Martin Scorsese (Splitter) | Comicleser

Martin Scorsese (Splitter)

Juni 19, 2026

Kleiner Junge mit Asthma, lebt in Little Italy. Will erst Priester werden, verfällt dann aber der Magie des Kinos. Was sich liest wie eine Märchenstory aus dem Hause Disney, das ist die Lebensgeschichte von Martin Scorsese, die Amazing Ameziane in seinem nächsten Beitrag zur Filmgeschichte hier auf telefonbuchartigen Dimensionen ausbreitet. Scorsese selbst erzählt hier 2005 gemeinsam mit Kameramann Michael Ballhaus seine Geschichte – vom Einwanderer Scozzese (heißt der Schotte!), dessen Name 1921 auf den Immigrationspapieren zu Scorsese verballhornt wird (Vito Corleone erging es kaum besser) über die Kindheit in Queens, in der der kleine Marty aufgrund seiner Atemwegserkrankung geschont wird, aber dennoch permanent mit den irgendwie dazugehörenden Mafiosi und ihren Taten konfrontiert ist.

In der Klosterschule darf Marty weiter ins Kino gehen und darf später sogar Film und Fernsehen studieren, wofür die Eltern einen Studienkredit aufnehmen (wir sind bis heute dankbar, Mama Scorsese, und immerhin konntest Du später selbst eine kleine Rolle spielen!). Erste Kurzfilme erregen Aufmerksamkeit und gewinnen Preise, mit denen der Kredit zurückgezahlt werden kann. Scorsese lernt erste Weggefährten wie Brian de Palma und Thelma Schoonmaker kennen, er entkommt mit Glück einer Mafia-Schießerei, die sich später in „Mean Streets“ wiederfinden wird, und betreut als Uni-Dozent einen gewissen Oliver Stone als Schüler. 1967 schreibt er beeindruckt vom europäischen Kino „Who’s That Knocking on My Door“, Harvey Keitel ist schon mit an Bord, der Erfolg bleibt allerdings aus.

Michael Wadleigh engagiert ihn als Cutter für seine monumentale Woodstock-Dokumentation, und auch wenn die Zusammenarbeit im Krach endet und Wadleigh ihn feuert, erscheint Scorseses Name immerhin im Vorspann des Oscar-prämierten Werks. Anfang der 70er formiert sich das neue Hollywood, Scorsese bewegt sich im Zirkel von Francis Ford Coppola, Brian de Palma, John Cassavetes und den unbekannten Newcomern Steven Spielberg und George Lucas – die etablierten Studios, die mit immer gleichen, schablonenhaften Katastrophenfilmen den Anschluss ans junge Publikum verloren haben, suchen zunehmend ihr Heil in der Zusammenarbeit mit den jungen Wilden. Aber Scorsese muss sich erst noch seine Sporen verdienen: für den Vielfilmer Roger Corman dreht er 1972 „Boxcar Bertha“ (ganz in Corman-Manier in 27 Tagen und mit minimalistischem Budget), ein junger Bursche namens Robert de Niro will mit ihm ein Drehbuch von Paul Schrader umsetzen, aber der weigert sich noch, seinen „Taxi Driver“ von diesen Ungestümen inszenieren zu lassen.

Auf Anregung von John Cassavetes dreht Scorsese daher erst einmal „Mean Streets“, eine Hommage an seine Familiengeschichte, die er undergroundmäßig in LA umsetzen muss, da New York zu teuer ist. Erstmals sind dabei Robert de Niro und Harvey Keitel gemeinsam an Bord, der Grundstein für die großen Mafia-Werke ist gelegt. Mit „Alice doesn’t live here anymore“ erntet Scorsese 1974 weitere Lorbeeren und nimmt bei den Oscars den Preis stellvertretend für die Hauptdarstellerin Ellen Burstyn entgegen. Nach dem Erfolg dieser romantischen Komödie beschließt Scorsese, ähnlich wie Steven Spielberg, seine Taktik: einen Film für die, einen für mich! Damit kann jetzt nur „Taxi Driver“ an die Reihe kommen, Schrader gibt den Widerstand auf. De Niro schlüpft wie stets nicht nur in eine Rolle, er wird zu Travis Bickle, fährt wochenlang Taxi, um in die Welt des Veteranen eintauchen zu können. Die 14jährige Jodie Foster verkörpert überzeugend eine 12jährige Prostituierte, in diversen Szenen ist eine echte Prostituierte zu sehen, die Harvey Keitel auftrieb, ebenso wie ein realer Waffenhändler.

