Spirou und Fantasio: Fantasio heiratet (Carlsen) | Comicleser

Spirou und Fantasio: Fantasio heiratet (Carlsen)

Januar 9, 2017

Überraschung! Fantasio hat nicht nur die Frau seines Lebens kennengelernt, er zieht auch bei Spirou aus und will sogar heiraten. Seine Flamme Clothilde ist die Tochter der gestrengen Suzanne Gallantine, einer stinkreichen Fashion-Ikone und Inhaberin diverser Mode-Zeitschriften. Was für Fantasio auch bedeutet: er wird Mitglied der High Society und er ist raus. Raus aus den gemeinsamen Abenteuern mit seinem Kumpel Spirou. Seinen Platz übernimmt nach einigem Hin und Her Steffani, ihres Zeichens Reporterin und auch fester Bestandteil des Spirou-Universums. Die erste Bewährungsprobe des neuen Duos lässt nicht lange auf sich warten: ein Collier wird gestohlen. Bei Muttern Gallantine und direkt vor Spirous Augen. Steffani ermittelt, dass das Schmuckstück eines von drei Teilen ist, die zusammen ein größeres Collier bilden. Nachdem auch der zweite Teil des Geschmeides bei einer Modenschau spektakulär geraubt wird, gelingt es Steffani und Spirou recht schnell, die Diebinnen zu stellen. Was aber erst der Beginn ihres Abenteuers ist…

Ein neuer Spezial Band, das bedeutet auch (nachdem die klassischen Rob-Vel Geschichten alle erschienen sind), dass wieder ein neuer Zeichner mit einem neuen Zeichenstil die belgische Comic-Ikone interpretiert. Diesmal fiel die Wahl auf den Wallonen Benoît Feroumont (Jahrgang 1969), der mit seiner Serie „La Royaume“ (Das Königreich) bekannt wurde, die inzwischen bei Dupuis sechs Alben umfasst und regelmäßig im Spirou-Magazin vertreten ist. Und Feroumont schafft es auch gleich, neue Facetten des Helden hervorzuholen, indem er einige sonst fundamentale Bestandteile verändert, bzw. hinzufügt. So spielen Eichhörnchen Pips und der Graf von Rummelsdorf bis auf einen Kurzauftritt keine Rolle in der Geschichte. Auch Fantasio wird weitestgehend aus dem Spiel genommen. Als frisch Verliebter macht er sich Richtung Gallantine vom Acker und wird flott durch die quirlige und aufgeweckte Steffani ersetzt. Und dann, quasi als Innovations-Highlight, stellt uns Feroumont – man höre und staune – erstmals überhaupt Spirous Mutter vor.

Obwohl Fantasio durch Clothilde „blockiert“ wird, erfüllt er dann aber doch eine wichtige Funktion, da er die Story in Richtung Spirous Mutter führt, was dann auch das Finale und die Aufklärung des Falles einleitet. Der ist durchaus vielschichtig und fügt dem Abenteuer eine ernste Note hinzu, was der Prolog, der im von der deutschen Wehrmacht besetzten Belgien spielt, bereits andeutet. Eine schwierige Zeit (auch was die Serie betraf: 1939 wurde Rob-Vel, der Schöpfer der noch jungen Reihe, eingezogen und Spirou wurde von diversen Zeichnern soweit möglich am Laufen gehalten ehe Altmeister Jijé fest übernahm), die in der Spezial Reihe nicht zum ersten mal thematisiert wird: Émile Bravos „Portrait eines Helden als junger Tor“ und „Operation Fledermaus“ von Yann und Olivier Schwartz („Inspektor Bayard“) behandelten bereits die Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Belgiens. Mit dem Auftauchen seiner Mutter, von der er sich sichtlich entfremdet hat, kommt auch ein dunkles Kapitel in der Familiengeschichte Spirous zum Vorschein.

So gelingt es Feroumont formidabel, einmal das Spirou-Universum zu pflegen und dann um neue Nuancen zu bereichern. Dabei bleibt der Humor nicht auf der Strecke. Immer wieder macht sich Steffani über Spirous (Comic-)Alter lustig („Der stammt aus ‘ner anderen Zeit“), amüsiert sich über die Retro-Einrichtung seiner Wohnung oder über dessen „traditionelles“ Verhalten (sie bedient Notebook und Smartphone, während er ein schon beinahe historisches Schnurtelefon benutzt). Außerdem hat eine gewisse Madame Van Damme einen Kurzauftritt, in dem sie sich über ihren Sohn beschwert, der nur seine Filme und seinen Sport im Kopf habe. Feroumont legt den Band in einem modernen, runden wie klaren Funny-Stil an, der weit weg von der klassischen Linie eines Jijé oder eines Franquin ist. Was natürlich durchaus beabsichtigt ist. Sollen mit der Spezial-Reihe doch nicht nur inhaltlich sondern auch optisch neue Wege erkundet und dem Leser damit aufgezeigt werden, dass Spirou & Co. noch lange nicht zum alten Eisen gehören, was hier einmal mehr bestätigt wird. (bw)

Spirou und Fantasio Spezial, Band 21: Fantasio heiratet
Text & Bilder: Benoît Feroumont
72 Seiten in Farbe, Softcover
Carlsen Verlag
12 Euro

ISBN: 978-3-551-77621-1

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