Venedig (Carlsen) | Comicleser

Venedig (Carlsen)

May 12, 2017

Venedig. Ein Mann, ein Japaner, streift scheinbar ziellos durch die Lagunenstadt. Aber er ist nicht als Tourist hier. Und sein Aufenthalt dient auch keinem Urlaub. Eher der Neugier. Denn im Nachlass seiner jüngst verstorbenen Mutter fand er handgemalte Postkarten und alte Fotos mit Motiven aus Venedig. Die Postkarten hat sein Großvater gemalt, der hier einst lebte und den der Mann – warum, wissen wir nicht – nie kennenlernte. Die Fotos zeigen den Großvater gemeinsam mit der Großmutter und der Mutter, die damals noch ein kleines Kind war. So begibt sich unser namenloser Mann auf die Spuren seines unbekannten Vorfahren, von dem er nur den Namen weiß. Auf seinen Streifzügen entdeckt er nicht nur in einer Kneipe ein Gemälde des Großvaters, sondern kurz darauf auch dessen ehemalige Wohnung, die damals vor Jahrzehnten auch dessen Atelier beherbergte. Doch warum lebte er einst hier, während Frau und Tochter im fernen Japan blieben und ihn nur einmal besuchten?

Im Auftrag der Luxusmarke Louis Vuitton schuf Jiro Taniguchi dieses sogenannte Travel Book. In der Reihe der Travel Books, die im Original über die Webseite des Konzerns vertrieben werden oder in dessen Geschäften erhältlich sind (dann als stylishe Hardcover für 45 € oder als limitierte Ausgabe mit Druck standesgemäß für schlappe 2000 €), behandeln bekannte Comiczeichner aus aller Welt bestimmte Reise- oder Sehnsuchtsziele. Das können Metropolen wie Paris oder London sein, oder Länder wie Vietnam – ein Travel Book, das beispielsweise von Lorenzo Mattotti illustriert wurde. Schön, dass Carlsen den Taniguchi-Band nun in einer kostengünstigeren Softcover-Ausgabe der breiten Leserschaft zugänglich machen kann und darf. Denn neue Werke des in Europa extrem geschätzten Mangakas, der ja auch ein Buch über den Louvre zeichnete („Die Wächter des Louvre“, ebenfalls bei Carlsen erschienen und ebenfalls in Farbe) und der in Angoulême preisgekrönt wurde, wird es nicht mehr geben. Taniguchi verstarb am 11. Februar diesen Jahres viel zu früh im Alter von 69 Jahren (HIER ein Einblick in einige seiner Werke).

Die Standard-Ausgabe von Louis Vuitton

Hier sehen wir noch einmal den anonym bleibenden „Spazierenden Mann“, der auch durch den Louvre schritt. Wir bekommen einen kleinen, beinahe flüchtigen Einblick in seine Geschichte. Wir entdecken mit ihm und durch seine Augen Venedig, werden auf der Suche nach Spuren seines Großvaters an etliche Sehenswürdigkeiten, aber auch an weniger belebte (und bekannte) Orte der Lagunenstadt geführt (welche im Anhang für den interessierten Betrachter benannt werden). Die sind dabei angenehm menschenleer – die allgegenwärtige Touristenschwemme spart Taniguchi aus und konzentriert sich auf die erhabenen Bauten und Ansichten, welche, das große Querformat eindrucksvoll ausnutzend, opulent in sanften Pastellfarben in ungeheurem Realismus und Detailreichtum präsentiert werden. Das kann in Panelfolgen sein, in ganzseitigen oder gar doppelseitigen Prachtpanoramen. Oder in kleinen, feinen Details, die einfach nur Statuen oder Fußboden-Mosaike einfangen.

So verliert sich der Leser, wie auch der Protagonist, in der Schönheit der Lagunenstadt, in einer fast melancholischen Stimmung, die die späteren, ruhigen und elegischen Werke Taniguchis so sehr prägt. Sprechblasen gibt es dabei keine. Nur ab und an trägt ein Fließtext die Geschichte weiter. Nicht störend, eher fast entschuldigend, als dezenter Hinweis, dass es angesichts der wunderbaren Bilder auch etwas zu erzählen gibt. Noch einmal sehen wir Taniguchi als beinahe aus der Zeit gefallenen Entschleuniger, als begnadeten Zeichner und Beobachter. (bw)

Venedig
Text & Bilder: Jiro Taniguchi
140 Seiten in Farbe, Softcover, Querformat
Carlsen Verlag
29,90 Euro

ISBN: 978-3-551-74419-7

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