Berliner Mythen (Carlsen) | Comicleser

Berliner Mythen (Carlsen)

Juni 8, 2016

Berliner Mythen (Carlsen)

Berlin, diese ebenso geschichtsträchtige wie bunt-kontroverse Stadt, war schon immer für eine deftige Geschichte gut. Allzu lange ist die Liste der illustren Gestalten, der historischen Momente und der kuriosen Vorgänge, als dass man diese nicht in eine wunderbare Sammlung gießen könnte. Und genau eine eben solche tritt uns hier entgegen: jeweils im Kurzgeschichten-Modus gehalten, ranken sich die insgesamt zehn Erzählungen, stets zusammengehalten vom zentralen Motiv des Taxifahrers Ozan, der seinen Fahrgästen die einzelnen Ereignisse und Absonderlichkeiten auftischt. Da erleben wir den Fall der mörderischen Krankenschwester Kusian, die traumatisiert vom Krieg völlig abgestumpft zwei Menschen tötete, deren Körperteile säuberlich abtrennte und in West- und Ost-Berlin verstreute, oder den spektakulären KaDeWe-Schmuckraub der Zwillingsbrüder Hassan und Abbas.

Nicht fehlen darf auch die archetypische Diva Marlene Dietrich, die vor ihrer Weltkarriere in Berlin als Tänzerin arbeitete, bevor sie von Josef von Sternberg in einer Revue entdeckt wurde, in der sich der große Regisseur eigentlich den Hauptdarsteller Hans Albers ansehen wollte – und die auch kurz vor ihrem selbstgewählten Asyl in Paris eine ganz eigene Verbindung zu Berlin pflegte (unter anderem ja auch in Billy Wilders wunderbarer „Auswärtigen Affaire“). Die „Rosinenbomber“ der Luftbrücke gehören ebenfalls zum unverzichtbaren Berlin-Fundus wie die mysteriöse, angebliche Zarentochter Anastasia. Aber auch popkulturellen Ikonen geben sich ein Stelldichein, natürlich in persona der ewigen Kunstfigur David Bowie (der Ende der 70er in den Hansa-Studios unter anderem sein Album „Heroes“ einspielte, dessen Entstehungsgeschichte hier thematisiert wird), komplett mit seinem chaotischen Mitbewohner Iggy Pop, der dem großen Meister gerne mal die Edelhäppchen aus dem KaDeWe wegfutterte, weshalb Bowie ihn entnervt rauswarf (wobei Herr Pop den Gentleman-Musiker unbegreiflicherweise überlebt hat, was er erst jüngst beim Rockavaria in München unter Beweis stellte). Und auch die neuere Geschichte kommt mit der Endlos-Posse um den Hauptstadtflughafen zu Ehren, die ja ein durchaus tragischer Mythos ist.

Berlin als Fluchtpunkt inhaltlich lose verbundener Geschichten, das kennen wir schon dem Filmklassiker „Menschen am Sonntag“. Die vorliegende Serie, die basierend auf einer Idee von Journalist Lutz Göllner und Lektor Michael Groenewald bereits ab 2012 im Stadtmagazin zitty erschien, eröffnet allerdings weniger einen sozialen Querschnitt, sondern eher einen bunten Reigen Berliner (und nebenbei deutscher) Geschichte, die im klassischen Portmanteau-Format daherkommt, das nicht zuletzt im klassischen Horrorfilm gepflegt wurde: alle Geschichten haben mit dem Taxifahrer Ozan und dem Thema Berlin einen zentralen Ankerpunkt, wobei sich stets neue Facetten und Aspekte eröffnen. Ozan drängt seinen Fahrgästen seine Stories nahezu auf, verdreht dabei immer wieder deutsche Sprichwörter, was für ein komisches Leitmotiv sorgt. Szeneveteran Reinhard Kleist (der mit „Berlinoir“ die Stadt bereits futuristisch-düster in Szene setzte), seit 20 Jahren Wahlberliner, inszeniert das Ganze bewusst stilisiert und pointiert, getreu seinem Graphic Novel-Stil, den er in Werken wie „Cash“ oder „Der Boxer“ perfektioniert hat.

Mit viel Lokalkolorit versehen, erkennt man genüsslich Personen, Straßen und Gebäude und studiert die vorangestellte Stadtkarte, in der die Schauplätze der einzelnen Stories eingetragen sind. Gerne gibt es dabei auch kleinere Genre-Parodien, wie etwa die Gruselgeschichte „Die Spukvilla“, anderen Ende Ozan orakelt: „Seltsam, aber so steht es geschrieben“, was ja für eine ganze Generation von Lesern der „Gespenster-Geschichten“ aus dem seligen Bastei-Verlag fast schon zum geflügelten Wort wurde. Inhaltlich dreht sich in der Anthologie alles um die Erkenntnis, die schon John Fords Edelwestern „The Man Who Shot Liberty Valance“ durchzog: wenn die Legende zur Wahrheit wird, dann drucken wir eben die Legende. Will heißen: es geht, wie der Name sagt, wie bei Volkssagen und den großen Heldenliedern um sinn- und identitätsstiftende Erzählungen. Nicht jede Geschichte muss unbedingt im letzten Detail wahr sein – so lange sie den Mythos begleitet und verdeutlicht, der Berlin umgibt, diesen Mythos vielleicht sogar weiter nährt und ein Stück weiterspinnt, dann gehört sie in diesen Reigen. Eine Berliner Ballade im besten Sinne also, womit wir bei einem weiteren Filmklassiker wären. (hb)

Berliner Mythen
Text: Lutz Göllner, Michael Groenewald, Reinhard Kleist
Bilder: Reinhard Kleist
96 Seiten in Farbe, Softcover
Carlsen Verlag
14,99 Euro

ISBN: 978-3-551-72815-9

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