Der Krieg der Welten (Egmont) | Comicleser

Der Krieg der Welten (Egmont)

February 13, 2017

Mars Attacks! Nein, nicht die spaßige Tim Burton-Persiflage haben wir hier vor uns, sondern das honorige Original, schlichtweg den Prototypen also jeder „Invasion der Außerirdischen“-Geschichte: mit seinem „War Of The Worlds“ erfand H.G. Wells, der 1895 schon mit der „Time Machine“ einen Klassiker der utopischen Literatur geliefert hatte, im Jahr 1898 endgültig die moderne Science Fiction. Im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts sieht sich dabei der Philosoph Robert mit nichts anderem konfrontiert als dem Ende der Zivilisation. In einer brütend heißen Sommernacht beobachtet er mit den Astronomen Ogilvy zahlreiche Explosionen auf dem Mars, der gerade in nächster Nähe zur Erde steht. Einige Tage später schlagen seltsame Zylinder in den Landstrichen nahe London ein, die neugierig betrachtet werden – bis ein alles zerstörender Hitzstrahl die Umgebung in Schutt und Asche legt und fast alle Umstehenden tötet, darunter auch Ogilvy.

Robert, der seine Frau Emma nach Leatherhead in Sicherheit bringt, beginnt eine halsbrecherische Flucht, immer entlang der Schneise der Verwüstung, die die Marsianer ziehen: in ihren dreibeinigen Kampfmaschinen bringen sie Tod und Zerstörung, verwandeln London in ein Trümmermeer, versenken das anstürmende Kanonenboot „Thunder Child“ an der Küste und lösen einen Massenexodus aus der Metropole aus, bei dem sich auch Roberts Bruder Henry durchschlägt, der auf dem Weg die junge Miss Elphinstone trifft und sie handgreiflich verteidigt. Getrieben von dem Wunsch, zu seiner Frau zurückzukehren, durchstreift Robert das öde Land und trifft dabei auf allerlei wunderliche Gestalten: so etwa einen Kuraten, mit dem er sich tagelang in einem Haus versteckt und den Marsianern nur um Haaresbreite entrinnt, und einen Artilleristen, der ihm seine phantastische Vision von einem Rückzug der geschlagenen Menschheit unter die Erde berichtet. Vollkommen demoralisiert kehrt Robert schließlich ins zerstörte London zurück und beschließt, seinem Leben ein Ende zu machen…

Mit seinem epochemachenden Werk lieferte der Schöpfer des modernen Zukunftsromans H.G. Wells wie gewohnt nur an der Oberfläche eine spannende, actiongeladene utopische Erzählung, die mit Kampfmaschinen und Hitzstrahlen (heute würde man das wohl Laser nennen) durchaus technische Weitsicht zeigt. Wie schon in der „Zeitmaschine“ ging es dem Sozialisten Wells vielmehr um die Darstellung gesellschaftlicher und menschlicher Züge und Verhaltensweisen in pointierter Form. In der geteilten künftigen Welt der Zeitmaschine, in der die dekadenten Eloi von den unterirdisch schuftenden Morlocks dezimiert werden, steckt eine kaum kaschierte Fortschreibung der sozialen Teilung, wie sie Wells in seiner Gegenwart des industrialisierten England tagtäglich erlebte. Im „Invisible Man“ bietet die Idee des Unsichtbarkeitsserums nur den erzählerischen Aufhänger für eine psychopathologische Darstellung der Gewalttätigkeit, die unbegrenzte Macht (symbolisiert in den unsichtbaren und somit ungesühnt bleibenden Taten) unweigerlich auslöst – absolute power corrupts absolutely.

