Freddy Lombard (Carlsen) | Comicleser

Freddy Lombard (Carlsen)

May 28, 2018

Yves Chaland war ein Comic-Künstler, der gemeinsam mit anderen Zeichnern (u.a. die Floch-Brüder, Serge Clerc oder der 2016 verstorbene Ted Benoit) den sogenannten Atom-Stil wesentlich prägte (auch Nouvelle Ligne Claire genannt): die Verbindung der Ligne Claire mit der schnittigen, futuristischen Design-Richtung der Fünfziger Jahre. Chalands Schaffensperiode war leider nur kurz und umfasste im Wesentlichen in etwas mehr als einem Jahrzehnt die Zeit zwischen 1980 und 1990. Am 18. Juli 1990 starb er bei einem Autounfall. Seine einzige fortlaufende Serie war Freddy Lombard. Die ist seit jeher im Carlsen Verlag beheimatet und wurde dort ab 1985 in vier Alben veröffentlicht (lediglich Freddys Debut in „Das Testament des Gottfried von Bouillon“ erschien zuvor 1982 im Rahmen der Reihe „Atomium 52“). Die aktuell vorliegende Ausgabe versammelt nun erstmals alle Freddy Lombard Geschichten chronologisch in einem Band.

Vor allem mit dieser Serie schlug Chaland eine Brücke, indem er zwei vermeintlich unvereinbare Zeichen-Philosophien miteinander verknüpfte: Hergés Ligne Claire und die von Franquin und Tillieux geprägte École Marcinelle. So erinnern Aussehen und Mimik Freddys natürlich und völlig beabsichtigt an Tim, während seine Auftritte und v.a. die witzig derben Episoden mit Sidekick Sweep an das sich des Öfteren kabbelnde Duo Spirou & Fantasio anlehnen. Kein Wunder also – vielmehr eine Konsequenz – dass Chaland in der Folge auch eine Spirou-Geschichte gestaltete und sich als Zeichner für die Serie bewarb. Dass sich Chaland von den genannten Vorbildern trotzdem abhob, bewirkten diverse erwachsene Motive im Rahmen einer gewissen – im positiven Sinne zu sehenden – Respektlosigkeit, die man aus den Vorbildern so nicht kannte: es wird geblutet, gestorben und geflucht. Sogar nackte Haut ist zu sehen und der Aufbau der Geschichten schert sich nicht um etablierte Konventionen, egal welcher Stilrichtung.

So teilt Chaland schon im Freddy Lombard-Erstling von 1981, „Das Testament des Gottfried von Bouillon“, der noch mehr Nähe zum Funny zeigt und parodistische Züge trägt, die 29-seitige Geschichte kurzerhand auf: ein Part spielt in der Gegenwart, einer im Mittelalter, wobei ein wundersamer Kunstgriff am Ende beide Zeitlinien verbindet. Hier lernen wir auch das dynamische Trio kennen, das die Geschichten fortan bestreiten wird: neben Freddy sind das der impulsive Sweep und die clevere Dina. Auch der Nachfolger. „Der Elefantenfriedhof“, kommt in zwei Teilen daher, die jedoch inhaltlich voneinander getrennt und damit eigentlich zwei abgeschlossene Geschichten sind, welche lediglich eine vage Sache miteinander verknüpft. Teil 1 (22 Seiten), in dem es das Trio nach Afrika verschlägt, erinnert an Hergés Tim im Kongo (inkl. bewusst beabsichtigter fragwürdiger Darstellung der Schwarzen) und Teil 2 (23 Seiten) könnte zu Beginn fast als eine Variation von „Das Geheimnis der ‚Einhorn‘“ durchgehen, mit Motiven aus Caligari und einer Tarzan-Variante. Übrigens eine Story mit offenem Ende.