Viel wird improvisiert, die legendäre Spiegel-Szene („You talking to me?“) klaut de Niro allerdings von niemand anderem als Bruce Springsteen, der diesen Satz zu der Zeit regelmäßig bei Konzerten an sein Publikum richtet. Das Studio ist erwartungsgemäß entsetzt ob des expliziten Inhalts, man verlangt radikale Schnitte, da das vernichtende „X“-Rating droht. Erst auf dringendes Anraten seiner Produzentin Julia Phillips lässt sich Scorsese erweichen und schneidet mit seinen New Hollywood Kumpels den Film so geschickt, dass die Wirkung nicht geschmälert, aber das ersehnte „R“-Rating möglich wird. Der Film gerät zur Sensation und gewinnt in Cannes die Goldene Palme, wird bei den Oscars aber ignoriert. Scorsese würde nun ja gerne „Gangs of New York“ inszenieren, aber die Finanzierung platzt, und so wird es 25 Jahre dauern, bis er sich diesem Projekt zuwenden kann.

Während er in Hollywood mit seinen Kumpanen um Steven Prince wilde Parties feiert, bei denen das Koks wie Schnee umherschwebt, geht er sein nächstes Projekt an: „New York, New York“ soll eine Verbeugung vor den großen Musicals in Stile eines George Cukor und Vincente Minnelli sein, Robert de Niro lernt Saxophon spielen, und Liza Minnelli bringt den Hauch des Vaters mit. Das Ganze läuft massiv aus dem Ruder, die Entscheidung, am Set improvisieren zu lassen, erweist sich als fatal, Scorsese sitzt am Ende auf 5 Stunden Filmmaterial, die in der Form nicht brauchbar sind. Während er parallel den Konzertfilm „The Last Waltz“ über The Band dreht, müht er sich vergeblich, eine vernünftige Schnittfassung herzustellen, aber sein Werk ist in Zeiten des Sommer-Blockbusters, den seine Freunde Steven und George im Handumdrehen erfunden haben, komplett aus der Zeit gefallen und gerät zum monströsen Flop.

Der Drogenkonsum hilft in der Enttäuschung nur an der Oberfläche, Scorsese springt nach einer Überdosis dem Tod nur knapp von der Schippe, als ihn sein Freund de Niro am Krankenbett massiv zur Minna macht und sagt, er müsse doch dringend noch diesen Boxfilm drehen. In sicherem Bewusstsein, dass dies sein letzter Film wird, wirft sich Scorsese an die Umsetzung der Biographie „Raging Bull“, die das Leben des durchaus zwielichtigen Boxers Jake La Motta schildert, in dem Scorsese auch Parallelen zu seiner eigenen Vita sieht. Joe Pesci brilliert als la Mottas Bruder Joey, de Niro trainiert mit La Motta selbst und frisst sich nach den Box-Sequenzen in Frankreich und Italien 30 Kilo an, um auch den abgehalfterten Ex-Profi überzeugend zu mimen, auf Vorschlag der britischen Regie-Legende Michael Powell dreht man in Schwarz-Weiß (die Fernsehbilder von La Mottas Kämpfen haben sich immerhin auch nicht in Farbe ins amerikanische Bewusstsein gebrannt, so das Argument Powells), Thelma Schoonmaker schneidet meisterhaft – die Vorführung für die Studiobosse gerät zum Triumph.

Aber „Raging Bull“ fällt dem Bankrott von United Artists zum Opfer: niedergerissen von der monströsen Budgetüberschreitung von Michael Ciminos „Heaven’s Gate“ kann das Studio keinerlei Promotion für den Film machen, trotz Oscars 1981 für de Niro und Schoonmaker geht der Film an den Kinokassen unter. Auch mit der pechschwarzen Mediensatire „King of Comedy“ erleidet Scorsese 1982 finanziellen Schiffbruch (offenbar wollte das Publikum Jerry Lewis nicht in einer negativen Rolle sehen, späte Rehabilitierung erhielt der Film dann 2019 im düsteren „Joker“), er gilt endgültig als Kassengift. Die kleine, guerillahaft gefilmte Fingerübung „After Hours“ bringt ihn 1985 zumindest wieder ins Gespräch, sein neuer Agent Michael Ovitz bringt ihn mit Größen wie Paul Newman zusammen, der gerne eine Fortsetzung seiner Paraderolle in „The Hustler“ realisieren möchte.

