Batman: Niemandsland, Band 1 (Panini) | Comicleser

Batman: Niemandsland, Band 1 (Panini)

August 17, 2017

Gotham City. Das hieß ja schon immer Goddamned City. Aber ein solcher Höllenschlund war die Stadt nicht einmal in Bob Kanes finstersten Träumen. Erst geschunden von einem Virus, dann erschüttert von einem gewaltigen Erdbeben, versinkt Gotham im Chaos. Bruce Wayne reist nach Washington, um dort die Hilfe der Regierung zu erbitten – aber das Gegenteil passiert: nach einer kurzen Übergangsphase, in der alles, was irgendwie kann, flieht, wird die Stadt abgeriegelt und zum Sperrgebiet erklärt, das nicht mehr zu den USA gehört. Niemand darf hinein, niemand darf hinaus, der Fluss wird vermint, die Kommunikation bricht zusammen. Die wenigen, die zurückbleiben, sehen sich mit einem brutalen Überlebenskampf konfrontiert: die Gangs teilen die Stadt unter sich auf, Munition und Taschenlampen sind bald wertvoller als Nahrung. Und dann sind da noch die Psychopathen aus Arkham Asylum, die frei herumlaufen und ihr ganz eigenes Süppchen kochen.

Batman ist verschwunden, für immer – davon ist zumindest Polizeichef Gordon überzeugt, der wild entschlossen ist, mit den Resten der Polizeitruppen zumindest einige Bezirke zu schützen. Dafür beginnt er ein gefährliches Spiel: er hetzt die verfeindeten LoBoyz und Demons zu einem Bandenkrieg gegeneinander auf. Immer wieder taucht dabei aber eine finstere Fledermausgestalt auf, die Angst und Schrecken verbreitet – und offenbar eine Dame ist. Gordons Plan geht auf, die „Blue Boys“, das Gotham Police Department, erobert Old Gotham und als alte Hauptquartier zurück, auch wenn dabei der eine oder andere Cop sich dabei als Richter und Henker in einem gebärdet. Einstweilen kehrt auch Bruce Wayne nach Hause zurück, infiltriert die Bande des Bauchredners, der offenbar über jede Menge Waffen verfügt, und muss feststellen, dass die Befreiten gar nicht mehr anders können, als atavistischen Ritualen zu folgen: er wird ihr Anführer und nimmt ihren Tribut entgegen.

Gleichzeitig versuchen auch andere Helfer, Gutes zu tun: Pater Christian unterhält in einer zerfallenen Kirche ein Asyl für Flüchtlinge, wo sich die Ärmsten der Armen sammeln. Selbst ein Irrer wie Scarecrow ist dem Pater willkommen, auch wenn Huntress ihn eindringlich warnt. Bald beginnt die Vogelscheuche ein perfides Spiel: er weiß, wo Pater Christian die dringend benötigte Nahrung herbekommt. Der Pinguin scheint eine Verbindung in die Außenwelt zu haben und bietet Christian ein Tauschgeschäft: Essen und Vorräte gegen ein Verstreck für sein Waffenarsenal. Christian lässt sich auf den teuflischen Deal ein und versteckt die Waffen im Keller der Kirche – worauf Scarecrow der Gang von Black Mask einen gut platzierten Tipp gibt. Und so entsteht eine brandgefährliche Belagerung, in der die Truppen des Pinguins und Black Mask den verirrten Schäflein von Pater Christian und Huntress gegenüberstehen – und in der dann auch Batman und Gordon aufeinander treffen…

Großevents, die sich über etliche Serien ziehen, tendieren ja oft zur Sperrigkeit: gerne werden intergalaktische Bedrohungen bemüht, natürlich ist „nichts mehr wie es vorher war“, und der handelsübliche Leser schafft es kaum, wirklich alle Einzelepisoden zu erwischen. Dass wir die „Niemandsland“-Storyline nun in einem wahrlich epischen Ziegelformat (300 Seiten, zwölf Hefte, im Original erschienen ab März 1999) erstmals komplett und kompakt verfolgen können (im seligen Dino-Verlag erschienen seinerzeit nicht alle Serien – immerhin zog sich die Saga durch „Batman“, „Detective Comics“, „Shadow Of The Bat“, „Azrael: Agent Of The Bat“ und „Legends Of The Dark Knight“), ist somit aus mehreren Gründen erfreulich. Erstens haben wir nun die Chance, alle Facetten zu erleben – und zweitens liefert „Niemandsland“ eine lobenswerte Ausnahme im Mega-Event-Kanon: eine packende, düstere und vor allem weitgehend plausible Prämisse, die konsequent umgesetzt wird.

