
Brüssel im Jahr 1958. Die Weltausstellung. Das Atomium. Und mittendrin Spirou, begleitet von Fantasio. Aber kann das sein? Irgendwas scheint nicht zu stimmen, Spirou ist diese Realität nicht geheuer. Bald wird klar, dass er Recht hat. Denn eigentlich ist er gefangen, in der Unterwasserstadt Korallion, dem vermeintlichen Urlaubsparadies, in einem Pod, zwischen Fantasio und Zyklotrop. Das Problem: Die KI Korallions namens Mary hat einen Fehler gemacht, indem sie für Fantasio einen Traum programmierte, in dem Spirou stirbt.
Was es verkompliziert, Spirou jetzt wieder „aufzuwecken“. Denn das versuchen Fantasio und Steffani gerade. Steffani sitzt in Rummelsdorf beim Grafen vor dem Computer und versucht, sich in die KI Korallions zu hacken. Mit Fantasio steht sie in Kontakt, Spirou bleibt jedoch nach wie vor weggetreten. Aber Mary, die KI, wehrt sich gegen Steffanis Eingriffe von außen. Und der plastikfressende Pilzschaum des Grafen, der Korallion langsam aber sicher zerstört, lässt das rettende Unterfangen zu einem Rennen gegen die Zeit werden…
Als zum Ende des letzten Bandes, der vor zwei Jahren erschien, Spirou in der Tiefe versank, war das natürlich und wie erwartet gemogelt. Dies geschah in der virtuellen Realität (was auch das irrationale Verhalten Fantasios und des Carlsen/Dupuis Direktors erklärt), die den Gästen der Unterwasser-Urlaubstadt Korallion vorgegaukelt wird. Die Fortsetzung jetzt spielt auch durchweg mit den Realitäten, greift die aktuelle KI-Diskussion auf und zeigt was passieren kann, gerät eine KI außer Kontrolle. Skynet lässt aus der Ferne grüßen.
Dabei nimmt die Story Bezug auf zwei klassische Spirou-Geschichten: Wieder „Tiefenrausch“, 1958 von Franquin geschrieben und gezeichnet. Und Band 33, „Marilyn ist nicht zu stoppen“, vom Duo Tome und Janry, 1985 erschienen. Während die „Tiefenrausch“-Verbindung originell anknüpft, kommt das Marilyn-Motiv mit dem Holzhammer daher. Hier eskalieren die Autoren Sophie Guérrive und Benjamin Abitan komplett und treiben die ohnehin schon überfrachtete Story (das virtuelle Fest von Rummelsdorf, mit etlichen Dupuis Figuren, das außer Kontrolle gerät) auf die Spitze.
Diesen den Band prägenden Marilyn-Auftritt („Attack of the 50 Ft. Woman“ meets „Goldorak“) muss man erst einmal verdauen. Auch sonst gerät die Story hier zu einer Tour de Force, in dem auch mal zwei Spirous bzw. zwei Fantasios aufeinander treffen. Zeichner Olivier Schwartz (unterstützt von Kolorist Alex Doucet) kann hier nicht nur Steffani, sondern auch dem Marsupilami eine größere, wenn auch virtuelle, Rolle einräumen. Wie immer erinnert er mit seinem feinen, spitzen Strich an den Zeichenstil, der von Yves Chaland begründet wurde, wobei Schwartz das Marsupilami im klassischen Stile eines André Franquin anlegt.
Insgesamt hinterlässt der Band leider einen zwiespältigen Eindruck und erweckt den Anschein, als hätten die Autoren schlichtweg zu viel gewollt. Durch all die präsentierten Sensationen bleibt der Fluss der Story auf der Strecke. Das Lesevergnügen will sich nicht so recht einstellen. Die wie stets informativen Sekundärseiten am Schluss zeigen Cover und Abbildungen aus französischen Ausgaben und erläutern die Absichten des Kreativteams sowie die Verbindungen und Hintergründe zu den erwähnten alten Geschichten. (bw)
Spirou und Fantasio, Band 55: Das Gedächtnis der Zukunft
Text: Sophie Guérrive, Benjamin Abitan
Bilder: Olivier Schwartz, Alex Doucet (Farben)
64 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
12 Euro
ISBN: 978-3-551-80446-4