Der Papagei von Batignolles, Band 1 (Carlsen) | Comicleser

Der Papagei von Batignolles, Band 1 (Carlsen)

Januar 13, 2016

Der Papagei von Batignolles, Band 1 (Carlsen)

Aufruhr in der Pariser Medienszene: die gefeierte Operndiva Christina Vogelgesang wird ermordet aufgefunden. Neben der Leiche entdeckt man dieselbe kleine Spieldose, über die sie tags zuvor noch im Radio gesprochen hatte – eine goldene in Entenform nämlich, die der Tontechniker Oscar Moulinet schon während der Sendung als die erkannt hat, von der auch seine Lebensgefährtin Edith ein Exemplar besitzt. Als auch der Sommelier Paul Rivoire getötet wird, auf dessen Portrait Moulinet ebenfalls eine Enten-Spieldose im Regal erspäht, steht endgültig fest: hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Vollends mysteriös und bedrohlich wird die Sache, als ein Unbekannter in Ediths Wohnung eindringt und versucht, ihr eben jene Spieldose zu entreißen, dabei jedoch am handgreiflichen Widerstand der streitbaren Dame scheitert. Gemeinsam mit Ediths Tochter Clémence-Alice macht sich Oscar daran, das Geheimnis der goldenen Enten zu ergründen. Offenbar enthält jede ein verborgenes Schubfach, in dem ein numerierter Tonbandschnipsel versteckt ist. Allen Besitzern wurde die Ente entweder anonym überreicht oder ohne Angabe eines Absenders zugesandt – nur Edith hat ihre von ihrer verstorbenen Mutter bekommen, die sich allerdings tunlichst über ihre Herkunft ausgeschwiegen hatte.

Nach einigen Recherchen trifft Oscar auf Hinweis von Rivoires Witwe in der Bretagne mit dem Segler Yves le Dantec zusammen, der ebenfalls stolzer Besitzer einer der geheimnisvollen Spieluhren ist. Zurück im Tonstudio fügt Oscar die Tonbandabschnitte zusammen und macht eine erstaunliche Entdeckung: obwohl die Nachricht noch lückenhaft ist, lässt sich heraushören, dass der geniale Kunstfälscher Emil Schmutz auf diesem Wege ausgewählten Personen als Vermächtnis eine Warnung zukommen lassen wollte. Der Mann im Hintergrund, dem das offenkundig alles andere als lieb ist, macht Jagd auf alle Besitzer der Nachrichtenteile, um zu verhindern, dass die Botschaft ans Licht kommt. Schnell wird klar, dass es sich dabei um niemand anders handeln kann als Albert von Übel, ehemals Assistent von Schmutz, ein finsterer Geselle, der wohl schräge Geschäfte in die eigene Tasche gemacht hat und jetzt alles tut, um diese zu vertuschen. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, den Radiosender zu überfallen, in dem Schmutz einige Interviews gegeben hat, und vor seiner Flucht durch die Kanalisation noch Moulinets Familie zu bedrohen, die sich daraufhin zu Ediths Vater absetzt. Der hält allerdings seinerseits eine handfeste Überraschung bereit: Ediths Mutter hatte durchaus gute Gründe, die Herkunft der Spieldose zu verheimlichen, denn Schmutz stand der Dame deutlich näher als vermutet…

Mit ‚Der Papagei von Batignolles‘ legten die versierten Größen Jacques Tardi (vor allem bekannt durch seine Kriegsdramen seine Adele-Reihe) und der 2011 verstorbene Romanautor, Filmkritiker und Filmproduzent Michel Boujut im Jahr 1997 ein Hörspiel vor, das bei France Inter über den Äther ging. Boujut verarbeitete dabei gekonnt seine Kenntnisse der Medienbranche, die er bei seiner Arbeit auch für diesen Sender sammeln konnte, und verwob diese mit Tardi zu einem Abenteuerstoff der ganz klassischen franko-belgischen Manier. Der Tontechniker Oscar ist nicht zufällig entfernter Kollege eines gewissen Tim – immer wieder wird die französische Tradition explizit aufgegriffen, etwa als die Tochter begeistert ausruft, das sei ja alles wie bei den Sieben Kristallkugeln, oder als ein kleiner Junge die aktuelle Ausgabe von Spirou verschlingt. In bester Tintin-Manier ermittelt der Medienmann wie sein offenkundiges Vorbild kriminalistisch, setzt einen Hinweis zum anderen und wird dabei von einer bunt zusammengewürfelten Truppe voller witzig-markanter Nebenfiguren, wie etwa dem Techniker Patafoin, begleitet.

Die optische Umsetzung des Stoffes, die aufgrund der Herkunft aus dem Hörspiel naturgemäß textlastig daherkommt und des öfteren auf Klangeffekte als Handlungsmoment setzt, wurde denn auch von Stanislas Barthélémy (‚Die Abenteuer von Hergé‘, ebenfalls bei Carlsen) kongenial in einem modernen Ligne Claire-Stil im Geiste von Hergé und Edgar P. Jacobs inszeniert, komplett mit Oscars kleiner Haartolle und dynamischen Autos, Zügen und Schiffen. So eilen wir mit Oscar atemlos durch das turbulente Geschehen bis zur letzten Seite, auf der wir feststellen – betroffen -, dass der Vorhang fällt, aber mit vielen Fragen offen: was ist auf dem Tonband Nummer 10 zu hören, das besonders markiert ist? Lebt Emil Schmutz vielleicht doch noch? Und ist der Papagei von Batignolles, der bislang nur der Titel des Kriminalromans ist, an dem Edith schreibt, vielleicht doch noch wichtig? Wir werden wohl wieder unsere Rundfunkgeräte Richtung Frankreich drehen müssen, um auch die Fortsetzung dieser Geschichte zu erleben. Oder wir warten auf Band 2, ‚Der Fall Kugloff‘. (hb)

Der Papagei von Batignolles, Band 1: Der enigmatische Monsieur Schmutz
Text: Jacques Tardi, Michel Boujut
Bilder: Stanislas Barthélémy
56 Seiten in Farbe, Softcover
Carlsen Verlag
12 Euro

ISBN: 978-3-551-72693-3

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