Ihr Name war Tomoji (Carlsen) | Comicleser

Ihr Name war Tomoji (Carlsen)

Juli 4, 2016

Ihr Name war Tomoji (Carlsen)

Japan im Jahr 1925: im kleinen Dorf Atsutama lebt die 13jährige Tomoji Uchida bei ihren Großeltern. Der junge Fumiaki Ito kommt aus der Stadt mit dem Auftrag, Oma Kin Uchida zu fotografieren. Weil er das durchaus gut hinbekommt, soll er auch gleich die kleine Tomoji ablichten, verfehlt sie aber knapp. Rückblende ins Jahr: 1912 Tomoji erblickt das Licht der Welt, zur Feier entsteht alsbald ein Familienfoto. Der Vater Yoshihira, der aus erster Ehe schon den Sohn Toyo mitgebracht hat, kümmert sich liebevoll um seine Familie, bis er 1915 an einer Bilddarmentzündung stirbt. Mutter Uchida sieht keine andere Wahl, als ihre Kinder bei den Großeltern zurückzulassen und in einer Seidenspinnerei ein kärgliches Auskommen zu fristen. Toyo versucht, das Beste aus der Situation zu machen, Tomoji kommt in die Schule und hilft abends im Laden der Großeltern aus, aber vor allem die kleine Schwester Masaji leidet unter der Trennung von der Mutter. Das Kind erkrankt schwer und stirbt letztendlich – die Mutter bekommt das Telegramm, in dem man sie zu Hilfe ruft, zu spät und kann nur noch ihre tote Tochter in den Armen halten. 1923 – Tokyo wird von einem Erdbeben der Stärke 7,9 erschüttert. Fumiaki, der seit kurzem in der Stadt beim Telegrafenamt arbeitet, muss fliehen, lässt sich aber nicht unterkriegen.

1924 lernt er Englisch und erfüllt sich damit einen Traum, während Tomoji die Grundschule abschließt. Auf Drängen ihres Bruders Toyo besucht sie eine weiterführende Schule, auch wenn sie dafür Tag für Tag drei Kilometer zu Fuß gehen muss und nicht mehr im Laden aushelfen kann. 1930 wird Oma Kin bettlägerig und stirbt kurz darauf; unter großer Anteilnahme der Mitmenschen, denen sie geholfen hat, wird sie beerdigt. Nachdem Toyo heiratet, geht Tomoji 1931 in die Schneiderschule nach Kofu. Weil sie kein Geld für Miete oder Schulgeld hat, muss sie Dienstbotenarbeiten verrichten und schwer schuften. 1932 kehrt sie auf Einladung ihres Bruders zum Neujahrsfest nach Hause zurück. Ihre Tante eröffnet ihr, dass sie einen passenden Bräutigam für sie gefunden habe: mit niemand anderem als mit Fumiaki will man sie verheiraten, der sich praktischerweise auch für Neujahr im Dorf aufhält. Man besucht sich, tauscht Briefe aus, und als Fumiaki tatsächlich um ihre Hand anhält, sagt Tomoji sofort zu. Fumiaki holt sie aus der Schneiderschule ab, und nach einer Feier im engsten Kreise ziehen sie eine bescheidene kleine Wohnung in Tachikawa – wo Tomoji erstmals seit dem Tod ihres Vaters wieder glücklich ist und den Entschluss fasst, die Familie zu gründen, die sie sich immer wünschte, und Menschen zu helfen wie ihre Großmutter es tat.

Jiro Taniguchi legt mit „Ihr Name war Tomoji“ eine höchst individuelle Biografie einer einflussreichen geistlichen Führerin Japans vor, die in den 30er Jahren den buddhistischen Shojushin-Tempel in Tachikawa gründete und ihren Mann Fumiako Ito, später bekannt als Shinjo Ito, auf dem Weg zu einem der wichtigsten Buddhisten des Landes begleitete. Das Sujet suchte sich hier seinen Autor: die Betreiber eines buddhistischen Tempels bei Tokyo, den Taniguchis Ehefrau fleißig besucht, kamen mit der Bitte auf Taniguchi zu, für ihre Vierteljahresschrift doch einen Beitrag über die Gründerin Tomoji zu liefern. Als renommierter Mangaka, der ja auch schon mit „Die Wächter des Louvre“ ein ähnliches Projekt umgesetzt hatte, ließ sich Taniguchi nicht lange bitten. Allerdings nur unter der Bedingung, dass er keine platte Nacherzählung der in Japan sattsam bekannten Lebensgeschichte Tomojis oder der Geschichte des Tempels liefern würde, sondern eine betont fiktive Biografie, die bewusst die Jugendzeit der späteren Geistlichen vor der buddhistischen Phase schildern sollte. Gemeinsam mit der Szenaristin Miwako Ogihara entstand somit ein eindrucksvolles Panorama des Japans Anfang des 20. Jahrhunderts, mit einer unbeugsamen jungen Frau im Mittelpunkt – was Taniguchi bislang nur einmal bei „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ so gehalten hatte.

Tomojis Lebensweg steht dabei typisch für die damalige Zeit: das karge, ärmliche Dasein beschreibt Taniguchi als archetypische Lebensweise der Epoche, die er in akribischer Detailfreude ausbreitet. Die Figuren und auch ihr Kontext entwickeln sich dabei im chronologischen Verlauf: wie sich Tomojis Charakter herausformt, entwickelt sich auch ihr Körper, wir erleben stets passende Hintergründe und Requisiten. Taniguchi arbeitet dabei mit Leitmotiven wie etwa historisch verbürgten Kinderliedern, panoramahaften Landschaftsbildern, konkret vermerkten Zeitabfolgen sowie dem zu Beginn angefertigten Familienfoto, das sich in unterschiedlichen Ausschnitten durch die Erzählung zieht.
Jede Episode beginnt in Farbe und läutet damit eine neue Epoche ein; ansonsten dominiert ein klarer, detailreicher Bleistift-Strich, der sich dem klaren, ruhigen Erzählfluss wunderbar unterordnet. Mit dieser zurückhaltenden Darstellung einer erwachenden Liebe in einem sparsamen, fast schon minimalistischen Stil geht Taniguchi deutlich weg von seinen früheren Action-Mangas und liefert wie schon in „Der Kartograph“ ein wundervolles, höchst persönliches Zeitbild eines längst vergangenen und für westliche Leser wenig bekannten Kapitels der japanischen Geschichte. Bedächtig, leise, eindrucksvoll. (hb)

Ihr Name war Tomoji
Text: Miwako Ogihara, Jiro Taniguchi
Bilder: Jiro Taniguchi
192 Seiten in Farbe, Softcover
Carlsen Verlag
16,90 Euro

ISBN: 978-3-551-76104-0

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