
Wenn eine Comicserie ihr eigenes Lexikon erhält, muss sie schon einige Jahre auf dem Buckel haben und dauerhaft erfolgreich gewesen sein. Am besten bis heute. Bei Asterix ist das so, auch bei Lucky Luke – beiden Klassikern spendierte man bereits ihr eigenes Nachschlagewerk. Nun ziehen Blake und Mortimer nach, die heuer ihren 80. Geburtstag feiern. Erdacht vom ehemaligen Opernsänger und Hergé-Assistenten Edgar Pierre Jacobs, erschienen die ersten Seiten des Dauerbrenners 1946 im Tintin Magazin.
„Der Kampf um die Welt“ hieß das Abenteuer, in feiner Ligne Claire gezeichnet, das erwachsener daherkam als die Tim und Struppi Geschichten und in dem ebenfalls Olrik, der Erzfeind von Blake und Mortimer, seinen ersten Auftritt hatte. Zum Jubiläum veröffentlicht der Carlsen Verlag, in dem die Serie seit jeher auf Deutsch erscheint, dieses Lexikon, das auf über 140 Seiten wichtige (wie weniger wichtige und durchaus auch überraschende, wie die Rolle von Landkarten) Eckpunkte der Reihe in Stichworten zusammenträgt.
Fünfzig Einträge verzeichnet der Band, die allesamt weit entfernt sind von einem nüchternen Kleinklein lexikalischer Auflistungen, von Schlagwörtern und trockenen Erklärungen – der Begriff Kompendium oder Handbuch trifft da eher zu. Zusätzlich aufgelockert werden die Stichpunkte durch zahlreiche Abbildungen aus den Comics, von einzelnen Panels zu ganzen Seiten, darunter viele Skizzen und Entwürfe des leider schon verstorbenen André Juillard („Die 7 Leben des Falken“), wodurch der Band einen zusätzlichen Mehrwert bekommt und obendrein noch veredelt wird.
Dankbarerweise beschränkt sich der Band, der im Gegensatz zu den Asterix und Lucky Luke Lexika, die von den Comic-Experten Horst Berner und Volker Hamann verfasst wurden, ein Frankreich-Import ist (geschrieben von Autor und Übersetzer Jean-Pierre Naugrette), nicht nur auf die Jacobs-Alben, sondern berücksichtigt auch die der diversen Nachfolger, die ab 1996, neun Jahre nach Jacobs‘ Tod, bis heute neue Abenteuer schreiben und zeichnen, von Jean Van Hamme bis Peter van Dongen.
Dabei ist zu beachten: Einträge über die Zeichner und Autoren und deren Vita sucht man vergebens. Was jedoch nicht weiter tragisch ist, dafür steht u.a. Wikipedia parat. Stattdessen werden Interviews zusammengefasst mit Jean Van Hamme, André Juillard und Yves Sente (der auch das Vorwort beisteuerte), in denen jene ihre Beziehung und Herangehensweise zur Serie beschreiben. Ansonsten behandeln die Einträge die Geschichten, die Alben und deren Personen (es gibt noch einen Eintrag über die Zusammenarbeit zwischen Hergé und Jacobs und die Bezüge zu Tim und Struppi).
Weitere Beispiele: Die Entwicklung der Frauenfiguren in der Serie, von Statistenrollen bei Jacobs bis zu tragenden Parts heute, wieder untermauert mit Bildbeispielen. Oder warum Jacobs die Legende von Atlantis aufgriff. Was Blake und Mortimer mit Sherlock Holmes und Watson gemeinsam haben. Welche Bezüge zum Kino zu finden sind – inkl. Hitchcock Cameo. Oder welche mitunter reale Vorbilder die Figuren haben, wie Jacobs selbst als Olrik, oder der Schauspieler Oskar Homolka, der für Oberst Stok Pate stand. Wer sich also Hintergrundwissen zur Serie aneignen oder auffrischen will, das nicht trocken serviert wird, sei es zu den klassischen Jacobs-Abenteuern oder denen seiner Nachfolger, der liegt hier goldrichtig. Fans der Serie werden sowieso zugreifen. (hb)
Das Blake und Mortimer Lexikon
Text: Jean-Pierre Naugrette
Bilder: Edgar P. Jacobs, André Juillard, François Schuiten u.a.
144 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
30 Euro
ISBN: 978-3-551-80917-9