In time, in budget, mit großen Namen (Tom Cruise ist noch ein Jungstar, aber zugkräftig) scheint es mit „The Color of Money“ 1986 wieder aufwärtszugehen, Paul Newman gewinnt den einzigen Oscar seiner Karriere, aber nach dem skandalumwitterten „Last Temptation of Christ“ gilt Scorsese Ende der 80er endgültig als persona non grata. Da fällt ihm ein Buch in die Hände, von dem er sofort besessen ist: „Wiseguy“ von Nicholas Pileggi schildert aus erster Hand ein Leben in der Mafia. Scorsese will, muss diesen Film machen, er castet seine Freunde de Niro und Joe Pesci, engagiert mit Ray Liotta ein unbekanntes Gesicht für die Hauptrolle, seine eigene Mutter gibt einen Gastauftritt als kochende Mama. Mehrere echte Mafiosi spielen ebenfalls mit, der Film trifft sein Sujet so genau, dass man Scorsese auch von krimineller Seite her extremen Realismus attestiert. Rasante Kamerafahrten, ein voice over, der die vierte Wand durchbricht, Gewaltexzesse, ein brillanter Soundtrack: „Goodfellas“ gerät 1990 zu einem wahren Triumphzug bei Kritikern um beim Publikum.

Mit einem Schlag ist Scorsese rehabilitiert – aber auch wenn der 1991 folgende „Cape Fear“ sein rentabelster Film ist, erscheint der gegen Ende recht übertriebene Actionthriller vielen doch nicht als „echter“ Scorsese (was er selbst durchaus auch so sieht). Das gilt auch für das Gesellschaftsdrama „Age of Innocence“, der 1993 so manchen Zuschauer verwirrt, auch wenn Scorsese ihn als seinen gewalttätigsten Film bezeichnet (nicht handgreiflich, aber über erdrückende Konventionen). Dann allerdings winkt ein Projekt, das er mit aller Grandezza einer Oper umsetzen wird und das ihn endgültig zum Starregisseur macht: die Geschichte von Las Vegas, seinen Casinos und den zutiefst mafiösen Verstrickungen hinter der Glitzerwelt…

„Disclaimer: Die Lektüre dieses Buchs kann zu intensiven Filmkonsum-Phasen der Werke von Martin Scorsese führen. Das ist völlig normal. Wenn Sie „The Wolf of Wall Street“ mehr als zehnmal gesehen haben und nun an der Börse arbeiten wollen, übernehmen Verlag und Autor keine Haftung, falls ihre Ersparnisse flöten gehen.“ Auch wenn das Börsenleben natürlich leicht anders abläuft als seinerzeit von Jordan Belfort praktiziert: diesen launigen Verweis auf der Rückseite des Folianten, der gestaltet ist wie eine DVD (Format 20×28, Doppelseiten, Farbe & Schwarz-Weiß, Lesedauer 190 Min., Video Region Code 2, Sprachen Deutsch, Englisch, Cineastisch) muss man ernst nehmen. Denn nach und schon während der Lektüre dieses furiosen neuesten Beitrags des mehr als zurecht so benannten Amazing Ameziane zur Filmgeschichte will man sich natürlich alles nochmal anschauen, von „Taxi Driver“ über „Casino“ bis zu den Alterswerken „The Irishman“ und „Killers of the Flower Moon“.

Ameziane reitet hier mit gusto durch das Leben eines der ganz Großen, der Anfang der 80er eigentlich schon am Ende war, frustriert von seinen Flops und zerrüttet von den Drogen, was in expressiven, alptraumhaften Sequenzen einer Überdosis sehr deutlich zum Tragen kommt. Akribisch recherchiert, breitet Ameziane Leben und Filme des Meisters aus, in erster Line aus Sicht von Scorsese selbst geschildert, mit einer Ausnahme: die Sequenz, in der er sich widerwillig zum Umschnitt von „Taxi Driver“ überreden lässt, erleben wir aus der Perspektive der Produzentin Julia Philipps. Die Freundschaft zu Robert de Niro nimmt zentralen Raum ein, ohne dessen deutliche Worte am Krankenbett hätte er es wohl nicht wieder zurück ins Leben geschafft, aber auch andere Legenden wie Daniel Day Lewis und sein „neuer“ de Niro Leonardo di Caprio prägen seinen Weg.