In seiner Geschichte des Weltenkriegs schließlich führt Wells unerbittlich vor, wie schnell sich in einer Extremsituation die dünne Hülle der Zivilisation auflöst und wieder das Recht des Stärkeren herrscht (hier insbesondere in den Attacken, die Peters Bruder Henry per Revolver abwehrt – ein Aspekt, den vor allem die Spielberg-Verfilmung des Stoffs akzentuiert herausarbeitet). Vollkommen eindeutig für seine Zeitgenossen kehrt Wells zudem ein weltpolitisches Thema auf den Kopf: während seine Landsleute wie Rudyard Kipling noch das hohe Lied des segensreichen englischen Empires sangen, konfrontierte Wells seine Leser mit einer schreckenerregend realen Vision der Opfer eben jenes Kolonialismus. Gnadenlos wie die britischen Herrscher fallen die Marsianer über die Erdlinge her und machen sich ihre Heimat untertan, zu keinem anderen Zweck als radikaler Ausbeutung, die den eigentlich rechtmäßigen Bewohnern buchstäblich das Blut aussaugt. Dass die Marsianer schließlich – Spoiler ahead, aber das gehört zur Allgemeinbildung – an ganz banalen Bakterien und Viren sterben, gegen die die Menschheit längst immun ist (was Roland Emmerich in seiner knallbunten Version des Stoffs „Independence Day“ augenzwinkernd zu einem Computervirus werden lässt), das spiegelt folgerichtig das Schicksal, das die britischen Invasoren in den Dependancen in Übersee zuhauf erlitten.

Diese Geschichte, deren mediale Adaptionen ihrerseits zu Klassikern ihres Genres wurden – 1938 erschreckte ein gewisser Orson Welles damit eine ganze Generation von Radiohörern, 1953 fügte Produzent George Pal eine Kinoversion im typischen 50er-Jahre-Paranoia-Stil hinzu, und auch die musikalische Fassung von Jeff Wayne aus dem Jahr 1978 hat ihre Reize – wurde bereits mehrfach auch als Comic vorgelegt, nicht zuletzt in Band 2 der „League Of Extraordinary Gentlemen“, in der Alan Moore und Kevin O’Neill ihre literarischen Helden direkt in den Krieg der Welten hineinversetzen. Thilo Krapp (der vom Stoff verfolgt wird, seit er als Kind einer Wiederaufführung des Welles-Hörspiels lauschte) bietet in seiner Version eine sehr eng an der Romanvorlage gehaltene Fassung, die alle zentralen Handlungselemente (Landung der Zylinder, erste Attacken, die Zerstörung Londons, der Kampf der „Thunder Child“, Flucht Roberts und seine Zusammentreffen mit den verschiedenen kuriosen Gestalten) aufnimmt und Dialoge und Erzählerkommentare weitgehend wörtlich von Wells überträgt.

Zum echten Genuss wird diese Graphic Novel aber insbesondere durch ihre nur noch liebevoll zu bezeichnende Gestaltung: Krapp erschafft eine glaubhafte viktorianische Welt, durchgängig in atmosphärischen monochromen Bildern, in denen Details wie Architektur und Ausstattung punktgenau und stilecht erscheinen. Um dieses zeitgenössische Flair zu gewährleisten, durchreiste Krapp Südengland und fertigte Skizzen von Fassaden, Türen, Fenstern und Einrichtungsgegenständen an (die dort seit dem 19. Jahrhundert ja weitgehend unverändert sind, was jeder Leidgeprüfte weiß, der jemals in einem englischen Haus wohnen musste); zusätzlich stützte er sich auf Illustrationen der Einrichtungs- und Kunst-Zeitschrift „The Studio“, die zur Entstehungszeit des Romans in gutbürgerlichen Kreisen beliebt war und somit als repräsentativer Spiegel des zeitgenössischen Geschmacks dienen konnte.

Abgerundet von großformatigen, teilweise symbolisch überhöhten Zeichnungen, entsteht somit der Eindruck einer reich bebilderten zeitgenössischen Romanausgabe, wie sie bei Autoren wie Wells oder auch Jules Verne an der populären Tagesordnung waren. Im hochwertigen Hardcover-Format, mit jugendstilhaften Verzierungen und einem Skizzenbuch als Anhang, muss man diese Graphic Novel jedem Freund der phantastischen Literatur wärmstens ans utopische Herz legen. (hb)

Der Krieg der Welten
Text & Bilder: Thilo Krapp, nach H.G. Wells
144 Seiten in schwarz-weiß, Hardcover
Egmont Graphic Novel
28 Euro

ISBN: 978-3-7704-5522-5

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