Akte X/30 Days of Night (Cross Cult) | Comicleser

Akte X/30 Days of Night (Cross Cult)

Juli 21, 2016

Akte X/30 Days of Night (Cross Cult)

Wainwright, Alaska, an der Tschuktschensee. Siebzig Meilen westlich von Barrow. Knapp 500 Einwohner. Hier ist wenig zu holen. Und im Winter nicht mal Tageslicht. Während der Polarnacht entdeckt ein Schneepflugfahrer in der Nähe des Ortes zahlreiche Leichen, alle geköpft. Und kaum Blut. Bei seinen Ermittlungen zieht das FBI die Agenten Scully und Mulder hinzu, sehr zum Missfallen von Agent French, der den Fall gerne alleine bearbeiten würde. Bei ihren Recherchen stoßen Scully und Mulder auf allerlei Seltsames – so finden sie nahe des Tatortes ein Kind im Schnee, das das Massaker offenbar überlebt hat. Von den Inuit, die von einer bösen Vorahnung umgetrieben werden, erfahren sie von einem Schiff, einem Eisbrecher, der in der Nähe Wainwrights ankert und der voller massakrierter Leichen ist. Eine weitere Spur führt sie auf die Diomedes-Inseln (für Erdkunde-Banausen: die beiden Eilande liegen in der Beringstraße zwischen Alaska und Sibirien). Dort „lebt“ ein Wesen, der „Mann ohne Gliedmaßen“, angeblich unsterblich. Tatsächlich finden die beiden Agenten dort dieses seltsame Geschöpf, das sich als ehemaliger Kapitän Norborg entpuppt. Doch auch jene, die für das Massaker verantwortlich sind, suchen Norborg und das, was dieser vor über 100 Jahren gefunden hat. Danach verwandelt sich Wainwright nach und nach in ein Schlachthaus. Mit Mulder und Scully mittendrin…

Ein ungewöhnliches aber logisches (und klug kalkuliertes) Crossover: hier treffen sich zwei berühmte Mystery/Horror-Franchises, die aus gegensätzlichen Ecken kommen. Chris Carters „Akte X“, die „X-Files“, als ikonische Fernsehserie, die nicht nur Blaupause für etliche weitere TV-Mystery-Shows war und ist (wobei man nicht vergessen darf, dass es vorher noch „Twin Peaks“ gab und immer geben wird), sondern die Serienlandschaft des Mediums Fernsehen aufgrund eines durchgehenden Handlungsfadens, der sich durch die Episoden zieht, geprägt hat. Und „30 Days of Night“, die Comic-Reihe, die in diversen Reinkarnationen auch aufgrund der phänomenalen Zeichnungen von Ben Templesmith, denen stets das Böse inne zu wohnen scheint, frischen Wind in das seinerzeit recht ausgelutschte Vampirgenre gebracht hat. Auch haben beide Reihen inzwischen erfolgreich in das jeweilige andere Medium gewechselt. 30 Days wurde als passabler Kinofilm einer breiten Masse bekannt und Mulder und Scully lösen (auch nach zwei Kinofilmen) weitere Fälle schon lange in Comicform (auf Deutsch bei Feest und Carlsen und aktuell bei dani books – wir berichteten), ähnlich wie Buffy bei Panini, ehe die Serie Anfang dieses Jahres mit einer neuen Staffel im TV ein Comeback feierte.

Scully hat den Durchblick

Scully hat den Durchblick

Zu Beginn liegt der Schwerpunkt auf den beiden Ermittlern, die im wahrsten Sinne des Wortes im Dunklen tappen. Während Mulder gleich Übernatürliches wittert, geht Scully die Sache naturgemäß rational an. Und verliert. Dann rückt der Focus immer mehr Richtung Untote, die mit ihren schauerlichen Hai-Gebissen und spitzen Zähnen auch in Tom Mandrakes realistischem Strich (der die beiden Hauptdarsteller Mulder und Scully stets gut erkennbar trifft und der bisweilen angenehm an den Stil von Größen wie Gerry Conway, John Buscema oder gar Bernie Wrightson erinnert) schaudern lassen. Der Leser weiß natürlich gleich, wie der Hase läuft. Nur diesmal dringen die Untoten nicht vom Süden ein – und es handelt sich bei dem Polarkaff mal nicht um Barrow – sondern kommen aus dem Norden. Per Schiff. Und sind auf der Suche nach einem mysteriösen Artefakt, dass sich dann als Konzession an die X-Files Folklore deuten lässt. Ansonsten haben wir hier eine typische Episode aus dem „30 Days of Night“ Universum, in der Stammautor Steve Niles einmal mehr finsteren Vampir-Horror in einem entlegenen, Untoten-freundlichen Winkel der Welt aufleben lässt – und auch in dieser Variation, quasi mit den Stargästen Mulder und Scully – durchaus wieder gelungen, auch ohne einen Ben Templesmith am Zeichenbrett. Die Polarnacht bietet eben einen idealen Feeding Ground für Vampire. Dass es endet wie immer ist auch klar. Die Vorfälle werden einmal mehr vertuscht und bieten damit Raum für neuen Schrecken jenseits des nördlichen Polarkreises. (bw)

Akte X/30 Days of Night
Text: Steve Niles, Adam Jones
Bilder: Tom Mandrake
144 Seiten in Farbe, Hardcover
Cross Cult
25 Euro

ISBN: 978-3-86425-991-3

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