
Wunderkind. Visionär. Erfinder des Sommer-Blockbusters. Schöpfer von ikonischen Szenen und Figuren. Auf Steven Spielberg trifft all das, und noch viel mehr, unumwunden zu. Die Laufbahn dieser Legende des Kinos beleuchtet der Amazing Ameziane (klingt wie ein Zauberer auf dem Jahrmarkt) in seiner Comic-Biographie, die inhaltlich passend neben dem mächtigen Werk zu George Lucas bei Splitter erscheint. Spielberg selbst gibt sich hier die Ehre, wie schon in Amezianes gewaltiger Quentin Tarantino-Story: nach einem kurzen Intro, das die humorige Ehrung für John Williams durch Harrison Ford im Rahmen der AFI Lifetime Achievement Awards 2016 nachzeichnet („that damned music follows me everywyhere“, grummelte Ford da zum Indiana Jones-Thema), erzählt der Maestro selbst in weitgehend fiktiven Gesprächen seine Lebens- und Schaffensgeschichte.
Geboren in den späten 40er Jahren, ist die jüdische Herkunft in seinem Hause sehr lebendig, der Vater ist Ingenieur, die Mutter Musikerin, er selbst verbindet das zu einer virtuosen Mischung aus Technik und Kunst. Einen Meteoritenschauer und die Scheidung der Eltern wird er in seinem persönlichsten Film „Close Encounters of the Third Kind“ verarbeiten, als Jugendlicher beeindruckt in David Leans „Lawrence of Arabia“ zutiefst. Bald dreht er erste Amateurfilme, sein Kurzfilm „Amblin‘“ erregt die Aufmerksamkeit der Universal-Bosse, die ihn für ihre TV-Sparte engagieren, wo er 1971 – gegen den Widerstand des Kontrollfreaks Peter Falk, der dann doch zähneknirschend das Genie des jungen Herren konstatieren muss – die erste vollgültige Columbo-Episode „Murder by the book“ inszeniert.
Als ihm ein Drehbuch in die Hände fällt, in dem der Science Fiction Autor Richard Matheson (verantwortlich für Klassiker wie „The Incredible Shrinking Man“ und „I Am Legend“) seine Novelle „Duell“ verarbeitet, inszeniert Spielberg einen TV-Film, in dem ein einsamer Highway zur Jagdstrecke wird – was sogar in einigen europäischen Kinos landet. Als Teil des New Hollywood – zu dem auch George Lucas, Francis Ford Coppola, Brian de Palma und Martin Scorsese gehören – kann Spielberg nun endgültig für die große Leinwand arbeiten. Sein Debut „Sugarland Express“ wird 1974 ein Achtungserfolg mit Nominierung für die Goldene Palme, worauf ihm Universal für sein nächstes Projekt weitgehend freie Hand gibt. Die Adaption von Peter Benchleys Roman „Jaws“ soll entgegen aller Hollywood-Konvention auf dem offenen Meer gedreht werden, was Zeit und Kosten explodieren lässt.

Spielberg kämpft mit technischen Widrigkeiten („the shark is not working“ wird zum geflügelten Wort am Set), übernimmt ungeniert Techniken von Meistern der Kunst (wie etwa der Dolly Zoom, das Heranfahren und gleichzeitige Wegzoomen, das den Hintergrund gewissermaßen davoneilen lässt, was Hitchcock in Vertigo zu schwindelerregendem Effekt einsetzte) und lässt sich von John Williams zwei unsterbliche Töne komponieren, die bis heute zur Kinogeschichte gehören. Jaws gerät zum Triumph, der Sommerblockbuster ist geboren, Spielberg gilt als junges Genie. Nun will er endlich seinen Traum realisieren und schreibt ein Drehbuch quasi über sich selbst: Roy Neary will Kontakt mit den freundlichen Außerirdischen, der nächste Bruch mit allen Kino-Konventionen über die bösen Invasoren, der notorisch schwierige Francois Truffaut brilliert als Wissenschaftler, und die Spezialeffekte inklusive sagenhafter Matte Paintings von ILM berauschen Studio und Fans gleichermaßen.