Ameziane stellt dabei mehrere direkte Querverbindungen zu seinen anderen Filmbiographien her: das Foto mit den Größen des New Hollywood, die sich mit den Altmeistern Hitchcock, Welles und Co. vergleichen, findet sich ebenso in der Spielberg-Biographie, wie auch die Anekdote zur Entstehung von „Cape Fear“: Spielberg bat Scorsese, „Schindler’s List“ zu realisieren, was dieser ablehnte, immerhin könne nur ein Jude die Shoah angemessen darstellen. Man einigte sich auf ein Tauschgeschäft: Spielberg machte „Schindlers Liste“ und übergab Scorsese im Gegenzug sein geplantes Projekt, ein Remake des alten Thrillers „Cape Fear“. Auch die Überzeugung „Ein Film für die, einer für mich“, also eine kommerzielle Unternehmung, dann eine Herzensangelegenheit, diese Philosophie teilt er mit Spielberg.

Auch sonst wildert sich Ameziane munter durch die Filmgeschichte: seitenweise erleben wir stilisierte Panels aus den Werken Scorseses, eindrucksvoll etwa in der Doppelseite mit einem tänzelnden Jake La Motta im Trainingsmantel, wie in der Eröffnungssequenz von „Raging Bull“, oder die tiefroten Szenen aus dem Christus-Film, der in Anfeindungen unterging. Fein auch der Verweis auf andere Filme: als de Niro begeistert vom Buch „Raging Bull“ schwärmt, steht die Szene unter dem Motto „The Night of the Boxer“, de Niros Knöchel sind mit den Worten „Rage“ und „Bull“ tätowiert: optisch eine klare Hommage an Robert Mitchum in „Night of the Hunter“. Fiktive Poster mit geplanten, letztlich nicht verwendeten Schauspielern („Last Temptation of Christ“ mit Aidan Quinn, Harvey Keitel und Sting), eine ebenso fingierte Rezension von „Raging Bull“ von einem gewissen Amazing Ame im Magazin Action/Cut von 1981 – die Detailfreude kennt hier keine Grenzen.

Nebenbei erfährt man jede Menge Trivia, so etwa, dass sich Quentin Tarantino für die berühmte Adrenalin-Injektion, die John Travolta der bewusstlosen Uma Thurman verabreichen muss, von Scorseses biographischem Film „American Boy – A Profile of Steven Prince“ inspirieren ließ, der eine ähnliche Szene durchlebt hatte. Mindestens genauso episch wie Leben und Werk Scorseses, beeindruckt Amezianes neuester Aufbruch in die Filmgeschichte zutiefst durch die schiere Wucht, Kunstfertigkeit und Liebe zum Detail, die eben auch die besten Filme des Regisseurs auszeichnet, den seine Freunde nur „Marty“ nennen. Dass der Fokus eher auf den früheren Werken liegt und die späteren Triumphe ab „Casino“ etwas schneller abgehandelt werden, ist durchaus folgerichtig, immerhin stand Scorsese zu dieser Zeit eher auf des Messers Schneide als später, als er als Elder Statesman des Kinos über alle Zweifel erhaben war.

Und man könnte sich heute noch ärgern, dass der Titelsong von „New York, New York“ bei den Oscars ignoriert wurde und nur wenige Jahre später, als ihn Frank Sinatra kurzerhand in sein Repertoire übernahm, zum Welthit avancierte. Wo doch nur und ausschließlich Bobby himself das Saxophon spielen darf. Bei Splitter erscheint der Band in standesgemäßem Hardcover mit Illustrationen auf den inneren Einband, die Robert de Niro in unterschiedlichsten Anzügen zeigen. Und das alleine ist die Lektüre schon wert. (hb)

Martin Scorsese – Die Graphic Novel Biografie
Text & Bilder: Amazing Ameziane
384 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
49,80 Euro

ISBN: 978-3-68950-101-3

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