Der Papagei von Batignolles, Band 2 (Carlsen) | Comicleser

Der Papagei von Batignolles, Band 2 (Carlsen)

Februar 14, 2017

Immer verwickelter wird die Angelegenheit, in die sich der Radio-Tontechniker Oscar Moulinet unversehens hineingezogen sieht. Der berühmt-berüchtigte Kunstfälscher Egon Schmutz hat scheinbar wahllos an verschiedene Personen Enten inklusive Spieluhren verschickt, in denen jeweils ein Tonbandschnipsel versteckt ist – zusammengefügt ergeben alle Abschnitte wohl entscheidende Hinweise auf den Verbleib des beträchtlichen Vermögens des Herrn Schmutz. Dessen Halunke von Ex-Assistenz Albert von Übel (nomen est omen, in der Tat) sammelt offenbar rücksichtslos die Schmuckstücke ein und attackiert sogar Oskars Frau, der seitdem auf der Fährte der Enten und dem geheimnisvollen Übel ist. Eine heiße Spur liefert ihm dabei die Psychologin Suquet, bei der Schmutz in Behandlung war: offenkundig gab es Pläne für eine Verfilmung der Biographie des Fälschers. Von Bertrand Tavernier, der seinerzeit als Regisseur vorgesehen war, erhält Oskar die ungekürzte Fassung der Lebensgeschichte des Herrn Schmutz, aus der hervorgeht, dass der Kollege ein rechter Erotomane war, dessen Interesse an der mittlerweile ertrunkenen jungen Opernsängern Christina Vogelgesang deutlich mehr als rein künstlerischer Natur war.

Offenbar plagte den Herrn das Gewissen derartig, dass er seinen Reichtum an einige seiner Wegbegleiter verteilen, aber vor seinem abtrünnigen Gehilfen verstecken wollte. Eher geheimnisvoll bleibt die Rolle seines Papageis, zu dem ihm eine höchst innige Beziehung verband und dessen Verbleib rätselhaft ist – bis auf eine Feder des Amazonas-Aras, der an Übels Schuhsohlen klebte, als er den Radiosender überfiel (siehe Band 1). Oskar sieht sich einstweilen immer mehr bedrängt: da ist Kommissar Kleiber, der ihm seinerseits eine der Enten übergibt, um aus zutiefst privaten Gründen der Wahrheit näher zu kommen (offenkundig war sein Vater zusammen mit Schmutz im Krieg), und die Zirkusartistin Zita Calamar, die ebenfalls einen Tonbandschnipsel beitragen kann, die die bunte Truppe schließlich mitten ins Viertel Batignolles führt – und zu einem zwielichtigen Charakter, der eine Liste mit allen „Freunden“ von Schmutz sein eigen nannte…

Auch in Band 2 dieser im besten Sinne wunderbar altmodischen Reihe zeigt sich eindeutig die Herkunft als Hörspiel: eher wie ein bebilderter Roman, textlastig erscheint das Geschehen, das aus der Feder von Romanautor Michel Boujut 1997 bei France Inter über den Äther gesendet wurde. In der Comic-Adaption, die mit Szene-Veteran Jacques Tardi entstand, hetzen wir dennoch atemlos durch die Handlung: in klassischer franko-belgischer Tradition setzt sich à la Tim und Struppi Hinweis an Hinweis, Oscar der rasende Tontechniker (nicht Reporter, aber immerhin) verweigert (zunächst) absichtlich die Avancen der Polizei, die er erst dann akzeptiert, als die höchst persönliche Motivation des Kommissars deutlich wird. Die zusammengewürfelte Gruppe der Ermittler erinnert einmal mehr an das Kuriositätenkabinett eines Tintin, wobei nun eher weniger jugendfreie Züge zum Vorschein kommen (Schmutz‘ Verhältnis zu Frau Vogelgesang steht einer Lolita-Beziehung in nichts nach).

Boujut, seines Zeichens auch Filmkritiker und Filmproduzent, baut zudem zahlreiche Referenzen auf die Kinowelt ein, angefangen vom gescheiterten Filmprojekt, in dem Philippe Noiret und Isabelle Huppert spielen sollten, über eine gelöschte Videokassette mit Renoirs Klassiker „Bestie Mensch“ bis hin zu einer Slapstick-Szene, in der Woody Allen bei einer Pressekonferenz der Länge nach hinfällt. Zeichnerisch herrscht wie in Band 1 in der Hand von Stanislas Barthélémy eindeutig die Ligne Claire vor, mit klarem Strich in Figuren und Requisiten sowie rasanten, dynamischen Interpretationen von Fahrzeugen, Gerätschaften und Zirkus-Elementen. Auch Band 2 entlässt uns dabei mit einem bunten Blumenstrauß an offenen Fragen: wo ist der Amazonas-Ara abgeblieben? Hat von Übel wirklich Oskars Kollegen Patafoin entführt? Kann man der Zirkusartistin und dem Kommissar über den Weg trauen? Schalten Sie bald ihre Geräte ein, wenn es heißt: Band 3 des Papageis landet in Ihrer Buchhandlung. (hb)

Der Papagei von Batignolles, Band 2: Der Entenreigen
Text: Jacques Tardi, Michel Boujut
Bilder: Stanislas Barthélémy
48 Seiten in Farbe, Softcover
Carlsen Verlag
12 Euro

ISBN: 978-3-551-72694-0

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