Die lebende Tote (Splitter) | Comicleser

Die lebende Tote (Splitter)

Juli 18, 2019
Die lebende Tote (Splitter Verlag)

Martha und ihre rechte Hand Alex sind Schmuggler. Sie suchen und bergen Gegenstände auf der Erde, um sie illegal auf dem Mars zu verkaufen. Denn dort lebt das Gros der Menschheit, die inzwischen längst das All erobert hat. Nach verheerenden Kriegen fand dereinst in Richtung des roten Planeten ein Exodus statt. Die Erde ist weitgehend verödet und verlassen. Dennoch blüht der Handel mit Artefakten von der „alten Welt“, wie Bücher, die auf dem Mars jedoch verboten sind.

Bei einer Buch-Bergungsaktion verunglückt Marthas zehnjährige Tochter Lise tödlich. Doch Martha, die noch immer auf der Erde lebt und von einem Schloss hoch oben in den Pyrenäen ein großes Schmugglernetzwerk leitet, will sich mit dem Tod ihrer Tochter nicht abfinden. Sie lässt den Nanobiologen Joachim Bostrom, einer ihrer Kunden, dem gerade wegen des Besitzes verbotener Bücher Labor und Konto beschlagnahmt wurden, zur Erde bringen. Joachim soll Lise klonen und als Embryo von Martha austragen lassen. Das Vorhaben scheint zu glücken. Nach der Geburt kommt das Neugeborene in einen speziellen Brutkasten, wo es künstlich bis auf ein Alter von zehn Jahren wachsen soll. Doch kurz vor dem Ende dieser Wachstums-Endphase erwacht die „neue“ Lise und damit nimmt das Unheil seinen Lauf…

So langsam und bedächtig sich die Story aufbaut, so furios entwickelt sie sich im letzten Teil des Albums. Anfangs werden wir mit einem typischen postapokalyptischem Szenario vertraut gemacht. Eine wüste, kontaminierte Erde, die Menschheit lebt seit langem auf dem Mars. Ein klarer, nicht untypischer Science Fiction Hintergrund. Mit der quasi-Entführung Joachims auf die Erde wird die Handlung auf ein zwei-Personen Kammerspiel reduziert – das SF-Szenario dient nur noch dazu, die wissenschaftlichen Vorgänge (Klonen, künstliches Wachstum) plausibel erklären zu können. Was auch der behutsamen Vorbereitung auf das Chaos dient, das mit der „vorzeitigen Geburt“ der Klon-Lise losbricht und das gewaltiger und zerstörerischer kaum sein kann. Passend dazu die erhabene Kulisse des Schlosses, die dem sich anbahnenden Horror als Schauer-Hintergrund dient. Der letzte Teil des Einzelbandes besteht dann folglich auch aus einer actionreichen Horror-Story, die in Finsternis und im Schneetreiben spielt, die schon bald Lovecraft’sche Ausmaße annimmt und die damit auch in ihrer Ausgestaltung nicht weniger als absolut beeindruckend daherkommt.

Die limitierte Diamant Edition

In ihrer Geschichte nehmen sich Autor Olivier Vatine (u.a. Aquablue, Nuork), der auch schon Star Wars Comics schrieb, und Zeichner Alberto Varanda (u.a. Elixier, Die Legende der Drachenritter) viel Zeit für Details. Zuerst wird die neue Weltordnung geschildert, inkl. seltsamer Wesen, wie die einst von den Menschen geschaffenen, intelligenten dreibeinigen Kraken, die die irdischen Ozeane bevölkern. Dann lernen wir den Cyborg Hugo kennen, der sowohl als Diener Marthas, als auch als „Kindermädchen“ Lises fungierte und der nach 700 Jahren Inaktivität von Martha gefunden und reaktiviert wurde. Hugo wird in der Story eine wichtige Rolle spielen. Später kommen sich Joachim und die sich stets reserviert gebende Marta näher, ohne dass die Schmugglerchefin jedoch ihr großes Ziel, ihr totes Kind wieder zu bekommen, nur einmal aus den Augen verliert.

Natürlich haben wir es hier mit einer Variation des Frankenstein-Motivs zu tun. Joachim soll Leben schaffen, damit Martha mit ihrer Tochter zeitlich genau dort weitermachen kann, wo Lise starb. Trotz all der inzwischen hoch entwickelten Technologie ein riskantes Unternehmen. Und auch hier, das können wir ruhig vorwegnehmen, straft es sich, sich gegen die Natur zu stellen. Die Zeichnungen Alberto Varandas sind äußerst aufwändig und beeindruckend. Statt Schwarzflächen – was sich spätestens bei dem finalen Horror-Szenario anbietet – arbeitet er durchgehend mit endlosen, filigranen, parallelen Schraffur-Flächen, die sich immer wieder kreuzen (was in einer komplett schwarzen, also schraffierten Seite gipfelt). Das erinnert natürlich an die Arbeiten Bernie Wrightsons, vor allem an seine Frankenstein-Illustrationen – womit sich der Kreis zur Story schließt. Und auch Hugo, der unheimliche Cyborg, ähnelt immer wieder einer Mischung aus Wrightsons Frankenstein-Monster und seinem Swamp Thing.

Dass die Zeichnungen schon fast zu schön sind, um sie mit Farbe zu „verunstalten“ (wobei die dezente Kolorierung, die übrigens ebenfalls von Autor Vatine stammt, sehr stimmig und unaufdringlich ist) dachte sich wohl auch der Splitter Verlag, weshalb der Band auch in einer Luxusvariante als „Diamant Edition“ erhältlich ist. Im Überformat enthält diese Ausgabe „nur“ die blanken, schwarz-weißen Tuschezeichnungen, ergänzt mit diversen Zusatzseiten und ist zudem auf 444 Exemplare limitiert. Und sogar noch erhältlich, was an dem durchaus ambitionierten Preis liegen mag. (bw)

Die lebende Tote
Text: Olivier Vatine
Bilder: Alberto Varanda
72 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
18 Euro

ISBN: 978-3-96219-312-6

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