtzeitig Lunte und „bereinigt“ die Lage entsprechend. Zu einem hohen Preis, denn seine Freundin kommt dabei ums Leben. Nur einer kannte Tylers Aufenthaltsort: Anwalt Sid Kabikoff, ein windiger Winkeladvokat, gegen den sich Saul Goodman wie ein Anfänger ausnimmt. Tyler spürt ihn in Miami auf, verzichtet dann aber auf seine Rache und lässt Sid am Leben. Denn Tyler ist pleite und braucht Geld. Und Sid hat mit Tylers Kohle (immerhin 72.000 Dollar) in ein dubioses Bauprojekt eines noch dubioseren Immobilienhais investiert und erwartet nun eine fette Rendite. Everett Loomis, so der Name des Baulöwen, ist natürlich hochgradig korrupt (er leiht sich auch Mafia-Geld) und wird daher von der Polizei überwacht, die offenbar bereits gegen ihn ermittelt. Tyler beschließt, Loomis ganz auszunehmen – immerhin winken dann ganze 700.000 Dollar, denn Loomis hat noch ein Geschäft am Laufen, für das er genau diese Summe als Bargeld benötigt…

Natürlich laufen die Dinge anschließend nicht so, wie sie laufen sollen. Als Tyler Loomis‘ Sekretärin Shirley Axelrod bedrängt, für ihn heimlich die Geldübergabe zu recherchieren, kommt auch Shirleys Freund Tommy Ray in Spiel, ein stümperhafter Loser, der nebenher Drogen vertickt. Und hier fängt der Schlamassel für Tyler an, denn wie immer bei solchen Hardboiled/Noir Geschichten, spielen diverse Charaktere ein falsches Spiel. Man schließt der Verheißung des großen Geldes wegen ungewöhnliche Zweckbündnisse und kündigt diese, wenn es die Umstände erfordern. Gewissen ist hier fehl am Platz. Das Geld treibt die Figuren um. Auch Tyler muss einsehen, dass er sich verschätzt und kommt nur knapp davon, was er wieder seinem Überlebensinstinkt verdanken wird. Doch als typisch stoischer Killer lässt er deshalb noch lange nicht von seinem Vorhaben ab und umschifft die Intrigen gegen ihn einmal mehr erfolgreich.

Nach der Gefängnis-Episode im letzten Band („Angola“) schickt Autor Fabien Nury seinen Killer nun in das schwüle Florida, als man beginnt, auf Massentourismus zu setzen und mit neuen Betonbunkern als Hotels für Jedermann sich das große Geld erhofft. Die Finanzierung ist dabei egal. Ob von der Mafia, aus Kuba oder von dubiosen Anlegern – Geld stinkt nicht. Wie auch bei den beiden Vorgängern gibt es wieder diverse Verwicklungen, die sich über persönliche Beziehungen begründen: wer spielt ein falsches Spiel, wer sogar eine falsche Rolle. Nebenfiguren gelangen ins Rampenlicht und werden zum Zünglein an der Waage. Was die Story erneut dicht und intensiv macht, auch wenn sie nicht ganz an die beiden ersten Alben heranreicht. Mit Tyler Cross kreieren Nury und Brüno eine Figur im Stile der Schwarzen Serie: zynisch, stoisch, trocken, zielgerichtet (Ertrag steht vor allem). Einer, der auch mal bei Frauen zuschlägt und der (menschliche) Verluste in Kauf nimmt. Der aber im Gegensatz zu Philip Marlowe & Co. auf der falschen Seite des Gesetzes steht.

Einmal mehr erweist sich der ungewöhnliche Zeichenstil Brünos („Atar Gull“ im avant-verlag) als ideal für das Sujet. Sein harter, kantiger Stil, mit dem er Personen entstehen lässt, die mit ihren weißen Augen schon beinahe (meist zum Charakter passende) dämonische Züge zeigen, passt perfekt zum Noir-Ambiente der Fünfziger Jahre. Man trägt Anzüge und Hüte, bewegt sich auf kriminell-mondänem Terrain, das immer wieder gefährlich nah an der Gosse ist. Viel Schwarz kommt in den Panels zum Einsatz, manchmal bewusst einfach gehalten und dadurch umso intensiver, v.a. in den Action-Szenen, in denen Tyler meist ums Überleben kämpft und die auch mal ohne Worte auskommen. Und mit der wunderbar konstruierten, verschachtelten Story, die so Genre-Klassikern wie „The Big Sleep“ würdigt, erweist sich Fabien Nury (u.a. „Katanga“, „The Death of Stalin“, „Silas Corey“) einmal mehr als herausragender, vielseitiger Autor. (bw)

Tyler Cross, Band 3: Miami
Text: Fabien Nury
Bilder: Brüno (d.i. Brüno Thielleux)
96 Seiten in Farbe, Softcover
Carlsen Verlag
14,99 Euro

ISBN: 978-3-551-71230-1

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