Aber der Erfolg macht Spielberg auch leichtsinnig: die monumentale Satire „1941“ gerät 1979 zum kolossalen Flop. Als er sich noch von diesem Rückschlag erholt, schlägt George Lucas eine Zusammenarbeit vor: drei Filme sollen sie gemeinsam machen, Lucas liefert die Ideen, Spielberg soll Regie führen. Lucas möchte die Serials und Fernsehserien der 40er und 50er auf die Leinwand bringen – als Alfred R. Broccoli ihnen nicht die Rechte für James Bond gibt, erfinden sie kurzerhand ihren eigenen Helden, den sie nach Lucas‘ Hund Indiana nennen. Die Hauptrolle übernimmt auf Spielbergs Drängen hin Harrison Ford, den Lucas eigentlich auf die Figur des Han Solo festgelegt sah – der Rest ist Kinogeschichte – mit dem streitbaren Archäologen schaffen Lucas und Spielberg eine der ikonischsten Figuren der populären Kultur überhaupt. Beflügelt vom durchschlagenden Erfolg, macht sich Spielberg 1982 an ein weiteres Herzensprojekt und stürmt mit „ET“ wieder die Kinokassen. Einige Jahre später will er es 1992 dann endgültig wissen: mit gleich zwei Filmen tritt er an, einmal Sommerpopcorn, einmal gewichtige Historie – und sowohl mit „Jurassic Park“ als auch mit „Schindlers Liste“ schreibt er weiter an seiner unvergleichlichen Geschichte…

„We’re gonna need a bigger book”, mit diesem launigen Beinahe-Zitat aus „Jaws“ leitet der erstaunliche Ameziane nach der Hälfte seiner Biographie über von der eher comicartigen Umsetzung der frühen Werke in kleinen Episoden, die Spielberg selbst erzählt, hin zur essayhaften Darstellung, in denen Spielberg ab Indiana Jones – natürlich fiktive – Aufsätze über sein Schaffen abliefert. In diesem Kaleidoskop wird die Bescheidenheit, Emsigkeit und vor allem das technische Genie Spielbergs jederzeit sichtbar – ebenso wie sein Credo, man solle sich unbedingt mit guten Freunden umgeben und auf deren Rat hören. Seit er als einziger bei der berühmten Testvorführung an den Erfolg von Star Wars glaubte (was natürlich als Episode eingebaut ist), war ihm Lucas gewogen (und gab ihm einige Prozente des Einspielergebnisses ab, was Spielberg genau so reich machte wie Obi Wan Alec Guiness).
Auch die tief autobiographische und ernsthafte Seite seines Schaffens kommt bei Ameziane zum Ausdruck, vom Sohn, der seinem weinenden Vater Roy Neary „Crybaby“ entgegenruft (weshalb Steve McQueen die Rolle ablehnte, die dann an Richard Dreyfus ging), bis hin zu den gravitätischen historischen Werken, allen voran „Schindlers Liste“, aber auch „Saving Private Ryan“, „Amistad“ oder sein persönliches Familienepos „The Fablemans“. Gestalterisch zieht Ameziane dabei alle Register, von der Nachzeichnung ikonischer Szenen und Zitate („Nazis. I hate those guys“) über den sorgsam mit der Handlung alternden Erzähler Spielberg bis hin zu einer Hommage an die von Spielberg verehrten Arcade-Games in einer Doppelseite, die die Indiana Jones Handlung als Donkey Kong-Spiel nachstellt. Sehr fein auch eine Gegenüberstellung der Anfangssequenz von „Raiders of the Lost Ark“ mit dem alten Serial „Raiders of Ghost City“, die zeigt, wie genau sich Lucas und Spielberg an die Werke ihrer Kindheit anlehnten, um den gleichen sense of wonder wieder zu erzeugen. Damit eine weitere fulminante Film-Biografie, mit der der große Ameziano auf 192 Seiten einen würdigen Nachfolger zu seiner Quentin Tarantino-Huldigung liefert. (hb)
Steven Spielberg
Text & Bilder: Amazing Ameziane
192 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
35 Euro
ISBN: 978-3-68950-143-3