Das Testament des Gottfried von Bouillon

Ab der nächsten Episode, nun auch Album lang, arbeitet Chaland mit Yann (le Pennetier) zusammen, der als Co-Autor fungiert und der hiesigen Lesern durch Reihen wie Helden ohne Skrupel, Bob Marone, Sambre, Marsupilami und nicht zuletzt Spirou & Fantasio bestens bekannt ist. In „Der Komet von Karthago“ zieht selbiger am Himmel seine Bahn und scheint dabei in dem kleinen Küstenort Cassis bei Marseille alles aus den Fugen zu reißen. Zuerst wird der Ort durch Dauerregen und einen Erdrutsch von der Außenwelt abgeschnitten. Dann spielen sich dort diverse Dramen ab, in deren Mittelpunkt die hübsche Tunesierin Alaia, der Bildhauer Carrier-Deleuze und (als reale Figur) der Schweizer Wissenschaftler Auguste Piccard stehen. Und dazwischen natürlich Freddy, Sweep und Dina, die in Cassis nach antiken Amphoren tauchen. Die Geschichte ist schwierig. Diverse Ereignisse laufen parallel zueinander. Der Lesefluss ist holprig, nicht zuletzt durch die Textbezüge zur Antike. Eine Story, in Teilen abstrakt, durchaus konfus und damit schwer fassbar, jedoch mit starker Bildsprache, Panelfolgen ohne Text und einem kleinen historischen Ausflug, ähnlich wie bei Gottfried von Bouillon.

„Ferien in Budapest“ ist dann wieder ganz anders: Der junge Laszlo aus einer wohlhabenden Familie bekommt in Venetien von Dina Nachhilfe in Latein. Aber er reißt von zuhause aus macht sich auf den Weg nach Budapest, begleitet von Freddy und Sweep, die bald in die Wirren des Ungarischen Volksaufstandes von 1956 geraten. Die Geschichte ist wieder gradliniger, Freddy Lombard scheint endgültig auf Kurs. Und erstmals sind die Sprechblasen viereckig – wieder wie bei Hergé. Als krönender Abschluss folgt nun mit „F-52“ ein Ausflug in die Science Fiction, die letzte 1990 entstandene Episode. Hier zeigt sich Chalands Ligne Claire Stil gereift, sehr fein und elegant, bisweilen karg, aber detailliert, wo es ein muss, und dabei immer stimmig.

Die F-52

F-52 ist der Name des ersten atomgetriebenen Flugzeugs, ein futuristisch anmutender Jet von riesigen Ausmaßen (fünf Stockwerke!), der seinen Jungfernflug von Paris nach Melbourne bestreiten soll. Genau 25 Jahre nach Lindberghs legendärem Nonstop-Atlantikflug (jetzt wissen wir auch, wann die Story spielt, nämlich 1952). Freddy, Sweep und Dina gehören zur Crew und bekommen es mit einer Kindesentführung und einem Spion zu tun. Der große schnittige, rot-weiße Jet mag einmal mehr als logische Konsequenz von Hergés ikonischer Mondrakete erinnern. Wieder präsentieren Chaland und Yann parallele Handlungen, die sie mit Szenen würzen, die man so aus dem Genre nicht kannte: das psychisch durchgeknallte Ehepaar, das seine behinderte Tochter ohne mit der Wimper zu zucken, eintauscht, ist wirklich gruselig. Und unser Heldentrio bekommt im Laufe der Story mächtig auf die Mütze, lässt sich davon aber nicht unterkriegen. Das dramatische Finale kommt einer Erlösung gleich, inszeniert mit wenigen Worten und starken, auch großformatigen Panels – womit Chaland den geregelten Ligne Claire Stil einmal mehr aufbricht.

Nun liegen also alle Geschichten aus der Reihe in einem Sammelband vor. Auch die Bezeichnung Gesamtausgabe mag gelten. Aber nur zähneknirschend. Denn zum einen ist das Format – warum auch immer – um einiges kleiner als bei den gängigen Gesamtausgaben und zum anderen – was viel schwerer wiegt und als Versäumnis, als verpasste Gelegenheit, gelten muss – fehlt bis auf ein Nachwort von Comicautor Jean-Luc Fromental (u.a. „Die Abenteuer von Hergé“) jegliches Bonus- bzw. Sekundär-Material. Gerade hier hätte man doch ansetzen können, gerade hier wären die Leser doch dankbar für zusätzliche Artikel, Fotos oder Skizzen gewesen, sind doch die Werke Chalands hierzulande allesamt schon vor etlichen Jahren bereits erschienen. Warten wir also weiter auf die ultimative Freddy Lombard Gesamtausgabe, oder – noch besser – auf eine fein präsentierte Werkausgabe des kompletten Chaland Oevres. In der Zwischenzeit muss es eben dieser Band tun. Und tut es auch. (bw)

Freddy Lombard
Text: Yves Chaland, Yann Lepennetier
Bilder: Yves Chaland
232 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
29,99 Euro

ISBN: 978-3-551-73605-5

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