Die Hardcover-Variante: 333 Stück, je 32 €

Escape from Gotham, so nimmt es sich bisweilen aus, „Die Klapperschlange“ meets Batman: ausgelöst durch eine Naturkatastrophe und politische Indifferenz, die heutzutage wahrscheinlicher denn je scheint, entsteht eine Welt ohne Regeln, ein Urzustand, in dem Batman sich Ruf und Respekt zurückkämpfen muss. Und das vollkommen ohne technische Spielereien, auf die er sich, wie er das selbst erkennt, viel zu sehr verlassen hat – die Bathöhle ist zerstört, er schlägt ein neues, improvisiertes Lager auf, direkt unter Arkham. Barbara Gordon, einst das allwissende Orakel, kann ihm nicht weiterhelfen: sie ist eine High-Tech-Expertin im Steinzeitalter. Seine Wegbegleiter Robin und Nightwing hat Bruce Wayne weggeschickt, allzu gefährlich schien ihm die Lage. Der alte Gefährte Jim Gordon ist voller Wut, Enttäuschung und Misstrauen ihm gegenüber, zu lange bleibt er nach dem Beben verschwunden. Die Beziehung zu Huntress bleibt angespannt, das neue Batgirl muss sich noch beweisen – so bleibt ihm nur der gute alte Alfred, auf den er sich blind verlassen kann. Dabei erkennt er, dass die neue Welt neue, alte Regeln braucht, eine Sprache, die er sprechen muss: er instrumentalisiert die Gangs als seine Helfer, anstelle Batsignal markiert er die befreiten Gebiete wie alle anderen auch mit Sprühdosen.

Die Menschheit regrettiert einstweilen in alte Verhaltensmuster, die die Zivilisation und die pulsierende Großstadt erfolgreich kaschiert: Menschen mit handwerklichen Fertigkeiten sind gefragt, Geld ist vollkommen wertlos, es regiert das Recht des Stärkeren. Und dennoch kämpft sich Batman langsam vor, verhindert Schlimmeres – und wird langsam wieder zu der Figur, die Verbrechern Angst einflößt und dem Rest Hoffnung schenkt. Immer noch schmissig zu lesen, von Bob Gale und Devin Grayson atemlos erzählt, wobei vor allem der abgründige Scarecrow-Plot fasziniert – einzig die eingestreuten Azrael-Episoden aus der Feder von Dennis O’Neil wirken ein wenig unpassend, auch wenn sie dazu dienen, den Fiesling Nick Scratch nach Gotham zu bringen. Nicht umsonst ließ sich Christopher Nolan bei einigen zentralen Elementen seines brillanten dritten Batman-Films „The Dark Knight Rises“ von „Niemandsland“ inspirieren (ein Erdbeben zerstört die Stadt, die von der Außenwelt abgeschnitten im Chaos versinkt). Auch nach all den Jahren immer noch mehr als einen Blick wert, hier zu einem fairen Preis zu haben – und mit vielen deutschen Erstveröffentlichungen. Wer auch die Vorgeschichte studieren möchte, der greift zu den ebenso voluminösen Bänden „Auf dem Weg ins Niemandsland“ 1 und 2. (hb)

Batman: Niemandsland, Band 1
Text: Dennis O‘Neil, Bob Gale, Devin Grayson
Bilder: Alex Maleev, Roger Robinson, Dale Eaglesham
300 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
26,99 Euro

ISBN: 978-3-7416-0481-2

Tags: , , , , , , , , , ,

Comments are closed.