Bärenzahn, Band 4 (All Verlag) | Comicleser

Bärenzahn, Band 4 (All Verlag)

April 20, 2017

Erinnern wir uns: der letzte Band der Alternativ-Welt Saga um Hitlers Starpilotin Hanna Reitsch und ihre beiden Freunde Max und Werner endete mit einem großen Knall: eine schwere Bombe zerstörte die Geheimfabrik samt Amerikabomber-Projekt. Der aktuelle Band 4, der einen neuen Zyklus startet (ursprünglich sollte die Geschichte nur drei Bände umfassen), beginnt mit einer auch optisch beeindruckenden Alptraumsequenz, in der das Projekt realisiert wird und die Uran-Bombe auf New York fällt. Zurück in der (alternativen) Wirklichkeit: Hanna und Max (der eigentlich Werner ist) überleben den verheerenden Angriff. Beide brechen mit einem Fieseler Storch auf. Ihr Ziel: Schloss Fürstenstein in Schlesien. Dort entstand unter strengster Geheimhaltung eine unterirdische SS-Basis, in der eine Geheimwaffe entwickelt und gebaut wurde, gegen die sich die Horten HO XVIII aus Band 3 wie ein Papierflieger ausnimmt: Das „Projekt Silbervogel“, ein suborbitaler Interkontinental-Bomber, mit dem die Bombardierung New Yorks doch noch gelingen und sich damit der „Traum“ Hitlers und Hannas erfüllen soll. Zu Max‘ größtem Entsetzen und Dilemma, der Hanna auf Befehl der Amerikaner zwar töten soll, der aber gleichsam noch immer in sie verliebt ist…

Zum Start des neuen Zyklus‘ verschiebt sich die Charakteristik der Serie. Zu Beginn waren die Alternativ-Welt Elemente ganz behutsame Bestandteile der Story. Vielmehr standen die Beziehung und das Schicksal der drei Kindheits-Freunde Hanna, Max und Werner im Vordergrund. Nachdem diese Thematik „durch“ ist (Max starb bereits als Kind durch die Nazis und Hitlerjunge Werner nahm dessen Identität an, während Hanna zu Hitlers Testpilotin Nummer eins wurde) greifen Autor Yann und Zeichner Henriet nun ganz tief in die Nazi-Wunderwaffen-Mythen-Kiste. In Band 3 war bereits der (nie gebaute) HO XVIII Nurflügler-Langstrecken-Bomber der Gebrüder Horten im Einsatz. Nun bringen die Autoren gar das „Projekt Silbervogel“ ins Spiel und greifen damit erneut die Amerikabomber-Thematik auf, nur noch futuristischer. Dazu kommt die Mär vom Nazi-Atomreaktor und das „Projekt Riese“: ein gigantisches Tunnelsystem mit unterirdischen Fabriken und Fertigungsanlagen unter dem Schloss Fürstenstein. Wie immer werden historische Personen in die Geschichte eingewoben, hier in erster Line Wissenschaftler und Ingenieure. Waren es die Gebrüder Horten, sind nun Hans Kammler (Nazi) und die Professoren Erich von Holst (Biologe) und Eugen Sänger (Ingenieur, der das „Projekt Silbervogel“ entwickelte) mit von der Partie.

Hortens Amerika-Bomber über New York…

Dazu gesellt sich eine neue Rahmenhandlung: Amerikaner und Russen, bzw. deren Geheimdienste, starten einen Wettlauf um die deutsche Technologie und – noch wichtiger – um die Wissenschaftler und Ingenieure, die diese entwickelt haben (Raketen- und Atom-Technologie), was den Beginn des Kalten Krieges anbahnt. Dadurch wird die Handlung in die Breite gezogen. Der Fokus rückt auch hier ab von Schicksal der drei Freunde. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Story ist die Ambivalenz der Person Hanna Reitschs. Einerseits eine durchaus sympathische Erscheinung (und attraktiv sowieso), draufgängerisch und entschlossen, andererseits mit einer eisernen Nibelungentreue zu ihrem „Führer“, selbst angesichts des ganz offensichtlich verlorenen Krieges (Hitler verübte bereits Selbstmord, das Dritte Reich ist am Ende). Sie drischt eine Nazi-Phrase nach der anderen („Ehre ist der letzte Stolz Deutschlands“) und hofft mit ihrer geplanten Verzweiflungstat die Amerikaner zu Verhandlungen zu zwingen, um gemeinsam gegen die Russen zu stehen. Max sieht sich dabei zwischen den Fronten: soll er ebenfalls seiner Mission treu bleiben und Hanna, die er eigentlich liebt, töten? Beide stehen in der Pflicht, aber wie weit werden sie gehen?

Optisch serviert uns Alain Henriet hier einmal mehr ganz großes Kino. In einem klaren, leicht stilisierten Strich, was die Personen betrifft, zeichnet er gleichermaßen detailverliebt technisches Gerät (realisierte Flugzeuge oder nicht realisierte Wunderwaffen), Landschaften und Gebäude (das New York-Panorama – siehe Bild rechts, das schlesische Schloss Fürstenstein) und Personen (die attraktive Hanna und allerlei Nazi-Kroppzeug). Dabei überzeugt auch wieder die Kolorierung, die kräftig und durchaus farbenfroh ist (von Usagi – dahinter verbirgt sich Henriets Frau Patricia Tilkin). Mit der Wunderwaffen-Thematik ordnet sich die Reihe nun endgültig in die Alternativ-Welt-Serien ein („Wunderwaffen“, auch im All-Verlag, „Über“ bei Panini oder „Die Eisendivisionen“ von Bunte Dimensionen). Die unbeschwerte Handhabe dieser Thematik, der unbestritten eine gewisse Faszination ausgeht, mag nicht jedermanns Sache sein. Die optische Umsetzung dagegen ist ein Musterbeispiel hervorragender franko-belgischer Comickunst. Für Sammler legt der All-Verlag eine auf 111 Stück limitierte Vorzugsausgabe auf, die mit einem Schutzumschlag und signiertem Druck glänzt. Und die aktuell sogar noch zu haben ist. (bw)

Bärenzahn, Band 4: Amerika-Bomber
Text: Yann
Bilder: Alain Henriet
48 Seiten in Farbe, Hardcover
Bocola Verlag
13,80 Euro

ISBN: 978-3-926970-82-4

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