Rick Master Gesamtausgabe, Band 1 (Splitter) | Comicleser

Rick Master Gesamtausgabe, Band 1 (Splitter)

Dezember 13, 2017

Auch Rick Master, seines Zeichens Reporter und Amateurdetektiv, fing mal klein an. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und das gleich doppelt. Band 1 der Gesamtausgabe der Fälle des berühmten franko-belgischen Comichelden dokumentiert, wie Rick Master, sowohl die Figur, als auch die Serie, starteten, in Fahrt kamen und langsam (aber sicher) Form und Format annahmen. Die Geschichte beginnt 1955 mit der 5-seitigen Story „Rick Master macht das Spiel“, in der der junge Zeitungsverkäufer Spione unschädlich macht und dafür zum Reporter der Zeitung „Rafale“ befördert wird. Ganz im Stile des Magazins Tintin in einem klaren, semi-realistischen Stil gezeichnet. Vier weitere Kurzgeschichten, in denen Rick ständig älter wird (und damit verbunden Tibets Zeichenstil reift) und in denen auch Kommissar Bourdon sein Debut feiert, sollten folgen, bis es dann 1961 so weit war und die erste längere Story mit Rick Master erscheint.

In der 30-seitigen Episode „Das Chamäleon“ wird Kommissar Bourdon eine brisante Geheimakte geklaut. Der Täter nennt sich Chamäleon und lenkt den Verdacht geschickt auf zwei andere Gauner, ehe er sich selbst als Polizist entpuppt und dingfest gemacht wird. Das Chamäleon, alias Inspektor Manière wird über 50 Jahre später in der Serien-Neuauflage („Die neuen Fälle von Rick Master“) wieder eine Rolle spielen. Und: Nebenfigur Inspektor Ledru ist erstmals mit von der Partie. Rick trägt hier noch seinen frühen Kurzhaarschnitt, aber Tibets charakteristischer Stil festigt sich und ist bereits unverkennbar. Die zweite längere Episode (ebenfalls 30 Seiten) trägt den Titel „Entführt“. In Le Havre trifft Rick zufällig den Reeder Chevallier, dessen Sohn gerade entführt wurde. Natürlich darf die Polizei nicht eingeschaltet werden, weshalb Rick den Fall übernimmt. Er übergibt das Lösegeld, findet das Kind und gerät schließlich selbst in den Kreis der Verdächtigen. Auch hier ist die Handlung eher einfach gestrickt. Findige Krimi-Leser riechen schnell Lunte, auch weil es an Verdächtigen mangelt, aber es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Rick selbst in Verdacht gerät. Nebenbei: die beiden Storys wurden 1984 in der Rick Taschenbuch-Reihe des Bastei Verlages dermaßen dilettantisch gekürzt, ummontiert und damit völlig verhunzt abgedruckt, dass selbst ein Comic-Laie erkannte, dass hier etwas faul war…

1962/63 erscheint mit 60 Seiten Umfang „Die geheimnisvolle Insel“. Der Titel hat nichts mit Jules Verne zu tun (im Original treffender „Mystère à Porquerolles“), vielmehr wird Rick von seiner Zeitung „La Rafale“ auf die Mittelmeer-Insel Porquerolles geschickt. Er soll dort den Verbleib von Kollege Bob Drumond erkunden, von dem seit zwei Tagen jede Spur fehlt. Schon bald nach seiner Ankunft fällt der Verdacht auf den wohlhabenden Baron de Gusbin. Oder besser: auf einen der Barone, denn Rick bekommt es mit einem Bruderpaar zu tun. Nach einem Anschlag gilt Rick alt tot und ein trauriger Kommissar Bourdon übernimmt die Ermittlungen, während Rick undercover in einer neuen Identität ermittelt… Die Story erweist sich als äußerst kurzweilig und glänzt mit Zutaten, die man aus James Bonds Missionen kennt (der erste Bond Film „Dr. No“ erschien ebenfalls 1963): Ermittlungen in betuchten Kreisen, Geheimtüren, unterirdische Verliese und am Ende explodiert die ganze Chose. Sehr unterhaltsam.

Bei der Premiere gleich auf dem Tintin-Cover

Im Folge-Abenteuer „Gefährliche Herausforderung“ (1963/64, wieder 60 Seiten), in dem wir erstmals Ricks charakteristischen gelben Porsche erspähen, geht Rick unter die Sportflieger, was für ihn und Kommissar Bourdon fast tragisch endet. Beinahe kollidiert ihre Maschine mit der des Industriellen Valloire, der beim Absturz nur knapp mit dem Leben davon kommt. Der Absturz war kein Zufall: Valloire erhält Morddrohungen. Weitere Anschläge auf dessen Leben folgen, der Täter entkommt jedes Mal unerkannt. Auch Rick steht vor einem Rätsel. Inszeniert Valloire, der eine Vergangenheit als Betrüger hat, die Zwischenfälle? Mit diesem munteren Verwirrspiel zeigen Duchâteau und Tibet (der bei den Hintergründen wie immer von Mittéi unterstützt wird), dass sie die Blaupause für die Serie inzwischen gefunden haben: immer aberwitzigere, scheinbar unerklärliche Zwischenfälle geschehen und steigern die Spannung. Der Leser wird erfolgreich aufs Glatteis geführt, mit falschen Fährten und diversen Verdächtigen, bis es am Ende zur Auflösung kommt, die naturgemäß Rick beisteuert.

So dokumentiert der Band die Genese eines klassischen franko-belgischen Comichelden, nicht nur durch die chronologisch enthaltenen Comic-Storys, sondern auch durch den einmal mehr beeindruckenden Sekundär-Teil, der neben dem ersten Teil eines Tibet-Portraits auch zahlreiche Abbildungen von Arbeiten des Zeichner aus der Zeit vor Rick Master beinhaltet, von den frühen Comic-Anfängen 1950 – im Mickey Magazine (!) – bis zu den ersten albumlangen Ric Hochet Abenteuern (Ric Hochet ist der französische Originaltitel – incl. Wortspiel, auf flämisch heißt der Gute Rik Ringers). Das sind in erster Linie Titelbilder von Tintin (die teils direkt mit den Vorzeichnungen Tibets verglichen werden können), aber auch Skizzen und einzelne Illustrationen. Nach Band 11 der Gesamtausgabe, der als erstes erschien und wo der Held bereits im vollen Serien-Saft steht, geht es jetzt zurück zu den Anfängen und damit zu einem Kapitel franko-belgischer Comic-Historie. Sehr schön! (bw)

Rick Master Gesamtausgabe, Band 1
Text: André-Paul Duchâteau
Bilder: Tibet, Mittéi
256 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
29,80 Euro

ISBN 978-3-95839-577-0

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