Spirou und Fantasio Gesamtausgabe, Band 4 (Carlsen) | Comicleser

Spirou und Fantasio Gesamtausgabe, Band 4 (Carlsen)

Januar 3, 2016

Spirou und Fantasio, Band 4 (Carlsen)

Inzwischen sind wir bei der Gesamtausgabe der Spirou Comics von André Franquin in den Jahren 1954 bis 1956 angekommen. Acht Bände sollen es werden, wir haben also Halbzeit. Untertitelt ist der Band mit ‚Moderne Abenteuer‘, was auf die Aufbruchsstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg und die in dieser Zeit entstandenen technischen Errungenschaften anspielt und was v.a. auf die ersten Geschichten zutrifft. Franquin hatte inzwischen sich selbst als Zeichner und Texter in Personalunion, sowie seinen immer umfangreicher werdenden Spirou-Kosmos etabliert und die Serie war gefragter und beliebter denn je. Obwohl er in dieser Zeit äußerst produktiv war, musste er sich mitunter von befreundeten Zeichnern und Autoren Unterstützung einholen, um das immense Pensum bewältigen zu können.

„Das Versteck der Muräne“ ist ein waschechter, futuristisch angehauchter Thriller, der echtes James Bond-Feeling verbreitet, und das acht Jahre, ehe 007 Jagd auf Dr. No machte. Um einen Wettbewerb zu gewinnen und das Preisgeld zu kassieren, entwickelt der Graf von Rummelsdorf für Spirou und Fantasio einen speziellen Taucheranzug samt Mini U-Boot, um die erforderlichen 200 Meter Tiefe zu erreichen. Doch das Wrack, das man dort ertauchen soll, bietet mehr Leben als erwartet und birgt zudem eine faustdicke Überraschung. Der Bösewicht John Helena, auch Die Muräne genannt, sollte später noch zu einigen Auftritten in der Serie kommen. Dem Album – Band 7 in der Carlsen-Reihe – folgt eine Kurzgeschichte, in der Franquin seine Vorliebe für Autos ausleben konnte. In „Quick Super“ geht es um den raffinierten Diebstahl teurer US-Karossen – und natürlich dessen Aufklärung.

In „Tiefschlaf für die ganze Stadt“ darf Fantasio eine Reportage in Inkognito-City machen. Einer abgeschotteten, scharf bewachten Stadt, in der Reiche und Prominente leben können, ohne von aufdringlichen Pressefritzen am laufenden Band belästigt zu werden. Dort mischen die beiden eine Gangsterbande auf, die den Grafen entführt hat und die mit dessen Schlafgasformel einen dreisten Coup plant. Im abschließenden Abenteuer „Goldminen und Gorillas“ reisen Spirou und Fantasio nach Afrika, genauer gesagt nach Belgisch-Kongo (das nebenbei bemerkt eine ganz unrühmliche Kolonialgeschichte aufweist – eine Haltung, die Hergé bei „Tim im Kongo“ reflektiert). Dort sollen sie Gorillas fotografieren und tappen in eine Verschwörung, bei der die Gier nach Gold eine große Rolle spielt.

Unbezahlbarer Sidekick in allen Geschichten ist (neben dem wie stets unauffälligen Eichhörnchen Pips) das Marsupilami, was zeigt, wie beliebt die Figur schon bald war, nachdem sie von Franquin erdacht wurde. Als multifunktionale Story-Wunderwaffe sorgt es einmal für zahlreiche überaus gelungene wie zeitlose Gags und Slapstick-Einlagen. Dann taucht es als Retter in der Not auf und überrascht mit diversen unbekannten Fähigkeiten: es erweist sich als amphibisch, ist unter Wasser genauso munter und effektiv, wie an Land. Und es kann sogar wie ein Papagei Worte wiederholen. Eine Eigenschaft, die von Autor Rosy erdacht wurde und die Franquin nicht wirklich schmeckte (zu viel Mensch im Tier), weshalb das Marsupilami in den Folgegeschichten wieder stumm wurde. Aus dem Franquin’schen Spirou-Universum tauchen außerdem der Graf von Rummelsdorf auf, der Fantaschrauber hat einen erneuten Auftritt und den Turbot, das Auto der beiden Freunde, zeichnete Franquin sowieso immer gerne.

Eine wirklich schöne Idee sind die abgedruckten Titelbilder der zeitgenössischen Spirou-Magazine, die zur jeweiligen Situation passend als Ganzseiter in die Geschichten eingebaut werden. Im Sekundärteil werden Hintergründe zu den einzelnen Storys erläutert: Franquins Faible für Autos, seine Helfer bei „Tiefschlaf für die ganze Stadt“ (neben Rosy als Texter sorgte der „Harry und Platte“ Zeichner Will für die Hintergründe) und einen kurzen Rückblick auf die deutsche Veröffentlichungs-Historie. Dazu kommen zahlreiche alte Werbe-Abbildungen wie Spirou als Buck Danny oder gar als Lucky Luke. Es gibt also Gründe genug, sich die Gesamtausgabe anzuschaffen, auch wenn man die Einzelalben schon mit Schuber im Schrank stehen hat. Und sei es nur, um sich einmal mehr an einem der absoluten, zeitlosen Klassiker franko-belgischer Comickunst zu erfreuen. (bw)

Spirou und Fantasio Gesamtausgabe, Band 4
Text: André Franquin, Rosy
Bilder: André Franquin, Will
208 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
29,99 Euro

ISBN: 978-3-551-71624-8

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