H.P. Lovecrafts „Der Hund“… (Carlsen) | Comicleser

H.P. Lovecrafts „Der Hund“… (Carlsen)

September 4, 2019
H.P. Lovecrafts "Der Hund" und andere Geschichten (Carlsen)

…und andere Geschichten. Drei an der Zahl, um genau zu sein. Viele phantastische Comics arbeiten mit Motiven des Horror-Schriftstellers H.P. Lovecraft. So basiert der mythologische Überbau des Hellboy-Universums zu großen Teilen auf Lovecrafts Werken (Cthulhu-Mythos). Und in „Providence“ greift Comic-Genius Alan Moore diverse Stories des Horror-Schriftstellers auf, indem er seinen Protagonisten diese durchleben lässt. Auch direkte Adaptionen sind auf dem Markt erhältlich: „Lovecraft“ von Alberto Brecchia und „H.P. Lovecraft: Vom Jenseits und andere Erzählungen“ sind im avant Verlag erschienen. Der bekannte Deutsche Graphic Novel Künstler Reinhard Kleist beschäftigte sich ebenfalls in seiner frühen Karriere mit Adaptionen von Lovecraft-Erzählungen (bei Edition 52 und bei Ehapa erschienen). Nun also auch Lovecraft aus Japan: Im ersten Band seiner Adaptionen, der übrigens 2018 für einen Eisner Award nominiert war, nimmt der Mangaka Gou Tanabe sich dreier Kurzgeschichten an: „Der Tempel“, „Der Hund“ und „Stadt ohne Namen“.

Nach einer erfolgreichen Versenkung entdeckt die Mannschaft von U29 die Leiche eines vermeintlichen Englischen Seemannes an Deck. Der Tote trägt einen kleinen Elfenbeinkopf bei sich, der womöglich antiker Herkunft ist. Leutnant Klenze nimmt die Trophäe an sich. Bald darauf macht sich Unruhe in der Mannschaft breit. Besatzungsmitglieder verschwinden spurlos. Als nach einem unerklärlichen Unfall im Maschinenraum das Boot manövrierunfähig wird und nicht mehr auftauchen kann, beginnt die Mannschaft zu meutern und wird von Leutnant Klenze und Kapitän Graf von Altberg-Ehrenstein erschossen. Dann begeht auch Klenze Selbstmord. Nur noch der Kapitän bleibt übrig und sieht, dass sein Boot mitten in einer unterseeischen Ruinenstadt strandet, die von einem gewaltigen Tempel überragt wird. Sich des drohenden Wahnsinns und der Aussichtslosigkeit seiner Lage bewusst, beschließt der Kapitän, den Tempel und den Ursprung des seltsamen Lichts, das von ihm ausgeht, zu ergründen…

„Der Tempel“ wurde von Lovecraft 1920 geschrieben und erstmals 1925 in Weird Tales veröffentlicht (und diente ganz offensichtlich als Vorlage für Christophe Becs „Heiligtum“). Gou Tanabe verlegt die Handlung vom Ersten in den Zweiten Weltkrieg (und verzettelt sich kurioserweise dabei, indem er seine Figuren dennoch vom Kaiser und vom Kaiserreich sprechen lässt). Wirklich interessant – v.a. auch optisch – wird die Geschichte erst am Ende, als die Ruinen, die der Kapitän für das versunkene Atlantis hält, auftauchen und ein beindruckendes Setting bilden. Zuvor im Boot will sich die klaustrophobische Atmosphäre, die man von Genre-Filmen kennt, nicht so recht einstellen. Allenfalls die vielen kleinen Panels deuten darauf hin. Zu sehr konzentriert sich die Story auf die Darstellung der Personen und Gesichter, was einen etwas schematischen Eindruck vermittelt.

Das ändert sich in der nächsten Geschichte, die im viktorianischen England spielt und die v.a. durch die opulent und akribisch ausgestalteten Panels glänzt. In „Der Hund“ (1922 geschrieben, 1924 in Weird Tales erstmals gedruckt) wird der Horror intensiver und greifbarer. Hier taucht auch erstmals bei Lovecraft das vielzitierte Necromomicon auf. Die Zeichnungen, scheinbar befreit von der Enge des U-Bootes, erinnern jetzt auch an den klassischen schwarz-weiß Stil eines Bernie Wrightson, was v.a. in den diversen dräuenden Nachtszenen zum Tragen kommt: Zwei vom Leben gelangweilte Engländer betreiben ein morbides Hobby: sie plündern alte Gräber und ziehen daraus ihren Nervenkitzel. Nun wollen sie sich in Holland ein 500 Jahre altes Grab, in dem selbst ein Grabräuber bestattet liegt, vornehmen. Darin entdecken sie neben der erstaunlich gut erhaltenen Leiche ein seltsames Amulett, das einen geflügelten Löwen darstellt. Begleitet wird ihre Aktion von dem nicht zu ortenden Geheule eines Hundes. Auch zurück in England vernehmen sie das durchdringende Heulen und müssen bald erkennen, dass sie von einer wahren Monstrosität heimgesucht werden…

Wie für Lovecraft typisch, werden alle drei Geschichten rückblickend erzählt (der U-Boot Kapitän brachte noch eine Flaschenpost auf den Weg), wobei die Protagonisten im günstigsten Falle schwer gezeichnet davon kommen. So auch der Archäologe, der des Nachts die vor Urzeiten verlassene „Stadt ohne Namen“ irgendwo in der arabischen Wüste entdeckt („The Nameless City“, 1921 geschrieben, erst 1938 in Weird Tales gedruckt). Wohl die radikalste Geschichte des Bandes. Der Forscher dringt, einem Lufthauch folgend, in einen Tempel ein, der für Menschen viel zu klein geraten scheint. Dort entdeckt er Sarkophage, die mit Glasdeckeln verschlossen sind und in denen Reptilien-Menschen liegen (die manche sogar in Leonardos Mona Lisa zu erkennen glauben). Nach diversen drastischen Wandgemälden, auf denen die Reptiloiden Menschen massakrieren, folgt auch dieser Forscher einem plötzlich auftauchenden Licht… Die Story beinhaltet übrigens das berühmte Zitat „That is not dead which can eternal lie…“, das Lovecraft dem Autor des Necronomicons zuschreibt.

Fazit: drei Kurzgeschichten, in beindruckende Bilder umgesetzt – stilistisch eher Manga untypisch – düster und von der Grundstimmung gut getroffen. Wie die Vorlagen monströs, mysteriös, mit kaum greifbarem Grauen durchsetzt. Und damit für Lovecraft- und Horror-Fans eine klare Empfehlung. Ein weiterer Band ist für den März 2020 geplant. (bw)

H.P. Lovecrafts „Der Hund“ und andere Geschichten
Text & Bilder: Gou Tanabe
176 Seiten in schwarz-weiß, Softcover
Carlsen Verlag
12 Euro

ISBN: 978-3-551-72174-7

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