Nach der Apokalypse (Splitter) | Comicleser

Nach der Apokalypse (Splitter)

May 2, 2018

Ungemütlich sieht sie aus, die nicht allzu ferne Zukunft: die Zivilisation liegt in Ruinen, irgendeine Katastrophe ist vor 96 Jahren über die Welt hereingebrochen und hat die Überlebenden in nahezu urzeitliche Lebensumstände zurückgeworfen. Durch die ausgebrannten Häuser und Autowracks ziehen Wildtiere, die man als Nahrung jagt, aber auch allerlei mutiertes Kroppzeug – wobei das bei Weitem nicht das Schlimmste ist, was Stämme wie der von Giala zu befürchten haben. Eines Nachts werden diese friedlichen Jäger und Sammler nämlich von einer Horde überfallen, die an Brutalität kaum zu überbieten ist. Unter Führung eines mysteriösen Anführers, der sich „Prophet“ nennt und aus alten Kopfhörern angeblich göttliche Stimmen hört, entführt dieses Pack Frauen fremder Stämme – und tötet nebenbei alle Männer.

Die Kinder bleiben, gefangen in einem einstürzenden, von Schlangen verseuchten Gebäude, zurück, während die entsetzten Frauen verschleppt werden.Aber das Schicksal greift in Form einer mutierten Riesenechse ein, die die Horde des Propheten attackiert, der dabei auch selbst unter die Räder kommt. In der Verwirrung gelingt Giala die Flucht, auf der sie dem bewusstlosen Propheten auch gleich noch die Kopfhörer abnimmt, die ihm so wichtig scheinen. Auf ihrer Wanderung durch die Ruinen trifft sie alsbald auf eine bunte Truppe Mutierter um einen gewissen Irvin, der ihr anbietet, bei der Suche nach ihrem Stamm behilflich zu sein. Den Weg zurück kennt wohl am besten ein gewisser Hexer, der in einem Turm (sprich einem alten Hochhaus) wohnt und den der Prophet als seinen Erzfeind betrachtet.

Angeführt vom halb senilen Gerald, der ständig davon faselt, dass er den Hexer kennt, findet man tatsächlich Einlass ins Domizil dieses Herrn, der Giala freundlich empfängt und ihr eine alte U-Bahn-Karte in die Hand drückt, mit Hilfe derer sie sicher zurück zu ihrem Stamm kommen soll. Als Gegenleistung verlangt er nur die Kopfhörer und einen nicht näher definierten Gefallen, bevor sich Giala und ihre neuen Freunde wieder auf den Weg machen. Der Prophet, der ebenfalls am Fuße des Turms auftaucht, konfrontiert den Hexer kurz danach mit übelsten Beschimpfungen und will nichts als seine Kopfhörer wieder zurück. Während Giala die Kinder zwar befreien kann, sich alsbald aber den Attacken der Horde des Propheten ausgesetzt sieht, kommt die Wahrheit langsam ans Licht: der Hexer und der Prophet kennen sich nicht nur weit besser als man es vermuten sollte, sondern waren sogar in die schicksalhaften Ereignisse verwickelt, die vor 96 Jahren zur Katastrophe führten…

In seinem Endzeit-Szenario vermengt Laurent Queyssi gleich mehrere populäre Motive aus dem Reich der Antiutopie: die verfallene Großstadt, in der sich ein Dschungel breitmacht und die wilde Tiere durchstreifen, kennen wir aus „12 Monkeys“, der ruppige Umgang marodierender Banden nach einem Kataklysmus steht im Mittelpunkt jedes Mad Max-Streifens, und die Mutation einzelner Überlebender durchzieht atomare Untergangsepen ebenso wie schmackig-amüsante B-Filme (man denke hier nur an Ib Melchiors „Time Travellers“ – zu Deutsch treffend „Mutan-Bestien gegen Roboter“ – oder auch an Wes Cravens „The Hills Have Eyes“). Gleichzeitig ruft Queyssi natürlich auch Vorbilder aus der Comic-Historie auf: neben Judge Dredds Mutanten aus der Cursed Earth treten mit der bunten Truppe, die Giala unter die Arme greift, auch entfernte Verwandte der X-Men auf den Plan.

Der Anführer Irvin beherrscht eine Art Feuerkraft, die kleine Mika verfügt über telekinetische Kräfte, die mit Jean Grey durchaus mithalten können, und mit dem aschfahlen Melvin kommt sogar noch ein Hauch „Walking Dead“ ins Spiel: der Gute sieht nämlich nicht nur krank aus, sondern ist schlicht und ergreifend tot und wurde von der Katastrophe wieder erweckt. Dass die beiden mysteriösen Anführer ganz gewaltig Dreck am Stecken haben, wird relativ schnell klar, wie auch die sonstigen Handlungswendungen nicht unbedingt für stockenden Atem sorgen. Dafür treibt Queyssi die Action aber flott voran und liefert etliche krachige Tableaus, die Juzhen (bei Splitter schon mit „Konungar“ vertreten) in einer computerbasierten, paintbrush-artigen Technik inszeniert, bei der vor allem die Ausführung der holden Weiblichkeit immer wieder an Rothaar aus der Feder von Romano Molenaar erinnert, wo ja auch eine ehemalige Hochtechnologie der Vergessenheit anheimgefallen ist. Und flott sehen die Damen bei beiden aus. Ordentliche, solide Unterhaltung also für Freunde düsterer Zukunftsvisionen und Anhänger ansehnlicher Weiblichkeit gleichermaßen. (hb)

Nach der Apokalypse
Text: Laurent Queyssi
Bilder: Juzhen
88 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
18,80 Euro

ISBN: 978-3-96219-027-9

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