Providence, Band 1 (Panini) | Comicleser

Providence, Band 1 (Panini)

April 6, 2016

Providence, Band 1 (Panini)

Reporter Robert Black arbeitet im New York des Jahres 1919 beim New York Herald. Um eine Seite zu füllen, interviewed er kurzfristig einen Doktor Alvarez, der einst einen Artikel über ein (fiktives) Buch geschrieben hatte, das angeblich Wahnsinn beim Leser hervorrufen kann. Alvarez (dessen Wohnung extrem gekühlt wird, um seine Krankheit in Zaum zu halten) berichtet ihm u.a. über ein anderes Buch aus Arabien, das im achten Jahrhundert geschrieben wurde und in dem beschrieben steht, wie man sein Leben verlängern oder gar Tote wiederbeleben kann. Black erhält einen weiteren Namen und macht sich auf, um mehr über das geheimnisvolle Buch zu erfahren. Dazu nimmt er eine Auszeit vom Job, was ihm nicht schwer fällt, da er sowieso unter die Schriftsteller gehen will und hier eine passende Geschichte wittert. Außerdem beging sein langjähriger Geliebter Selbstmord, nachdem Robert die Beziehung beendete. In Brooklyn sucht er anschließend den Mystiker Suydam auf und hat in dessen Keller eine okkulte Begegnung, die er als Traum interpretiert. Später führt ihn die Spur des Buches in die heruntergekommene Hafenstadt Salem und nach Athol, wo er seltsamen Menschen (?) begegnet, die eine Verbindung zu dem Buch haben und hatten…

Bereits mit „Neonomicon“ (dt. ebenfalls bei Panini) widmete sich Alan Moore der Welt und den Werken des Kult-Horror-Schriftstellers H.P. Lovecraft (1890-1937). Mit „Providence“ (das ist die Hauptstadt von Rhode Island, dort lebte und starb Lovecraft, dort spielen auch zahlreiche seiner Geschichten) geht er noch einen gehörigen Schritt weiter – oder besser tiefer – und lässt seinen Protagonisten in jeder Episode ein Werk Lovecrafts besuchen und durchleben. Dabei verändert Moore bisweilen Namen oder belässt es bei Andeutungen, benutzt aber stets zentrale Motive, weshalb es klar und offensichtlich ist, um welche Lovecraft-Storys es sich handelt: Cool Air (Kühle Luft), The Horror at Red Hook (Grauen in Red Hook), The Shadow over Innsmouth (Schatten über Innsmouth) und The Dunwich Horror (Das Grauen von Dunwich). Der Protagonist Robert Black, der auf der Suche nach dem geheimnisvollen arabischen Buch, dem Kitab ist (das leicht als Necronomicon zu identifizieren ist), bleibt dabei merkwürdig blass und naiv, beinahe hat es den Anschein, als diene er als Mittel zum Zweck, als roter Faden, um die Lovecraft’schen Geschichten zu verbinden. Wir werden sehen, was da noch kommt (Stichwort Cthulu)…

Dann also viel Spaß mit Providence. Langen Spaß vor allem, denn wenn ihr den Band so lesen wollt, damit alle Andeutungen, Hinweise, Querverweise und Referenzen verständlich sind und einleuchten, werdet ihr die nächsten Tage wenig Zeit für andere Dinge haben. So empfiehlt sich dringend das eingehende Studium von Lovecrafts Werk (und Leben) – nicht nur die Geschichten, auf denen die einzelnen Episoden beruhen (ich gestehe, „The Horror at Red Hook“ kannte ich auch noch nicht). Natürlich sollte man vorsorglich schon mal über den Cthulu-Mythos bescheid wissen, selbstverständlich auch über das Necronomicon („The Evil Dead“ schauen wird da übrigens nicht genügen). Geballtes Wissen über diverse Religionen ist auch von Nöten (die Jesiden beispielsweise). Psychoanalyse. Kabbala. Historische Hexengeschichten. Und so weiter. Es schadet auch nicht, andere Autoren und Werke zu lesen. Darunter Bekanntes, von Dantes Inferno bis zu obskurem, wie Chambers‘ „Der König in Gelb“. Dazu empfiehlt sich übrigens das Studium der ersten Staffel von True Detective. Und ältere Werke Alan Moores (nicht nur der indirekte Providence-Vorgänger Neonomicon) sollte man natürlich auch verinnerlicht haben.

Hardcover. 222 Stück. Vergriffen.

Hardcover. 222 Stück. Vergriffen.

Habe ich das alles gemacht? Nein. Zu viel, zu umfangreich, zu zeitintensiv. Lieber greife ich auf diverse Fanseiten im Internet zurück, die Providence zum Thema haben. Was gleichzeitig die Stärke und die Schwäche des Bandes verdeutlicht. Stärke deshalb, weil kaum ein Comic so dermaßen in ein bestimmtes (okkultes) Thema eingetaucht ist und sich eine bestehende Horror-Welt (die von Lovecraft, die ja bereits zu seinen Lebzeiten auch von anderen Autoren gepflegt und weitergeführt wurde) so zu eigen gemacht hat (vgl. auch „From Hell“ und „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“). Was beim Lesen eine tiefe Faszination auslöst. Unweigerlich untersucht man jedes Panel, seziert jeden Satz, jeden Namen. Die grauen Zellen arbeiten stets auf Hochtouren. Schwäche deshalb, weil man, je weniger man über die Thematik weiß, auch das meiste nicht versteht, verstehen kann oder erst gar nicht bemerkt. Losgelöst von allem Wissen (oder auch nur mit Halbwissen) bleibt eine spannend inszenierte, wortreiche, episodische und verstörende (und damit wieder Lovecraft’sche) Horrorstory, die weit über den Durchschnitt hinausgeht. Das zusätzliche Wissen, die Anspielungen zu erkennen, zuzuordnen und zu verstehen, steigert das Lesevergnügen dann direkt proportional.

Jacen Burrows ist bekannt durch seine Arbeit an Crossed. Nach „Neonomicon“ tut er hier sich hier erneut mit Alan Moore zusammen. Burrows‘ Bilder zeichnen sich durch eine unterkühlte Klarheit aus, erinnern so in ihrem Stil an die Werke von Steve Dillon (Preacher, Punisher) oder Dave Gibbons (Watchmen, Give me Liberty). Der Band beinhaltet die ersten vier der auf zwölf Hefte angelegten Reihe. Wie so oft bei Alan Moore wird nach jedem Heft der Comicpart um einen Prosateil ergänzt. Hier fasst Robert Black in Tagebucheinträgen das Geschehene zusammen, schreibt seine Gedanken und Gefühle dazu nieder und transportiert so weitere und tiefer gehende Informationen an den Leser. Auch Auszüge aus diversen Pamphleten und Kirchenblättern finden wir hier, die ebenfalls den Zweck haben, das zuvor Erlebte zu vertiefen. Und wie auch bei „Neonomicon“ erscheint „Providence“ in einer auf nur 222 Stück limitierten Hardcover-Sammler-Auflage, die allerdings – wen wundert’s – bereits verlagsvergriffen ist. Band 2 ist in Vorbereitung und soll Ende Juli erscheinen. (bw)

Providence, Band 1
Text: Alan Moore
Bilder: Jacen Burrows
176 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
19,99 Euro

ISBN: 978-3-95798-571-2

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