Silas Corey, Band 1 (Splitter) | Comicleser

Silas Corey, Band 1 (Splitter)

April 14, 2016

Silas Corey, Band 1 (Splitter)

Paris im Frühjahr 1917. Während sich in der französischen Hauptstadt die beiden Spitzenpolitiker Joseph Caillaux und Georges Clemenceau erbittert um die Macht streiten und die Reichen scheinbar unbekümmert ihr Leben weiter führen, tobt draussen auf den Schlachtfeldern und in den Schützengräben ein zermürbender, vernichtender Stellungs- und Material-Krieg, der sich auf die Moral der Truppe niederschlägt. Clemenceau ist außerdem Besitzer einer Zeitung und als einer von deren Reporter verschwindet, heuert man den Detektiv Silas Corey an – eine Mischung aus James Bond und Sherlock Holmes – um den Guten aufzuspüren. Denn der Reporter hat Beweise für die Machenschaften einer Rüstungs-Industriellen namens Celestine Zarkoff, die wiederum zum Dunstkreis von Caillaux gehört, Clemenceaus Erzfeind. Bald stellt sich heraus, dass der Gesuchte eine Briefmarke besitzt, an der neben den beiden Politikern auch der französische Militär-Geheimdienst und Frau Zarkoff, für die Coreys Flamme Marthe arbeitet, lebhaftes Interesse haben. Aber als Feind im Hintergrund schält sich immer mehr der legendäre Spion Aquila heraus, der einen perfiden Masterplan verfolgt…

Zeichner Pierre Alary (SinBad, Belladonna, ebenfalls bei Splitter), von dem wir zuletzt dessen Moby Dick Adaption vorstellten, versteht es einmal mehr den Leser mit seinen Bildern mitzureißen. Die sind weder perfekt noch hyperrealistisch, dafür aber ungeheuer dynamisch und kraftvoll. Bei Totalen, aber vor allem bei Action-Sequenzen, die filmisch perfekt inszeniert immer wieder passend in die Handlung eingebaut werden, kommt dies zum Tragen. Ob Last-Minute-Escape durch die Kanalisation, ein Anschlag in den Galeries Lafayette oder bei einer Luft-Verfolgungsjagd im Doppeldecker – bei aller erfreulichen Komplexität der Thriller-Handlung sprechen in diesen Situationen die Bildsequenzen für sich und erzeugen atemlose Spannung. Was natürlich zu gleichen Teilen auch Autor Fabien Nury zu verdanken ist, der hier eine ausgeklügelte Story mit Tiefgang und etlichen Überraschungen präsentiert, und so eine ausgesprochen intensive Handlungsdichte an den Tag legt. Dass er das beherrscht, hat Nury bereits mit seinen Serien „Es war einmal in Frankreich“ und „W.E.S.T.“ eindrucksvoll bewiesen.

Hier kreiert er einen Spionage Thriller vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs, mit einem Helden, der sein Vaterland Frankreich zwar nie verraten würde, aber sich Geld-technisch als Diener und Lohnempfänger vieler Herren einspannen lässt. Und der trotzdem nie den (finanziellen) Überblick und das Gespür verliert, die ihm gestellten Aufgaben zu meistern und zu überleben. Ihm zur Seite steht mit Nam ein vietnamesischer Diener, der eigentlich mehr als ein Sidekick darstellt und der Silas immer wieder aus der Patsche hilft (und umgekehrt), wobei das Duo solch brenzlige Situationen stets süffisant und mit Understatement kommentiert. Silas‘ Gegenspieler ist ein legendärer Agent, über dessen Existenz bisher nur gemunkelt wurde. Aquila tritt dann auch weniger als der typisch böse Deutsche in Erscheinung, sondern zeigt eher eine verwandtschaftliche Nähe zu Figuren wie Fantômas (nein, nicht der aus den de Funès Filmen, eher der aus den Romanen oder den Feuillade-Serials) oder Mabuse. Eine Art Meister des Verbrechens, der stets einen Schritt voraus plant, immer das große Ganze im Blick und dabei skrupellose Maßnahmen und Kollateralschäden nicht scheut. Und der gerade deshalb so gefährlich ist.

Inhaltlich dient die Briefmarke, auf die alle Jagd machen, als cleverer MacGuffin, der die Handlung auslöst und vorantreibt. Was eine immer größere Tragweite bekommt, je mehr die Story das Geheimnis um die Marke enthüllt, an deren Ende schließlich eine kriegswichtige Staatsaffäre steht, die von einigen als Komplott angesehen wird. Neben dieser politischen Dimension kommt es auf der anderen Handlungsebene natürlich zur finalen Auseinandersetzung zwischen Silas und Aquila, wobei diese passenderweise auf dem Schlachtfeld ausgetragen wird, so wie zuvor Aquila mit seinen Anschlägen den Krieg nach Paris trug. Dazwischen genießen wir diverse detektivische Episoden, die bereits erwähnten Action-Sequenzen, politische Motive, die die Handlung beeinflussen und zahlreiche Plot-Twists (Verbündete werden zu Verrätern und umgekehrt), die teilweise auch mit Silas‘ turbulenter Vergangenheit zusammenhängen (beispielsweise seine Beziehung zu Marthe). Ein höchst unterhaltsamer und spannender Double-Band, der gleichzeitig den Serienauftakt darstellt und den ersten Zyklus um Silas Corey abschließt. Ein zweiter ist bei Glénat in Frankreich bereits erschienen. Freuen wir uns drauf. (bw)

Silas Corey, Band 1: Der Aquila-Ring
Text: Fabien Nury
Bilder: Pierre Alary
128 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
24,80 Euro

ISBN: 978-3-95839-257-1

Tags: , , , ,

Comments are closed.