Schwarze Seerosen (Splitter) | Comicleser

Schwarze Seerosen (Splitter)

Januar 10, 2020

Giverny, ein Dörfchen in der Normandie. Berühmt geworden durch den Impressionisten Claude Monet, der dort bis zu seinem Tod 1926 seine zahlreichen Seerosen-Bilder malte, jedes einzelne davon heute unbezahlbar. Jetzt liegt in dem Flüsschen, das an dem Ort vorbeiführt, ein Toter. Jérôme Morval war ein wohlhabender Augenchirurg und ein Gemäldesammler. Er wurde erstochen, dann schlug man ihm den Schädel ein und legte ihn ins Wasser. Gründliche Arbeit also. Inspektor Laurenc Sérénac, jung, fesch und unerfahren, wird gemeinsam mit seinem Assistenten Sylvio Bénavides mit dem Fall betraut. Sérénac kennt sich mit Kunst aus, das könnte in dem Umfeld nützlich sein. Bei seinen Ermittlungen erfährt er, dass Morval ein rechter Schwerenöter war und stößt bald auf den Jäger Jacques Dupain. Dessen Frau, die attraktive Lehrerin Stéphanie könnte ein Verhältnis mit Morval gehabt haben – Eifersucht wäre also ein Motiv. Sérénac vernarrt sich in die Lehrerin, ein Umstand, der nicht unbedingt hilfreich bei neutralen Ermittlungen ist. Und dann geschieht ein weiterer Mord…

Das ist die vordergründige Story des Krimis, wie sie hier als Comic-Adaption des Romans von Michel Bussi präsentiert wird. Doch gleich zu Beginn weiß der Leser mehr als die Polizisten. Denn drei Frauen unterschiedlichen Alters haben mit dem Fall wohl etwas tun und eventuell sogar Dreck am Stecken: die 11-jährige Schülerin Fanette Morelle, die bereits eine begabte Malerin ist, dann die Lehrerin Stéphanie Dupain, 36 Jahre alt – unzufrieden und offenbar auch unbefriedigt. Und schließlich eine 84 Jahre alte Dame, die noch unbekannte Handlungs-Fäden in der Hand hält und die als Erzählerin aus dem Off fungiert. Ihren Namen erfahren wir nicht – zumindest vorerst. Sie scheint das Geschehen zu beobachten und als Masterplanerin ihre Schlüsse zu ziehen. Während Assistent Bénavides auf mehreren Ebenen ermittelt, hat sich Inspektor Sérénac gleich doppelt verrannt: in die Lehrerin und in die Überführung ihres Mannes als Mörder. Natürlich nicht ohne Hintergedanken. Könnte die Suche nach einem legendären Gemälde der Schlüssel sein – die schwarzen Seerosen, die Monet in Vorahnung seines Todes angeblich malte?

Das Mädchen und der Kommissar

Der Prolog, der den Band einleitet, beschriebt in parallelen Panel-Montagen die drei Frauen in dräuenden Worten, was sofort neugierig macht und den Leser gleich erfolgreich abholt. Man ahnt von Beginn an, dass mehr in der Story steckt, als die Polizisten ermitteln. Und das Anfüttern des Lesers mit immer neuen Hinweisen und Verstrickungen wird stetig weiter gesponnen, ohne dass sich ein Gesamtbild ergibt. Neue Handlungsfäden, neue Personen werden eingeführt und dabei wenig enthüllt – vielmehr entstehen immer neue Rätsel, die häppchenweise ans Licht kommen. Und irgendwann fragt man sich, wie der Fall überhaupt noch schlüssig aufgeklärt werden kann. Kann er, und eines ist dabei klar (ohne zu spoilern): der Leser wird am Ende völlig verblüfft zurückblättern und dann noch verblüffter erkennen, wie schlüssig und ausgebufft die Story angelegt und auch zeichnerisch umgesetzt ist. Nur so viel: die Dinge sind nicht wie sie scheinen, ebenso wenig wie die Personen. Und das, was vermeintlich wichtig ist, wird am Ende zur Nebensache. Denn die Wahrheit liegt woanders. Und wie sie das tut!

Buchautor Michel Bussi hielt seinen Roman nicht als Comic umsetzbar. Nach der Lektüre wird auch klar, wieso. Und es wird auch klar, wie raffiniert und bedacht Adapteur Fred Duval (u.a. „Tag X“, „Hauteville House“, „Wonderball“) und Zeichner Didier Cassegrain („Die Stunde der steinernen Drachen von Troy“) bei ihrer Graphic Novel zu Wege gehen. Cassegrain lehnt seine Bilder dabei an die impressionistische Malerei Monets an und schafft damit auch eine Hommage in sanften Farben, ohne jedoch zu übertreiben oder gar abstrakt zu werden. Denn Monet ist in dem Ort, der heute einem bewohnten Freilicht-Museum gleicht und von zahlreichen Touristen aus aller Welt besucht wird, überall präsent. Ein wunderbar zeichnerisch umgesetzter Kniff ist auch die virtuelle Reise Sylvios in die Vergangenheit der Stadt Rouen. Mehr gibt es nicht zu verraten. Nur eines noch: man lese und lasse sich überraschen. (bw)

Schwarze Seerosen
Text: Frédéric Duval, nach dem Roman von Michel Bussi
Bilder: Didier Cassegrain
144 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
35 Euro

ISBN: 978-3-96219-372-0

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