Sherlock Frankenstein (Splitter) | Comicleser

Sherlock Frankenstein (Splitter)

Oktober 15, 2018

Lucy Weber will nicht aufgeben. Sie kann nicht akzeptieren, dass vor zehn Jahren ihr Vater – seines Zeichens der Superheld Black Hammer – im Kampf gegen den mächtigen Anti-Gott zwar seine Stadt Spiral City rettete, aber mitsamt seinen Kampfgefährten spurlos verschwand. Ihre Mutter hat ihr verboten, über ihren Vater zu reden, die Vergangenheit sollte eigentlich ruhen, aber Lucy verdingt sich als Reporterin und geht auf Spurensuche. In Gestalt von Black Hammers altem Bekannten James Robinson, der als Doktor Star dereinst selbst Heldentaten vollbrachte, naht der erste Schritt zur Wahrheit. Robinson, der die kleine Lucy noch aus Kindertagen kennt, steckt ihr einen Zettel mit einer Adresse zu, mitsamt einem Schlüssel und einem Hammer-Symbol. Lucy macht sich auf den Weg und gerät geradewegs in eine erstaunliche Entdeckung: sie steht inmitten der Hall Of Hammer, dem geheimen Rückzugsort ihres Vaters, wo der Technik, Trophäen und auch eine posthume Botschaft an seine Tochter versteckt hat.

In einem gewaltigen Hologramm teilt er ihr mit, dass er wohl tot sein müsse, wenn sie diese Nachricht erhält – sie solle ihn einfach so vergessen und mit ihrem Leben weitermachen. Lucy denkt nicht im Traum daran, sich an diese Weisung zu halten, sondern nimmt die Fährte da auf, wo sie am vielversprechendsten ist: nachdem alle Heldengefährten Hammers mit ihm verschwunden sind, heftet Lucy sich mit Hilfe von Hammers alten Akten an Fersen seiner Feinde, allen voran Sherlock Frankenstein, mit dem Hammer kurz vor seinem Fortgang noch Kontakt hatte. Die Spur führt ins Sanatorium für forensische Psychiatrie, wo unter der Leitung des geflügelten Doktor Wing die Superschurken eingebuchtet sind und wo sich auch Sherlock zuletzt aufhielt. Unter der Führung des Wärters Concretestador sucht Lucy als erstes Eugene Tremblay alias Mectoplasm auf – ein gewaltiges, halbmechanisches Wasserwesen, das Frankenstein einst aus einem kleinen Jungen schuf.

Der gute Eugene kann Lucy nur sagen, dass er Frankenstein zuletzt kurz vor dem Kampf gegen Anti-Gott sah – weshalb sie sich im nächsten Schritt an Louis Kaminski wendet. Der ehemalige Klempner wurde einst von dem grimmen Vieldimensionalen in der Kanalisation als sein Stellvertreter rekrutiert, worauf Kaminski als Cthu-Lou tentakelbewehrt auf Raubzug ging und von Black Hammer dingfest gemacht wurde. Kaminski, der mittlerweile friedlich zu Hause unter der Fuchtel seiner Frau lebt, berichtet Lucy, dass Sherlock Frankenstein alle Schurken um sich versammelte, als Anti-Gott angriff – was er wiederum von Metal Minotaur weiß. Als Lucy dieses nächste Stückchen des Puzzles zusammenfügt, erfährt sie Erstaunliches: die Dame, die in der Rüstung des Minotaur steckte, beschwört, dass Sherlock Frankenstein seinerzeit keinesfalls die Gunst der Stunde zum finalen Schlag nutzte, sondern eher den Helden zu Hilfe eilen wollte…

Als ob das furiose Universum von Black Hammer und seinen Gefährten, die seit dem Kampf gegen Anti-Gott in einer Paralleldimension festsitzen und sich mehr schlecht als recht in ihr Schicksal fügen, nicht schon faszinierend genug wäre: Jeff Lemire fügt mit diesem Spin Off ein ganzes Kaleidoskop bizarrer Charaktere hinzu, die in der Hauptstoryline entweder ganz am Rande oder gar nicht erwähnt werden. Der Kunstgriff, den Fokus hier auf die (vermeintlichen) Superschurken zu legen, gelingt famos: Hommage und Dekonstruktion gleichermaßen, so entwickelt Lemire seine Varianten der gängigen Typologien des DC- und Marvel-Universums. Von der Hall of Hammer, unschwer als Bathöhle zu erkennen, geht es weiter ins Arkham Asylum von Spiral City, in der ein ehemaliger Superheld das Regime führt, der ein kaum kaschiertes Zerrbild des Gerechtigkeitsliga-Recken Hawkman abliefert.

Besonders fein wirkt dann auch der Twist, dass die Schurken entweder im Grunde verschüchterte Kinder (Mectoplasm), häusliche Pantoffelhelden (die wunderbare Lovecraft-Parodie Cthu-Lou) oder verletzliche Damen sind (Miss Parker wurde von ihrer eigenen Metal Minotaur-Rüstung schwer verletzt und musste von Sherlock gerettet werden). Auch dass die Nemesis Sherlock Frankenstein ganz andere Dinge im Schilde führt als eigentlich gedacht, verleiht dieser bunten Achterbahnfahrt, in der in bester DC-Tradition in jeder Ausgabe ein anderer Charakter im Mittelpunkt steht, besonderen Schmiss. Optisch leicht stilisiert-cartoonhaft, aber jederzeit mitreißend umgesetzt von David Rubin, liefert dieser Sammelband, der die US-Hefte „Sherlock Frankenstein and the Legion of Evil“ ergänzt um Black Hammer 12 als feines Hardcover auflegt, eine hervorragende Ergänzung zum faszinierenden Heldenkanon nach ganz eigenem Lemire-Rezept. (hb)

Black Hammer: Sherlock Frankenstein und die Legion des Teufels
Text: Jeff Lemire
Bilder: David Rubin
152 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
19,80 Euro

ISBN: 978-3-96219-083-5

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