Spirou und Fantasio: Ein grosser Kopf (Carlsen) | Comicleser

Spirou und Fantasio: Ein grosser Kopf (Carlsen)

Januar 12, 2016

Spirou und Fantasio Spezial: Ein grosser Kopf (Carlsen)

Fantasio ist unter die Schriftsteller gegangen. Er adaptiert ein altes Abenteuer, das er mit Spirou erlebte, als Roman. Dabei vergisst er nicht, sich ins rechte Licht zu rücken und schreibt einige Situationen zu seinen Gunsten um. Das Buch wird ein Flop. Trotzdem beißt ein Filmproduzent an, der die Geschichte verfilmen will. Was wiederum ein großer Erfolg wird. Nur: erneut wird die Story umgeschrieben, was bedeutet, dass Spirou nun der große Star ist und Fantasio nur der Sidekick. Fantasio schluckt die bittere Pille, während Spirou befremdliche Star-Allüren an den Tag legt. Szenenwechsel: in Bretzelburg putscht sich das Militär an die Macht. Mit einer kuriosen Maßnahme wird das Volk unterdrückt: das Nationalgericht, eine süß-saure Fett-Speise namens Stumpföll (Kartoffeln, Würstchen, Erdbeeren, Schweineschmalz…) wird zur einzig zugelassen Nahrung, die dazu in rauhen Mengen produziert wird. Nach dem Motto: wer viel isst, wird träge. Und wer träge ist, kann nicht aufbegehren. Und ausgerechnet Bretzelburg hat man nun als Drehort für den zweiten Spirou (und Fantasio) Film ausgewählt…

Die Spezial-Reihe von Spirou und Fantasio existiert nun auch schon seit über zehn Jahren und beinhaltet inzwischen 20 Bände. Das sind einmal die klassischen Abenteuer aus der Feder von Spirou-Schöpfer Rob-Vel (d.i. Robert Velter) bzw. von Jijé und zum anderen stand-alone Bände außerhalb der Serien-Kontinuität (dort sind inzwischen 53 Alben erschienen), die von anderen Zeichnern und Textern als die der Stamm-Mannschaft (zur Zeit sind das Fabien Vehlmann und Yoann) geschaffen wurden. Darunter finden sich illustre Namen wie Émile Bravo oder Lewis Trondheim. Auch der aktuelle Band ‚Ein großer Kopf‘ wartet mit einem bekannten Namen auf: Co-Autor Pierre Makyo kennen und schätzen wir u.a. von ‚Die Reise ans Ende der Welt‘ und ‚Grimion Lederhandschuh‘ (beides dereinst auch bei Carlsen erschienen). Die Zeichnungen Tehems sind weit weg vom klassischen Marcinelle-Stil, den der große André Franquin prägte (siehe auch die aktuelle Gesamtausgabe) und nähern sich mehr einem Karikatur-haften, vereinfachten, modernen Funny-Ausdruck. Das mag natürlich nicht jedermanns Geschmack sein, passt aber in die dafür vorgesehene Spezial-Reihe und bietet eine weitere, mutig erfrischende Interpretation der Comic-Ikone.

Inhaltlich zitieren die Autoren (Toldac ist übrigens Makyos Bruder, beide heißen mit Nachnamen eigentlich Fournier, sind aber meines Wissens nicht mit dem langjährigen Spirou-Zeichner Jean-Claude Fournier verwandt) zwei Franquin-Klassiker. ‚Der doppelte Fantasio‘ (1954) und ‚QRN ruft Bretzelburg‘ (1961). Ersterer ist die Vorlage für Fantasios Buch und den Film, der als ‚Ein großer Kopf‘ gedreht wird. Neu sind die Streitigkeiten zwischen den beiden dicken Freunden. Nur widerwillig lässt sich Fantasio auf die abgeänderte Handlung des Films ein und muss neidvoll zusehen, wie Spirou zum Star aufsteigt. Der wiederum zeigt unsympathische Anwandlungen, engagiert Bodyguards und droht vollends abzuheben. Was ironisch, ja parodistisch und selbstreferentiell präsentiert wird. Und auch deshalb dauert es eine Weile, bis die Handlung in Schwung kommt – die Figuren müssen erst einmal atypisch positioniert werden. Dann, als die Story nach Bretzelburg zum Filmdreh verlegt wird, erleben wir ein typisches, actionreiches und gewitztes Spirou-Abenteuer, leicht albern und überzogen, aber stets unterhaltsam. Das auch aktuelle Themen, wie die Flüchtlings-Problematik, nicht ausspart. (bw)

Spirou und Fantasio Spezial: Ein großer Kopf
Text: Makyo, Toldac
Bilder: Tehem
72 Seiten in Farbe, Softcover
Carlsen Verlag
12 Euro

ISBN: 978-3-551-77590-0

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