Die Morde des Herrn A.B.C. (Carlsen) | Comicleser

Die Morde des Herrn A.B.C. (Carlsen)

Dezember 8, 2025
Agatha Christie Classics, Band 5: Die Morde des Herrn ABC (Carlsen Verlag)

Treffen der Veteranen: Captain Hastings sucht seinen alten Weggefährten Hercule Poirot auf, der im Ruhestand ist und nur noch handverlesen Fälle annimmt. Und in der Tat kündigt sich ein solcher in Form eines Briefes an Poirot an, in dem ein gewisser „ABC“ für den 21. des Monats einen Mord im Ort Andover ankündigt. Was Scotland Yard für einen Scherz hält, wird grausige Realität, als in Andover tatsächlich die alte Dame Ms Asher in ihrem Zeitschriftenladen ermordet aufgefunden wird. Gestohlen wurde nichts, aber bei der Leiche findet sich ein Exemplar der berühmten ABC-Zugfahrpläne – ein Hinweis, der Poirot sofort neugierig macht. Das obligatorische Verhör der Angehörigen verläuft ergebnislos, und bald trudelt ein weiterer Brief bei Poirot ein, in dem der mysteriöse ABC einen weiteren Mord in Bexhill ankündigt.

Poirot ist zunächst überzeugt, dass man es mit einem wahnsinnigen Serienmörder zu tun hat, was sich zu bestätigen scheint, als man am Strand die Leiche der jungen Elizabeth Barnard findet, daneben erneut ein ABC-Zugfahrplan, aufgeschlagen auf der Seite mit den Verbindungen nach Bexham. Die Ermittlungen laufen wieder ins Leere, da geht die dritte Drohung bei Poirot ein: C ist an der Reihe, und in der Tat wird in Churston der vermögende Carmichael Clarke erschlagen. Poirot sucht verzweifelt den Schlüssel in dem Wahnsinn mit Methode – und während er sich verstärkter Kritik in der Presse ausgesetzt sieht, sammelt er die Betroffenen der drei Morde als „Spezialeinheit“ um sich. Als ABC den Buchstaben „D“ in Form des großen Pferderennens von Doncaster als Schauplatz ankündigt, sehen sich Scotland Yard und Poirot zunächst getäuscht, als sich urplötzlich der vermeintliche Täter freiwillig stellt…

Mit den „A.B.C. Murders“ legte die Queen of Crime Agatha Christie 1936 ihren 18. Kriminalroman vor, in dem Hercule Poirot in gleich mehrerer Hinsicht Neuland betrat. Die Erzählperspektive wechselt von den Ich-Berichten des Colonel Hastings hin zu auktorialer Perspektive, die nach wie vor von Hastings berichtet wird. Noch spannender ist allerdings der Kunstgriff, dass Christie vorgeblich vom üblichen Muster des Whodunnit im Closed Room abweicht. Anstelle eines Mordes, der sich in einer kleinen Gruppe Verdächtiger ereignet, in deren Reihen Poirot dann ermittelt (Paradebeispiele dafür sind die ebenfalls in der Reihe schon adaptierten „Mord im Orientexpress“, „Hercule Poirots Weihnachten“ und „Tod auf dem Nil“), scheint sich hier die Geschichte eines Psychopathen zu entspinnen, der seine Opfer anhand eines perfiden Schemas willkürlich auswählt, was auch Hastings und Poirot zunächst vor ein Rätsel stellt: „Das ist doch seltsam, Poirot. Bis jetzt waren alle unsere Fälle Morde ‚in kleinem Kreise‘. – Sie haben Recht. Es zählte immer die Geschichte des Opfers. Wer profitiert von dem Verbrechen? Hier haben wir ein Verbrechen von außen, unpersönlich und kaltblütig ausgeführt.“

Als sich dann auch noch ein offenkundig schizophrener Kriegsveteran stellt, scheint die Sache ganz im Stile späterer Serienmörder-Thriller geklärt – aber Poirot wäre nicht Poirot, wenn er sich mit dieser offensichtlichen Erklärung zufriedengeben würde. Worauf sich dann eben doch noch das Closed Room-Muster entfaltet, als Poirot alle Beteiligten zusammenholt und den – Spoiler ahead – wahren Täter doch noch auf seine ureigene Manier entlarvt. Dazu gesellen sich muntere Anspielungen, wie etwa eine launige Sherlock Holmes-Parodie und die Tatsache, dass Poirot mit seiner Art nicht wenigen Scotland Yard-Ermittlern gehörig auf die Nerven geht. Für die zeitgenössische Leserschaft waren außerdem die ABC-Zugfahrpläne ein geläufiges Medium, vergleichbar dem Telefonbuch oder dem ebenso populären Straßenplan London A-Z, den wir (selige, einfachere Prä-Internet-KI-Zeiten…) bei unseren ersten England-Ausflügen noch weidlich nutzten. Bei Carlsen erscheint diese Adaption von Frédéric Brémaud in der Feder von Alberto Zanon, der sich ganz klassisch am franko-belgischen Duktus orientiert, als Band 5 der Reihe „Agatha Christie Classics“ gewohnt in hochwertiger Aufmachung. (hb)

Agatha Christie Classics, Band 5: Die Morde des Herrn A.B.C.
Text & Story: Frédéric Brémaud, nach Agatha Christie
Bilder: Alberto Zanon
64 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
20 Euro

ISBN: 978-3-551-80744-1

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