Sam Zabel in: Der König des Mars (Egmont) | Comicleser

Sam Zabel in: Der König des Mars (Egmont)

Januar 26, 2015

 

HatteSam Zabel in: Der König des Mars (Egmont) man sich das als Kind nicht schon immer gewünscht: wie Alice in ein Wunderland, in die eigene Fantasiewelt eintauchen und dort unbeschwert und gefahrlos die heikelsten Abenteuer bestehen? Egal, ob sie kindlicher oder erwachsender Natur sind? Eine Welt, in der Logik außer Kraft gesetzt und alles, wirklich alles möglich ist? Dylan Horrocks muss Comics lieben und er hat genau diese Phantasie in einer großartigen wie grenzenlosen Graphic Novel umgesetzt:

Eigentlich ist Sam Zabel ein neuseeländischer Comiczeichner, bekannt durch ein Magazin namens Pickle. Doch seit sechs Jahren schon geht nix mehr. Zeichenblockade. Die Angst vor dem leeren Blatt. Um sich über Wasser zu halten schreibt er – mehr schlecht als recht – Lady Night, eine leidlich erfolgreiche US-Superhelden-Serie. Eines Tages wird er überraschend zu einer Literatur-Konferenz nach Christchurch eingeladen. Dort begegnet er der jungen Comic-Enthusiastin Alice und lernt durch sie einen alten neuseeländischen SF-Comic von 1959 kennen: Der König des Mars, geschrieben und gezeichnet von Evan Rice. Als Sam versehentlich in das ihm unbekannte Heft niest, findet er sich plötzlich inmitten der Handlung des Comics wieder, sprich: auf dem Mars. Jetzt beginnt sein großes Abenteuer. Er trifft das Manga-Mädchen Miki, das ihn mit ihren Raketen-Boots hinein in die Marsschluchten bugsiert. Dort bei den Marsianern wird Sam sogleich als zeichnender Gottkönig verehrt und darf sich mit seinem Harem, das aus zahlreichen grünhäutigen Venusianerinnen besteht, vergnügen.

Doch nicht er ist der erwartete Gottkönig – sondern Evan Rice, denn der hat den Comic, in dem sich Sam befindet, ja schließlich gezeichnet. Also ab zu Evan – mit dem gleichen Trick: einmal auf die betreffende Seite pusten – und mit ihm dann zu seinem Harem, in seinem Comic, auf dem Mars. Jetzt erfährt Sam auch das Geheimnis hinter dem Comic: Evan hat ihn mit der magischen Feder gezeichnet. Die wird von Zeichner zu Zeichner weiter gegeben und alle Comics, die damit entstanden, kann man den Lebensatem einhauchen und dann darin eigene Abenteuer erleben. Sie sind wie Der König des Mars „frei begehbar“. Aber Sam zieht es nach Hause, in die echte Welt. Doch nur kurz. Schon bald will er zurück in die Phantasie-Welten/Comics der magischen Feder. Er trifft dort neben Evan auch Alice, die inzwischen Königin der auf der Venus ist. Gemeinsam bereisen sie zahlreiche Comics, werden Seeräuber oder Superhelden. Bis Sam und Miki in einem Manga auf Mikis Nemesis treffen. Am Ende begegnet Sam der ursprünglichen Lady Night und die magische Feder wechselt wieder den Besitzer.

New Zealand Comics and Graphic Novels

Herausgeber: Dylan Horrocks

Dylan Horrocks, der auf seinen Held Sam Zabel starke autobiographische Züge projiziert (Horrocks zeichnete ein Fanzine namens Pickle, er arbeitete als Autor für den US-Markt), gehört zu dem kleinen Völkchen neuseeländischer Comiczeichner, von denen eigentlich nur Colin Wilson so richtig bekannt ist. Den Älteren durch seine Arbeit an Blueberry, den Jüngeren durch seine Star Wars Comics. Aber anders als Wilson, der seine Heimat schon lange verlassen hat, lebt Horrocks noch immer dort, in der Nähe der Metropole Auckland. Bekannt wurde er durch seine außergewöhnliche Graphic Novel Hicksville (dt. bei Reprodukt), die in den Neunzigern gezeichnet wurde und bei uns erst 2012 anlässlich der Frankfurter Buchmesse erschien, wo Neuseeland als Ehrengast fungierte. Gemeinsam mit seinen Landsleuten Colin Wilson, Roger Langridge (Die Muppet Show, Thor: Der mächtige Rächer – dt. bei Ehapa & Panini), Greg Broadmore (Dr. Grordbort – dt. bei Cross Cult) und Ben Stenbeck (B.U.A.P.: Der ektoplasmische Mann – dt. bei Cross Cult) war Horrocks auch hier zu Gast und signierte. Aber Horrocks lebt nicht nur noch in Neuseeland, er beschäftigt sich auch mit der dortigen Comic-Geschichte, mit der alten und der neuen. Seine Anthologie New Zealand Comics And Graphic Novels (die man auf hicksvillepress.com kostenlos herunterladen kann) stellt zahlreiche (darunter auch alle oben genannten) Zeichner und Autoren vor, die sich in dem entlegenen Land mit dem Medium befassen.

Kiwis auf der Buchmesse: Roger Langridge, Greg Broadmore, Dylan Horrocks, Colin Wilson (v.l.n.r.)

Kiwis auf der Buchmesse: Roger Langridge, Greg Broadmore, Dylan Horrocks, Colin Wilson (v.l.n.r.)

In seiner zweiten großen Graphic Novel, die im Original viel treffender Sam Zabel And The Magic Pen heißt, greift Horrocks einen der Charaktere aus Hicksville wieder auf: Sam Zabel berichtete dort u.a. von seinem ernüchternden Versuch, im amerikanischen Comic-Markt Fuß zu fassen. Und auch im König des Mars wird dieser kritisiert, indem beispielhaft die Geschichte der Lady Night (die auch in Hicksville schon in Erscheinung trat) von einer edlen, mysteriösen, zurückhaltenden Heldin zur plumpen Sexbombe thematisiert wird („Männer wollen mich“). Wie schon in Hicksville spielt Horrocks geschickt mit dem Medium. Der Comic im Comic kommt auch hier wieder zum Zug – die Story um den Raumfahrer Errol Rose (von der neuseeländischen Raumpatrouille!) bringt in seinen Sprüchen viel Lokalkolorit („Meuternde Moas!“) und erinnert in ihrer erfrischenden Naivität an Wäschers Weltraumfahrer Nick aus den 50er Jahren. Realitätsebenen werden vermischt, echte Personen landen in Comics, während Comic-Charaktere in die Realität entschlüpfen – wobei diese ja ebenfalls nur die in einem Comic ist. Auch Horrocks‘ Zeichenstil ist gereift. Von den teilweise recht rohen schwarz-weiß Panels in Hicksville zu einem klaren, typischen Graphic Novel- Strich in bunten Farben. Was beiden Werken gemein ist, ist die blühende, originelle Phantasie des Neuseeländers. Und die macht den Band zu einem wunderbaren, intelligenten Lese-Vergnügen. (bw)

Sam Zabel in: Der König des Mars
Text & Bilder: Dylan Horrocks
224 Seiten in Farbe, Softcover
Egmont Graphic Novel
19,99 Euro

ISBN: 978-3-7704-5513-3

 

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